Polizei muss Holocaust-Überlebende schützen

Liliana Segre überlebte Auschwitz, vom Horror erzählt die 89-Jährige in ganz Italien. Jetzt erhält sie Todesdrohungen.

Reist durch Italien und erzählt aus ihrer Vergangenheit: Liliana Segre. Foto: Mondadori Portfolio (Getty Images)

Reist durch Italien und erzählt aus ihrer Vergangenheit: Liliana Segre. Foto: Mondadori Portfolio (Getty Images)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

In Mailand begegnet man in diesen regnerischen Herbsttagen einer eleganten, betagten Frau, die bei zwei gut gekleideten Herren mittleren Alters einhakt. Die Szene ist so grotesk, so traurig auch, dass Fotografen sie überall festhalten. Als Zeitdokumente. Die Männer sind Carabinieri, Bodyguards in ziviler Kleidung. Die Dame heisst Liliana Segre, sie ist 89 Jahre alt und Senatorin auf Lebenszeit. «Knipst doch die hübschen Mädchen», rief sie den Fotografen zu und lachte.

Liliana Segre ist Jüdin, sie hat Auschwitz überlebt. Seit vielen Jahren reist sie durch Italien und erzählt in Schulklassen, was passiert, wenn Hass die Herzen erdrückt.

Hass im Netz

Mit 13, im Januar 1944, wurde sie deportiert, in einem Zug am Binario 21, dem dafür genutzten Gleis 21 am Mailänder Zentralbahnhof. Von den 776 italienischen Kindern, die in Vernichtungslager gebracht wurden, haben nur 25 überlebt. Segre wurde zur Symbolfigur. Im vergangenen Jahr ehrte Italiens Staatspräsident sie für ihren unermüdlichen Dienst am Erinnern mit einem ständigen Sitz im Senat. Eine höhere Auszeichnung gibt es nicht in der Republik.

Schon damals regte sich Hass im Netz, er wurde seitdem immer grösser. 200 Posts im Tag zählt das Observatorium gegen Antisemitismus, allein gegen Liliana Segre. Unsägliche Dinge stehen da. Hitler habe seinen Job nicht richtig gemacht. Oder: Segre passe gut in eine Verbrennungsanlage.

Vor einigen Tagen hielt Liliana Segre im Senat eine Rede, in der sie für eine Kommission gegen Rassismus und Antisemitismus warb. Aus Verwünschungen wurden Todesdrohungen. Der Präfekt von Mailand beschloss deshalb, Segre unter Polizeischutz zu stellen. Sie hat das nicht gewollt. Sie wusste auch nichts vom Hass im Netz, ihre Kinder verschwiegen es ihr.

«Mir droht man schliesslich auch.»Matteo Salvini, ehemaliger Ministerpräsident

Doch die Hater sind nur ein Aspekt des Phänomens, es geht tiefer. Nach Segres Rede im Senat erhob sich die gesamte linke Hälfte der Kammer für eine Hommage. Die rechte Seite blieb einfach sitzen, und zwar die gesamte Rechte um Matteo Salvini: Lega, Fratelli d’Italia, sogar die angeblich moderat gesinnten Mitglieder von Forza Italia.

Als jetzt bekannt wurde, dass Segre beschützt wird, drängte es Salvini zu einem denkwürdigen Vergleich: «Mir droht man schliesslich auch», sagte er. Gerade habe er wieder eine Kugel zugesandt erhalten, doch er beklage sich nicht. Die Botschaft lautete: Ich, der Politiker, und die Überlebende von Auschwitz – das ist dieselbe Geschichte, machen wir mal kein Drama.

In diesem Klima der ständigen Relativierung und der gezielten Ambivalenzen wuchert der Hass in gewissen Kreisen ungebremst: gegen Immigranten, gegen Fussballer mit schwarzer Hautfarbe, gegen Juden. Im laufenden Jahr sind in Italien schon 190 antisemitische Akte registriert worden, 60 Prozent mehr als im Vorjahr, vor allem Vandalismus auf Friedhöfen.

Der neue rechte Bürgermeister von Pescara liess nun ausrichten, er verweigere Segre die Ehrenbürgerschaft, das würde seine Stadt nur «spalten». Wahrscheinlich wusste Liliana Segre nicht einmal, dass es da eine Debatte gab. Und hoffentlich erspart man ihr auch die Absage des Bürgermeisters.

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