Wie Boerne zu Boerne wurde

Der 35. «Tatort» aus Münster lüftet ein Geheimnis. Es riecht nach Lakritz und Bittermandeln.

Boerne schnüffelt – und der Lakritzduft bringt ihm, wie Prousts Madeleine, schnurstracks die Kindheit zurück.Foto: Willi Weber (WDR)

Boerne schnüffelt – und der Lakritzduft bringt ihm, wie Prousts Madeleine, schnurstracks die Kindheit zurück.Foto: Willi Weber (WDR)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Wenn den Machern der Superheldenfilme keine neuen Abenteuer mehr für ihre Superhelden einfallen wollen, blenden sie gern zurück in deren Vergangenheit. Wie einer so wurde, wie wir ihn kennen, ist ja tatsächlich reizvoll zu erfahren. Auch bei Karl-Friedrich Boerne, dem Gerichtsmediziner aus dem Münsteraner «Tatort» (Jan Josef Liefers), fragt man sich manchmal: War der schon immer so, ein superschlauer Sprücheklopfer ohne jede Sozialkompetenz (und gerade deshalb eine so tolle Figur)?

Ja, lautet die Antwort, belegt durch den Auftritt des 14-jährigen Karl-Friedrich, eines dicklichen Jungen mit zu grosser Brille (sehr typgerecht: Vincent Hahnen). Der hätte schon vor 40 Jahren einen Mord aufgeklärt, wenn ihm der damalige Kommissar nur zugehört hätte. «Ich war ja damals schon so genial», begeistert Boerne sich jetzt beim Wiederlesen seines alten Detektiv-Tagebuchs und macht sich auf, neben einem neuen Fall – der Marktmeister ist mit zyankalihaltigem Lakritz vergiftet worden – auch den alten zu lösen.

Der übergewichtige Kollege Thiel (Axel Prahl) ist auf Rohkostdiät und entsprechend schlecht gelaunt. Aus Essen und Trinken, Schnüffeln (an Leichen, an Lebensmitteln) und Herumkriechen auf dem Boden ergibt sich dann ein nettes kleines Netz an Motiven, das die Folge «Lakritz» zu einem rechten Vergnügen macht (Buch: Thorsten Wettcke, Regie: Randa Chahoud).

Und so sah er als 14-jähriger aus: Vincent Hahnen (rechts) als Jung-Karl-Friedrich. Foto: Willi Weber (WDR)

Jedenfalls für die, denen ein mit sauberer Logik konstruierter Fall nicht die Hauptsache ist. Das ist sie hier nicht (der Marktmeister hatte Material gesammelt, die halbe Oberschicht der Stadt zu erpressen), und das ist sie im Münsteraner «Tatort»-Universum ohnehin nie. Dort geht es allein darum, dem sich dauerkabbelnden Ermittlerduo und dem sie umgebenden Personal – der zwergwüchsigen Alberich, dem sich immer am Rande der Legalität bewegenden «Vaddern» und der dauerpaffenden Staatsanwältin – neue skurrile Wendungen und zündende Pointen abzugewinnen.

Das gelingt in dieser Folge durchaus. Und richtig hübsch, wie Boerne am Schluss sein Lakritz-Trauma, Thiel sein Rotwein-Cola-Trauma überwindet. So kanns weitergehen mit unseren beiden Superhelden, nach vorn und zurück. Denn: Was war eigentlich damals mit Thiel in Hamburg?

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