Wenn alles stimmt

Lara Gut startet beim Speedauftakt in Lake Louise als Riesenslalomsiegerin – weil sie nichts dem Zufall überlässt.

Kommt in diesem Winter der Gesamtweltcup? Lara Gut lässt nach dem Saisonstart die Ski-Schweiz träumen – auch wenn sie es nicht mag. Foto: Mathias Mandl (Gepa)

Kommt in diesem Winter der Gesamtweltcup? Lara Gut lässt nach dem Saisonstart die Ski-Schweiz träumen – auch wenn sie es nicht mag. Foto: Mathias Mandl (Gepa)

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Von wegen Sorgendisziplin. Vierte und Erste ist Lara Gut in den ersten beiden Riesenslaloms geworden. Ergibt: 150 Punkte. Oder: bereits mehr als doppelt so viele wie die ganze letzte Saison. In ­Aspen triumphierte sie erst zum zweiten Mal überhaupt in dieser Disziplin. Die Premiere hatte sie in Sölden 2013 gefeiert. Und damals war das der Auftakt in ­ihren persönlichen Traumwinter, der mit dem Sieg im Super-G-Weltcup und dem 3.  Rang in der Gesamtwertung endete.

Sie kommen also unweigerlich, diese Fragen nach ihren Zielen, nach dem Sieg im Gesamtweltcup, erst recht jetzt, da Anna Fenninger und Tina Maze fehlen, die Dominatorinnen des letzten Winters. Die an der Spitze einen einsamen Zweikampf ausfochten, mit dem besseren Ende für die Österreicherin, die sich nun in der Vorbereitung schwer verletzte und die ganze Saison ausfällt. Derweil die 32-jährige Slowenin ein Jahr pausiert und danach entscheidet, wie und ob es mit ihrer Karriere weitergeht.

Die ungeliebten Fragen

So wurde der Kreis der Favoritinnen kleiner, ehe das erste Rennen gefahren war. Gehört Lara Gut zu den ersten ­Anwärterinnen. Lässt sie die Ski-Schweiz schon jetzt von der ersten Gesamtweltcupsiegerin seit Vreni Schneider 1995 träumen. Nur mag die Tessinerin eben nichts weniger als Fragen nach kleinen und grossen Kristallkugeln, nach möglichen Siegen. Sie mochte sie noch nie.

Die 24-Jährige sitzt an diesem Abend im Hotel-Restaurant in Lake Louise. Ein Wasser vor sich. Auf dem Kopf trägt sie eine übergrosse Baseballmütze, Steinchen funkeln neben dem Logo ihres Hauptsponsors. Und sie sagt: «Dass das zum Thema wird, ist Teil des Spiels. Das Einzige, was ich beeinflussen kann, ist, schnell zu fahren.» Und: «Es stimmt: Tina ist nicht da, Anna ist nicht da, aber irgendwann haben auch eine Janica ­Kostelic oder eine Anja Pärson aufgehört, und es gab immer neue Fahrerinnen, die nachrückten. Nur weil die beiden nicht da sind, ist es nicht einfach, den Gesamtweltcup zu gewinnen.»

Damit hat sie natürlich recht. Zumal es starke Konkurrenz gibt. Etwa die amerikanische Slalom-Überfliegerin Mikaela Shiffrin, die am Sonntag erstmals auch im Super-G für Aufsehen sorgen will. Oder deren Landsfrau Lindsey Vonn, die die Speeddisziplinen (auch) im letzten Winter beherrschte und gerade für die drei Rennen in Kanada die grosse Favoritin ist – mit 22 Podestplätzen auf dieser Strecke, davon 15 Siegen.

Das illustre Berater-Trio

Allerdings schien die Möglichkeit eben noch nie so günstig für Gut. Dass sie im Riesenslalom offensichtlich zu ­ihrer alten Stärke zurückgefunden hat, wenn sie nicht gar stärker ist denn je, nährt die Hoffnungen des Verbandes nach den Rücktritten von Dominique ­Gisin, Nadja Jnglin-Kamer und Marianne Abderhalden nur noch mehr. «Sie ist ­sicher super drauf», sagt etwa Frauen-Cheftrainer Hans Flatscher. «Wenn der Schwung im Riesenslalom funktioniert, fährt sie meistens auch in Abfahrt und Super-G gut.» Allerdings versucht sich der Österreicher auch in Zurückhaltung: «Vor dem ersten Speedrennen ist es nie einfach, einzuschätzen, wo eine Athletin steht. Hat sie die Abstimmung zu 100 Prozent im Griff, oder braucht sie doch die eine oder andere Fahrt mehr, bis sie alles beieinanderhat? Dahinter setze ich ein kleines Fragezeichen, obwohl sie vom Umfeld her optimal aufgestellt ist.»

