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Was tun, wenn der Chef keine Ahnung hat?

Jeder zweite Angestellte hält seinen Vorgesetzten für inkompetent. Unser Jobcoach offeriert drei Strategien, um damit umzugehen.

Bleiben oder gehen? Manche Defizite der Vorgesetzten sind schwer zu ertragen. Foto: iStock
Bleiben oder gehen? Manche Defizite der Vorgesetzten sind schwer zu ertragen. Foto: iStock

«Mein Chef ist unfähig!» Kennen Sie diesen Gedanken? Sie wären damit nicht alleine: Eine aktuelle Befragung von 50’000 Schweizer Angestellten aus 200 Unternehmen durch das Beratungsunternehmen Great Place to Work hat ergeben, dass jeder Zweite seinen Chef für inkompetent hält.

Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Befindlichkeit und auf die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitenden. Der jährlich veröffentlichte Job-Stress-Index der Gesundheitsförderung Schweiz zeigt, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Führungsverhalten und Mitarbeiterleistung besteht. Und nicht nur das: Das Meinungsforschungsinstitut Gallup sieht zudem schlechte Führungsarbeit als wesentlichen Grund für eine geringe emotionale Bindung der Mitarbeitenden an ein Unternehmen.

Stimmt das soziale Zusammenspiel nicht, fühlen sich beide Seiten rasch persönlich angegriffen.

Ein Problem, das es ernst zu nehmen gilt. Gemäss Gallup ist in der Schweiz mit mehr als 70 Prozent ein Grossteil der Arbeitnehmenden nur schwach an den Arbeitgeber gebunden. Mögliche Auswirkungen sind Minderleistung und hohe Fluktuation.

Die Defizite der Chefs

Chefinnen und Chefs können gleich in zweierlei Hinsicht unfähig sein. Zum einen kann ihre Ahnungslosigkeit die sozial-kommunikativen Fähigkeiten betreffen. Das heisst, sie haben Schwierigkeiten beim Interagieren oder wählen beim Kommunizieren die falschen Worte. Bei anderen Führungskräften hapert es hingegen bei den fachlichen Fähigkeiten, die es braucht, um erfolgreich berufsspezifische Aufgaben bewältigen zu können.

Die Praxis zeigt, dass für Betroffene der Umgang mit zwischenmenschlichen Defiziten häufig viel anspruchsvoller ist als mit fachlichen. Stimmt das soziale Zusammenspiel nicht, fühlen sich beide Seiten rasch persönlich angegriffen. Zudem sind solche Differenzen permanent, fachliche treten in der Regel situativ auf.

Drei mögliche Strategien

Erkennen, wo genau die Schwächen des Chefs liegen, ist das eine. Doch wie sollen Mitarbeitende konkret mit schwierigen Führungssituationen umgehen? Diese Frage begegnet Beratern regelmässig. Die Erfahrung zeigt: In der Regel bieten sich drei überlegenswerte Stossrichtungen. Man kann ertragen, austragen oder weggehen. Falls Sie selbst unter einer ahnungslosen Führungsperson leiden, kann die folgende Übersicht helfen.

Strategie 1: Ertragen

Zeigt sich die Ahnungslosigkeit Ihres Chefs nur punktuell und Sie würden am liebsten nichts tun, kann Ertragen die passende Strategie sein. Trotzdem sollten Sie sich die Frage stellen, ob Sie auf Dauer tatsächlich mit der Situation klarkommen. Um diese Frage beantworten zu können, müssen Sie konkretisieren, wo genau die Schwächen liegen und wie sich diese in der Zusammenarbeit tatsächlich äussern. Reflektieren Sie folgende Fragestellungen:

  • Handelt es sich um zwischenmenschliche oder fachliche Differenzen? Haben sich in letzter Zeit beide Ebenen zunehmend vermischt?
  • Bin ich permanent oder nur gelegentlich mit unguten Verhaltensweisen konfrontiert? Hat deren Häufigkeit spürbar zugenommen?
  • Wie stark belastet mich diese Situation? Empfinde ich die Belastung in letzter Zeit als zunehmend?

Funktioniert eine der beiden Ebenen – die soziale oder fachliche –, kann diese für die andere, nicht funktionierende Ebene ausgleichend wirken. Äusserungen wie «mein Chef hat davon keine Ahnung, aber wir verstehen uns super» belegen solche einseitig positiven Verhältnisse. Funktionieren jedoch beide Ebenen nicht, ist Ertragen keine Option. Zudem kann eine zu häufige oder permanente Belastung durch leidige Verhaltensweisen des Chefs zu psychischer Belastung und zu psychosomatischer Erkrankung führen. Im Falle anhaltender Belastung nimmt die seelische Erschöpfung immer mehr zu.

