30-Franken-PC für Künstler und Bastler

Bei Künstlern und Bastlern sind sie beliebt. Und allmählich wird auch in Firmen damit gearbeitet: Arduinos sind Kleincomputer. Erfunden hat sie ein Team um Massimo Banzi. Wir haben ihn an der Genfer Innovationskonferenz Lift getroffen.

Ein einfacher Computer auf einer Platine: Das ist ein Arduino.

Ein einfacher Computer auf einer Platine: Das ist ein Arduino.

(Bild: Justus Blümler/zvg)

Mathias Born@thisss

Massimo Banzi, was basteln Sie mit Ihrem Arduino?
Massimo Bazi: Ich arbeite oft mit Arduinos. Oder besser gesagt: Die Studenten, die ich an der Fachhochschule Lugano und in Kopenhagen in Interaktionsdesign unterrichte, arbeiten intensiv damit. Die wenigsten verfügen über grosses technisches Know-how. Für sie haben wir die Platinen ursprünglich entwickelt: Nach kurzer Einarbeitungszeit kann man damit schon etwas bauen. Mittlerweile sind die Arduinos aber auch bei anderen Leuten gefragt.

Arduinos sind nackte Platinen, die man ab rund 30 Franken kaufen kann. Wer damit etwas anstellen will, muss nicht nur programmieren, sondern oft auch den Lötkolben zur Hand nehmen. Wer kauft so ein Produkt?
Studenten, Medienkünstler und Bastler arbeiten oft mit Arduinos. Daneben gibt es einige Communitys, in denen die Platinen intensiv genutzt werden. Etwa jene der Modellflieger: Da Arduinos klein und leicht sind, lassen sie sich gut auf Drohnen montieren, sodass diese autonom fliegen können. Aus diversen ehemaligen Hobbyprojekten sind übrigens bereits Firmen entstanden. Zunehmend sind Arduinos aber auch bei Ingenieuren und Produktdesignern gefragt. Denn damit lassen sich im Handumdrehen Prototypen bauen.

Von Lampen bis zu Blumentöpfen werden immer mehr Dinge vernetzt. Sind Ihre Platinen die Bausteine fürs Internet der Dinge?
Arduinos sind günstig, klein, benötigen wenig Strom und sind einfach zu programmieren. Das macht sie zumindest mal interessant für den Bau von Prototypen. Soll ein Produkt später massenweise produziert werden, können die Platinen immer noch optimiert werden, da wir die Schaltpläne wie auch die ganze Software veröffentlichen. Sehr viele Unternehmen bleiben aber gleich bei den Original-Arduinos.

Software, deren Code freigegeben wird, gibt es viel. Hardware nicht. Ist es schwierig, Computer zu produzieren, deren Schaltpläne man veröffentlichen darf?
Das Herz des Arduinos ist ein einfacher Prozessor. Deshalb war es kein grosses Problem, die Schaltpläne veröffentlichen zu dürfen. Bei neuen Prozessoren hingegen geben die Hersteller noch immer nicht preis, wie diese funktionieren. Obwohl: Einige sehen allmählich ein, dass nicht nur Geheimniskrämerei und Patentschlachten zum Erfolg führen können, sondern auch Offenheit und Zusammenarbeit. Für uns bedeutet die Offenheit konkret, dass wir uns nur eine kleine Supportabteilung leisten müssen und dadurch die Produkte günstig anbieten können. Wenn Nutzer Fragen haben, helfen oft Mitglieder der Community weiter.

Weshalb produzieren Sie in Italien, während fast die gesamte Branche in China fertigen lässt?
Vermutlich könnten wir einige Rappen sparen, wenn wir in China produzieren liessen. Das Projekt ist aber an der Designschule im norditalienischen Ivrea entstanden. Und es ist nach Arduin von Ivrea benannt, dem Marktgrafen der Stadt und späteren König von Italien. Wir starteten genau in jener Zeit, als Olivetti sich weitgehend aus dem Computergeschäft zurückzog. Das «kleine Silicon Valley», das sich rund um Olivetti gebildet hatte, verfügte über Kapazitäten. Bis heute lassen wir die Boards dort fertigen. Wir sind der Überzeugung, dass Produkte dort hergestellt werden sollten, wo sie hauptsächlich gekauft werden. Die Kunden sollten bereit sein, einige Franken mehr für regionale Produkte auszugeben. In unserem Fall sind 30 Franken für einen Rechner immer noch wenig.

Wie viele Arduinos haben Sie bislang verkauft?
Wir haben eine Million Arduinos abgesetzt. Vermutlich existiert zusätzlich eine Million Kopien. Die meisten stammen aus China.

Sie veröffentlichen die Schaltpläne der Arduinos – und laden damit zum Kopieren Ihrer Ideen ein. Zugleich mokieren Sie sich in Ihrem Blog über die Kopien...
Ich störe mich nicht an den Kopien. Ich ärgere mich bloss darüber, dass diese als Originale ausgegeben werden. Unsere Platine ist ein schönes Stück Design – von der Anordnung der Schaltkreise bis zu den Beschriftungen, dem Logo und der Verpackung. Viele Kopien sind hingegen schlecht gemacht. Unseren Namen sollen die nicht tragen! Schauen Sie diesen Pullover an: Es macht wenig Sinn, ein solches Kleidungsstück patentieren zu lassen. Was also tut der Hersteller? Er heftet ihm eine Etikette mit dem Markennamen an. Die Kunden können entscheiden, ob sie das Original oder eine Kopie kaufen wollen. Ähnlich halten wir es: Wir begrüssen es, wenn jemand die Schaltpläne nimmt, sie verbessert, die neuen Schaltpläne selbst wieder veröffentlicht und eine eigene Platine produziert. Aber wir wehren uns, wenn jemand von unserem Renommee zu profitieren versucht oder trotz Produktion in Asien die Italien-Karte verwendet.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie gefälschte Arduinos entdecken?
Wir schicken dem Hersteller zuerst eine E-Mail. Da die wenigsten chinesischen Fabrikanten darauf reagieren, lassen wir ihm vom Anwalt einen Brief schicken. Leider landet er mit grosser Wahrscheinlichkeit im Abfalleimer. Deshalb haben wir Leute eingestellt, die Chinesisch sprechen. Sie rufen den fehlbaren Hersteller direkt an, reden ihm ins Gewissen und fordern ihn auf, die Platinen fortan unter einem eigenen Namen zu vermarkten. Mit dieser Strategie haben wir relativ guten Erfolg. Der direkte menschliche Kontakt funktioniert in der chinesischen Geschäftswelt besser als die Abmahnungen von Juristen.

Berner Zeitung

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