Ja, die Abstimmung, das Umfeld. Beides musste und wollte Lara Gut in diesem Frühjahr und Sommer neu finden. Ihr Vertrag mit Rossignol lief aus, sie kam bei Head unter, der Marke von Lindsey Vonn oder Anna Fenninger. Der Marke auch, mit der Didier Cuche einst seine grössten Erfolge feierte und bei der der 41-Jährige nun ein Mandat hat. So lag die Zusammenarbeit mit dem vierfachen Kitzbühel-Sieger nahe. «Ich habe im Frühjahr mit meinem Dad diskutiert, was wir tun können, damit wir nochmals einen Schritt vorwärts machen. Es gibt Leute in der Schweiz, die so viel Erfahrung ­haben: Wieso also sollten wir nicht diese fragen, ob sie uns einen Teil davon weitergeben können?», fragt Lara Gut.

So gingen sie und ihr Vater und Trainer Pauli Gut also Cuche an, der bei der Abstimmung des Speedmaterials helfen sollte. «Dazwischen haben wir auch über die Linie gesprochen, er gab mir Tipps, zeigte mir Tricks», sagt Lara Gut. Und: Mit dem Neuenburger stiess auch dessen einstiger Coach Patrice Morisod dazu, «einer der weltbesten Trainer», schwärmt Gut. «Ich hatte das Glück, dass ich schon mit ihm zusammenarbeiten durfte, als er noch Didier betreute», sagt sie. Zwei ­Wochen verbrachte sie zusammen mit Morisod auf der Piste, danach beschäftigte sich der 46-jährige Walliser mit ­Videostudium ihrer Trainingsfahrten.

Doch mit ihm ist das neue Gesamtbild Lara Gut noch nicht fertig. Daniel ­Albrecht ist ein weiteres Puzzleteil, der vierfache Weltcupsieger, der 2009 beim Training zur Abfahrt von Kitzbühel schwer stürzte, erst nach drei Wochen aus dem Koma erwachte und nach einem Comebackversuch 2013 zurücktrat. «Wir hatten uns schon oft über die Technik unterhalten, als er noch Athlet war. Nun war er mit uns ein paar Mal auf Schnee, und ich habe gute Fortschritte in Slalom und Riesenslalom erzielt», sagt Gut. Cuche, Morisod und Albrecht: ein ­illustres Trio, das Gut beratend zur Seite steht, sie aber im Winter nicht begleitet. Im Gegensatz zu Chris Krause, dem einstigen Servicemann von Cuche, Bruno Kernen oder Bode Miller. «Zum Glück war er bei Head gerade frei, das macht die Arbeit viel leichter», sagt Gut.

Verband als Gegner fällt weg

Zurzeit scheint also alles zu stimmen im Team Gut. Scheint die Mischung perfekt zu sein für einen grossen Winter der Ausnahmeathletin. Zumal auch die ­Nebengeräusche verschwunden sind, die Streitereien mit dem Verband, seit Pauli Gut – seit 2014 – im Mandatsverhältnis als Trainer von Swiss-Ski arbeiten kann. Seine Tochter trainierte mehr als auch schon mit dem Schweizer Team, war mit den Technikerinnen in Südamerika, wo sie sich später den Abfahrern anschloss. «Früher war es oft ein Kampf. Auf der Piste gibt es eigentlich schon ­genügend Konkurrenz, da brauchst du nicht auch noch den eigenen Verband als Gegner», kommentiert Lara Gut. Diese Zeiten sind weit weg. Gut fühlt sich so wohl, dass sie sich auch nicht irritieren liesse, sollte sie in den Abfahrten von morgen und vom Samstag keinen Spitzenplatz erreichen. Besser als Achte war sie in Lake Louise ohnehin noch nie. Dass die Erwartungshaltung an sie aber auch hier nicht gering ist, hat sie ihren Super-G-Siegen der letzten zwei Jahre zu verdanken. Aber eben: nicht nur. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.12.2015, 23:05 Uhr

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