Strategie 2: Austragen

Sie möchten im Job bleiben, die Ahnungslosigkeit Ihrer Chefin aber nicht einfach hinnehmen? Dann müssen Sie die Situation aktiv angehen und gemeinsam mit Ihrer Vorgesetzten einen Weg für eine bessere Zusammenarbeit finden. Schreiben Sie aber nicht einfach eine Mail, sondern suchen Sie in jedem Fall das persönliche Gespräch. Schriftliche Kommunikation führt erfahrungsgemäss leicht zu Missverständnissen. Folgende Punkte sind dabei zu beachten:

  • Bereiten Sie Inhalt und Ablauf des Gesprächs vor. Definieren Sie, was Sie mit dem Gespräch erreichen möchten und wann Sie das Gespräch als erfolgreich bezeichnen können.
  • Sprechen Sie die unerwünschten Verhaltensweisen direkt an, bereiten Sie konkrete Beispiele aus Ihrem Arbeitsalltag vor. Vermeiden Sie vage Andeutungen, damit Klarheit über Ihr Anliegen besteht. Wählen Sie Beispiele, die zeitlich möglichst nahe liegen.
  • Vereinbaren Sie einen festen Termin, planen Sie ausreichend Zeit ein und führen Sie das Gespräch an einem ungestörten Ort.

Die Grundausrichtung des Gesprächs ist es, einen Weg zu finden, wie beide Seiten, Mitarbeiter und Vorgesetzte, rollengerecht ihre Fähigkeiten einbringen können. Dabei sind gegenseitig die Erwartungen aneinander zu erörtern. Auch sollten beide Seiten darlegen, wie sie ihre Rolle verstehen und ausfüllen wollen – und können!

Teilen Sie Ihrer Vorgesetzen bei nächster Gelegenheit mit, dass Sie mit der aktuellen Zusammenarbeit nicht zufrieden sind und das gerne im Rahmen eines separaten Termins aufnehmen möchten. Im Gespräch machen Sie dann deutlich, was Ihnen fehlt und was Sie sich für die künftige Zusammenarbeit wünschen. Seien Sie auch hier nicht vage, Ihr Anliegen muss klar nachvollziehbar sein. Achten Sie darauf, Ihrem Gegenüber ausreichend Gesprächsanteil und Raum für die eigene Sicht der Dinge einzuräumen. Zeigen Sie Aufmerksamkeit und Verständnis, bleiben Sie aber bei Ihrem Standpunkt.

Viele Beispiele belegen, dass sich Vorgesetzte und Mitarbeiter schlicht zu wenig gut kennen. Sie haben es nie als notwendig erachtet, sich mit der Gegenseite auseinanderzusetzen. Fehlinterpretationen von Verhaltensweisen und folglich Missverständnisse sind so vorprogrammiert. An diesem Punkt ansetzend, können klärende Gespräche ihre Wirkung entfalten.

Strategie 3: Weggehen

Sie sehen keinen Ausweg? Sie wollen mit der gegebenen Situation nicht leben, können aber auch nichts ändern? Dann bleibt Ihnen nur die Option Weggehen. Aber bevor Sie die Reissleine ziehen, sollten Sie folgende Fragestellungen gedanklich durchspielen. Können Sie beide mit einem Ja beantworten?

  • Ich sehe keine Grundlage, die Zusammenarbeit mit meinem Chef weiterzuführen. Er kann mir weder sozial noch fachlich etwas bieten.
  • Ich bin bereit, meine aktuelle Stelle aufzugeben und mir etwas Neues zu suchen – intern oder extern.

Bedenken Sie, dass es sich nicht immer lohnt, Zeit und Energie in das Ertragen oder Austragen zu investieren. Der vermeintliche Verlierer, der tatenlos vom Schauplatz weggeht, hat in der Folge dann vielleicht einen freieren Kopf, sicher aber mehr Zeit und Energie für Neues. Das braucht Mut, ist manchmal aber die einzig richtige Strategie.

Angenommen, Sie sind betroffen und denken über die hier skizzierten Optionen nach: Bewerten Sie dabei immer deren tatsächliche Umsetzbarkeit in ihrem Kontext. Beurteilen Sie die Erfolgswahrscheinlichkeit und bleiben Sie realistisch. Zudem sollten Sie Aufwand und Nutzen gegeneinander abwägen. Fragen Sie sich, ob sich das Ganze lohnt: Was kann ich bestenfalls gewinnen, was im schlimmsten Fall verlieren? Was am besten für Sie ist, können am Ende nur Sie entscheiden. Und entscheiden müssen Sie.

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