Urs Fischer und der Weltuntergang

Nach dem Aus in der Champions League muss der neue Trainer des FC Basel erstmals mit Misserfolg umgehen.

Für Urs Fischer war der Auftritt unter den Sternen nach zwei Spielen gegen Maccabi vorbei. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Für Urs Fischer war der Auftritt unter den Sternen nach zwei Spielen gegen Maccabi vorbei. Foto: Anthony Anex (Keystone)

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Als Kind, erzählt Georg Heitz, da habe er nach einem verlorenen Spiel gerne das Brett samt Figuren durch die Gegend ­geworfen: «Aber jetzt kann das ja wohl nicht zielführend sein.» Der Sportdirektor des FC Basel sitzt in der riesigen Halle des Flughafens Ben Gurion vor ­einem Kaffee im Pappbecher; knapp zwölf Stunden sind vergangen, seit der FCB den Einzug in die Champions League verpasst hat. Und es ist klar, was er mit seinem Vergleich sagen will: Nein, die Basler werden nach der Enttäuschung gegen Maccabi Tel Aviv nicht ­alles über den Haufen werfen. Weil sie schlicht keinen Grund dazu sehen.

Natürlich macht es für den Umsatz einen Unterschied, ob die Mannschaft in der Champions League antritt oder in der kleinen Schwester Europa League, die mit deutlich weniger Mitgift lockt. 14 Millionen Euro hätte der FCB beim Einzug in die Königsklasse allein an Prämien verdient, dazu hätten rund neun Millionen aus drei ausverkauften Heimspielen kommen können. Für die ­Europa League gibt es bloss 5,4 Millionen Euro, die Punkteprämien sind fast um den Faktor 5 kleiner. «Und wir werden kaum dreimal ein volles Stadion haben», sagt Heitz nüchtern.

Aber die Basler sind in dieser Saison nicht auf Gedeih und Verderb auf die ­Prämien der Uefa angewiesen. «Soweit ich weiss, werden wir 2015 keine roten Zahlen schreiben», stellt Heitz trocken fest. Was nichts weniger bedeutet, als dass der Club mit dem Achtelfinal in der Champions League zu Jahresbeginn und seinen Transfers in Winter und Sommer sein strukturelles Defizit von 15 Millionen Franken bereits heute gedeckt hat.

Finanziell also drücken den FCB derzeit keine Sorgen. Viel interessanter ist die Frage, wie die neu zusammen­gestellte Mannschaft und ihr neuer ­Trainer auf den ersten Rückschlag reagieren werden. «Erst im Misserfolg zeigt sich, wie stark eine Mannschaft ist», findet Heitz. Und Urs Fischer ist selbst gespannt: «Mal schauen, wie gut wir das wegstecken.»

«Erst im Misserfolg zeigt sich, wie stark eine Mannschaft ist»Georg Heitz

Erstmals in seiner Basler Amtszeit erlebt Fischer, wie schnell in Basel der Wind drehen kann, wenn ein gestecktes Ziel nicht erreicht wird. Es ist auch das erste Mal, dass er beim Auftritt vor der Presse nicht bloss seinen Charme spielen lässt, sondern seine konfron­tative Seite ebenso zeigt. Als «unberechtigt» wischt er eine Frage nach dem Wechsel in der Innenverteidigung von Daniel Hoegh zu Walter ­Samuel beiseite.

Obwohl er gewusst haben muss, was in Basel auf ihn wartet, scheint er ­etwas überrascht von den ersten Re­aktionen nach dem Scheitern. Noch am Abend des 1:1 habe er darüber nachgedacht, erzählt Fischer: «Es ist verrückt. Wir haben in elf Spielen neunmal gewonnen und nie verloren. Und jetzt herrscht eine Stimmung wie vor dem Weltuntergang.»

Die Erwartung erzeugt Unruhe

Aber so ist das eben beim FCB, der in der Schweiz medial begleitet wird wie kein zweiter Club. Weil die Basler als einziges Team der Super League regelmässig ­europäische Erfolge feiern, sind sie zu ­einer Art Stellvertreter der Liga geworden, der die Farben des Schweizer Clubfussballs hochhält. «Die Erwartungshaltung muss man sich erst erarbeiten», sagt Heitz. Wohl wissend, dass damit bei ­einem Misserfolg auch entsprechende Unruhe rund um den Club einhergeht.

Gestoppt werden kann sie einfach: mit sportlichem Erfolg. Das Spiel vom Sonntag gegen den FC Zürich wird für ­Fischer deswegen flugs zum «Charaktertest für uns alle». An die Europa League dagegen wird in Basel noch kaum ein Gedanke verwendet. «Dazu war der Schlag ins Gesicht zu hart», spricht Fischer die herrschende Enttäuschung im Basler Tross an: «Da können wir nicht jetzt ein Ziel für die Europa League ausrufen.»

Ganz nebensächlich wird die Euro­päische Kampagne für den FCB nicht. Immerhin liegt die Basler Kugel bei der Auslosung der Gruppen am Freitag im Topf 1 der stärksten Teams. Zudem wäre ein erfolgreiches Auftreten gleich im doppelten Sinn wichtig für den Club. Einmal, um das grosse Kader bei Laune zu halten, das für die Doppelbelastung Meisterschaft/Europacup zusammen­gestellt worden ist. Und auch, um Punkte für die Länderrangliste der Uefa zu sammeln, die darüber bestimmt, ob künftige Schweizer Meister einen ­fixen Platz in der Königsklasse erhalten. Oder ob sie durch die Unwägbarkeiten der Qualifikation müssen.

Priorität wird in Basel aber die hei­mische Liga haben. Schliesslich tritt im kommenden Frühjahr der positive Fall ein: Der Meister 2016 steht ­direkt in der Gruppenphase der Sternen-Liga. ­Andere Clubs mögen den nationalen Wettbewerb Super League nennen. Bei Georg Heitz und dem FC Basel dagegen heisst er wegen der sich bie­tenden Chance «die lange Qualifikation zur Champions League».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2015, 20:06 Uhr

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