Umschlungen von Flussarmen

Im brasilianischen Piauí gibt es intakte Mangrovenwälder und einsame Nationalparks. Eine Chance für den Ökotourismus

Im Delta mischt sich das Süsswasser des Rio Parnaíba mit dem Salzwasser des Südatlantiks. Foto: André Pessoa

Im Delta mischt sich das Süsswasser des Rio Parnaíba mit dem Salzwasser des Südatlantiks. Foto: André Pessoa

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Die armdicke Boa, die sich hoch oben auf einem Ast rekelt, ist perfekt getarnt. Pedro da Costa Silva, der einheimische Führer, begleitet in einem der vier schaukelnden Holzboote die Touristengruppe. Er zeigt so lange geduldig auf die Würgeschlange, bis jeder sein Aha-Erlebnis und ein verwackeltes Foto hat. Das träge Reptil ist aber nicht die Hauptattraktion an diesem Vormittag in den Mangrovenwäldern, im Delta des Rio Parnaíba. Klar, die Brüllaffen, die in den Baukronen herumtollen, sind auch sehenswert. Am meisten ist aber unten los, an den Baumstämmen.

Dort flitzen Mangrovenkrabben mit knallroten Scheren im ­typischen Seitwärtsgang die Rinde hinauf oder graben sich blitzschnell in den Schlamm ein. ­Pedro hat ein Prachtexemplar erwischt, klappt dessen Brustpanzer auf und legt den Doppelpenis des Tiers frei: ein Männchen. Nur sie dürfen nach der Paarungszeit gefangen werden, damit die Weibchen ungestört die Eier ablegen und für das Fortbestehen der Art sorgen können.

Das Flussdelta des Parnaíba im Nordosten Brasiliens an der Grenze der Bundesstaaten Piauí und Maranhão gilt noch als weitgehend intakt. Fünf verschiedene Arten von Mangroven und weitere exotische Pflanzen und Tiere, darunter Açaí-Palmen und Alligatoren, leben hier, wo sich das Süsswasser des 1700 Kilometer langen Flusses mit dem Salzwasser des Südatlantiks mischt.

Am frühen Morgen hatte ein Kapitän die 20 Passagiere mit einem Motorschiff aus dem Hafen der gleichnamigen Stadt Parnaíba in die verwirrenden Flussarme ­gesteuert. Nach wenigen Abzweigungen war klar: Hier findet ein Unkundiger nicht mehr hinaus. In einem kleinen Seitenarm nahm uns Pedro da Costa Silva mit seinen Mitarbeitern in Empfang. Der 37-Jährige hatte früher Touristenboote begleitet, wo gelärmt, getanzt und getrunken wurde. Immer wieder fragten ihn Gäste, ob es eine Möglichkeit gebe, die einzigartige Natur kennen zu lernen.

Das ist seit 2001 Pedros Geschäftsmodell. Er stammt von einer der 80 Inseln des Flussdeltas und hat anfangs als Fischer gearbeitet und Reis angebaut, wie schon der Vater. Pedro ging zehn Jahre lang zur Schule. Dass er aber inzwischen Deutsch, Englisch, Französisch und Holländisch spricht, ist im Bundesstaat Piauí mit etwa 17 Prozent Analphabeten aussergewöhnlich. Er habe sich die Sprachen im Selbststudium im Internet beigebracht, sagt Pedro bescheiden, als sei das die einfachste Sache der Welt.

Zwiespältiges Gemetzel mit dem Holzhammer

Initiativen wie Pedros Kleinunternehmen schweben Rodrigo de ­Sousa Melo vor. Der Professor für Tourismus von der Universität Parnaíba hat am Tag zuvor erklärt, man wolle den Ökotourismus stärken, die Begegnung der Menschen mit der Natur. «Hier wird der Tourismus von Sonne und Strand bestimmt, das Delta aber ist etwas Besonderes», sagte Sousa Melo. Die Universität entwickelt deshalb zusammen mit den Bewohnern entsprechende Reiserouten. Auch Osvaldo und Claudiana setzen auf sanften Tourismus. Das Ehepaar hat auf der Insel Canárias im Delta ein Idyll erschaffen, mit einer Handvoll kleiner, mit Palmen­wedeln ­gedeckter Hütten, wo Besucher übernachten können, und einem Restaurant mit köstlichen Riesencrevetten-, Fisch- und Reisgerichten auf der Speisekarte.

