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Dave Chappelle nimmt Stellung«Diese Strassen werden für sich selbst sprechen»

Der afroamerikanische Kult-Comedian Dave Chappelle sagt, wieso er nichts sagt – in seinem neuen Netflix-Special «8:46».

Dave Chappelle 2018. Jetzt hat der Comedian das harte Netflix-Special «8:46» veröffentlicht.
Dave Chappelle 2018. Jetzt hat der Comedian das harte Netflix-Special «8:46» veröffentlicht.
Foto: Mario Anzuoni (Reuters)

Seit 87 Tagen war er nicht mehr aufgetreten; und er hätte wohl auch weiter geschwiegen, wenn der afroamerikanische CNN-Journalist Don Lemon ihn nicht getriggert hätte mit der Forderung, die Promis sollten doch jetzt bitte mal laut Stellung beziehen in Sachen «Black Lives Matter». «Ich bin sehr stolz auf euch!», rief Dave Chappelle zu Beginn seines halbstündigen Freiluft-Comedy-Sets – das so gar keins war – den jungen Leuten zu, die mutig auf den Strassen demonstrieren gehen. «Ihr Kids seid exzellente Fahrer, und ich fühl mich wohl auf dem Rücksitz des Autos.»

Dann aber hat Chappelle – vielfach gefeiert als grösster Comedian aller Zeiten – sich dennoch ans Steuer gesetzt. Und sein Publikum mitgenommen auf den Horrortrip durch die Geschichte weisser Gewalt gegen Schwarze in den USA. Und weil er seit 2016 mit Netflix einen Deal hat, ist «8:46» nun als Netflix-Special erschienen.

Da hockt der 46-Jährige, in legerem schwarzem Outfit, krumm auf dem Barhocker, in der einen Hand die Zigi, auf dem Schoss das Notizbuch und steigt ein in diese Show, die er selbst «seltsam» nennt, und schildert seine Todesangst während des Northridge-Erdbebens in den Neunzigern, das nicht einmal eine halbe Minute dauerte. «Und dieser Mann kniete auf dem Hals eines Menschen 8 Minuten und 46 Sekunden lang!»

Der habe gewusst, dass er sterben würde. «Er rief nach seiner toten Mutter!» Chappelle hat das nur ein einziges Mal erlebt, erzählt er: als sein sterbender Vater nach seiner eigenen Grossmutter rief. Wie könne man 8 Minuten und 46 Sekunden lang auf dem Hals eines Menschen knien und glauben, dass der Zorn Gottes nicht über einen komme? «Das ist das, was gerade geschieht. Und das nicht wegen eines einzigen Cops, sondern wegen fucking allem! … Als ich das Video gesehen hatte, verstand ich: Keiner geht nach Hause.» Jetzt spreche die Strasse. Und er werde sie nicht mit seinem Celebrity-Status übertönen.

«Mein Urgrossvater wurde als Sklave geboren. Diese Dinge sind nicht lange her. Sie sind heute!»

Dave Chappelle, Comedian

Allerdings ist man tief bewegt, dass – und wie – er ihn nutzt. Dass er verrät, um 8:46 Uhr am Morgen geboren zu sein, und dass diese Zahlen in sein Hirn eingebrannt sind. Dass er wütend grausame Momente von «dem allem» referiert. Während Chappelle von Eric Garner berichtet, wird das Video von dessen Ermordung eingespielt. Chappelle zeigt ein Bild vom Trayvon Martin, der 17-jährig niedergemäht wurde («er sah aus wie meine Kinder»). Vom 22-jährigen John Crawford mit Baby, der bloss hatte shoppen gehen wollen in Beavercreek dem Ort, wo die Show aufgenommen wird. Der gleiche, weisse, mörderische Beamte habe am Vortag ihn, Chappelle, angehalten – und mit einer Verwarnung davonkommen lassen. Bald schlägt er den Bogen zur Sklaverei: «Mein Urgrossvater wurde als Sklave geboren. Diese Dinge sind nicht lange her. Sie sind heute!» Die Frage nach seinem Schweigen findet er absurd. Denn «Dave Chappelle kapiert, was er verdammt noch mal sieht – und diese Strassen werden für sich selber sprechen, egal, ob ich lebendig bin oder tot.»

Der 1998 zum Islam konvertierte Comedian geht keine Kompromisse ein, schiesst auch Millionen-TV-Verträge («Chappelle’s Show», 2005) in den Wind, um sich selbst zu finden. Und sein letztes Netflix-Special «Sticks & Stones» (2019) bescherte ihm nicht bloss Preise, sondern scharfe Kritik aus der LGBTQ-Community. Aber es ist hier exakt Chappelles rauer Ton, der ins Herz trifft. Und das weiss er. Die Institutionen würden stets lügen, von ihm jedoch erwarte keiner Perfektion. «Ihr wollt von mir hören, weil ihr mir vertraut. Ich lüg euch nicht an, ich bin einfach ein irgendein Typ.» Merci, Typ.