Natürlich gibt es zum Zmittag erst einmal Krabben. Ein zwiespältiges Gemetzel mit dem Holzhammer, denn man fragt sich: Ist es das wert, die Tiere tonnenweise aus den geschützten Lebensräumen zu fischen? Am Abend, zurück am Hafen, sehen wir einen Lastwagen mit Krabben beladen davonfahren. Er beliefert den Süden Brasiliens mit den begehrten Krustentieren.

Kratzige Blätter statt Stahlwatte und Nagellack

Einen Tag später und rund 150 Kilometer weiter südlich im Inland pfeift Osiel de Araújo Monteiro eine selbst ausgedachte Melodie vor sich hin. «Ich locke den Wind an», sagt der Führer. Das wäre schön. Die im Zenit stehende Mittagssonne sticht gnadenlos auf die Touristenschar herab.

Pedro da Costa Silva: Im Selbststudium vier Sprachen gelernt. Foto: Anne Preger

Wir haben den schattigen Wald verlassen, wo uns Osiel bizarre Ameisenbauten zeigte, die wie überdimensionierte Zapfen an Baumästen hängen. Am Wegrand machte er auf Mimosen aufmerksam, die tatsächlich bei jeder Berührung ihre Fiederblätter zusammenklappen. Von einer anderen Pflanze pflückte er ein paar Blätter, die so kratzig sind, dass Osiels Mutter sie früher benützte, um damit die Pfannen zu schrubben oder sich die Finger­nägel zu polieren. Wir befinden uns im Nationalpark Sete Cidades, wohin sich pro Jahr nur 20 000 Besucher verirren. Meist sind es ­Brasilianer. Der Führer Osiel ist in der Region aufgewachsen, wo später der Nationalpark Sete Cidades, zu Deutsch ­Sieben Städte, gegründet wurde. Sein Grossvater war der erste Parkwächter. Namengebend waren die imposanten Felsformationen, welche die Fantasie anregen. Eine sieht aus wie ein versteinertes ­Riesengürteltier mit beeindruckenden Schuppen.

Noch zu lebendig für die wartenden Geier

Eigentlich sind die Muster im Sandstein Trocknungsrisse, die vor Jahrmillionen aus Meeresablagerungen entstanden. Gürteltiere sehen wir nicht auf der Wanderung, zu gross ist der Park, von dem nur 20 Prozent für Touristen zugänglich sind, zu üppig die Vegetation, in der sich auch Pumas, Ozelots und Ameisenbären verstecken.

Dafür treten wir auf unserem Weg zu einem erhöhten Aussichtspunkt fast auf eine Legion von eifrig schleppenden Blattschneiderameisen, die mit frischem Grün auf dem Rücken den staubigen Pfad mit Tupfen verzieren.

Oben beim Aussichtspunkt ­landen zwei Geier auf einem nahen Fels und beäugen eindringlich die Fremden. Wir sind zwar erschöpft, aber noch sehr lebendig. Der Blick über die grüne Ebene, durchbrochen von bizarren Gesteinsformationen, ist atemberaubend. Endlich kommt, wie von Osiel herbeigepfiffen, Wind auf. Er kühlt auch die Vögel. Sie ­spreizen die schwarzen Flügel vom Körper ab und verharren.

Die Reise wurde unterstützt vom Bundesstaat Piauí. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.09.2018, 17:34 Uhr

Tipps und Infos 

Anreise: Mit Condor über Frankfurt, mit TAP über Lissabon nach Recife, Inlandflug nach Parnaíba.

Übernachten: Insel Canárias im Parnaíba-Delta: Recanto dos ­Pás­saros, claudiana.osvaldo@hotmail.com; Hotel Fazenda Sete Cidades in Piripiri, sehr einfache Zimmer, Tel +55 86 3276-2222.

Aktivitäten: Bootstouren im Parnaíba-Delta: Pedro da Costa Silva, waterwaytour@gmail.com; Badestopp und Vogelbeobachtung: Aventur Ecoturismo, Tel +55 86 99402-0909; Nationalpark Sete ­Cidades: Osiel de Araújo Monteiro, Tel +55 86 99466-3036.

Beste Reisezeit: Ganzjährig, in der Regenzeit von Dezember bis April sind die Naturparks grün, in der Trockenzeit sind eher Tiere zu sehen.

Deutschsprachige Reiseleitung und Organisation: Uwe Weibrecht, Agentur Eurocity, www.eurocity.com.br, info@eurocity.com.br

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