Übergriffe beim Fotoshooting

Die #MeToo-Debatte kommt in der Mode an: Die Fotografen Bruce Weber und Mario Testino sollen männliche Models belästigt haben. In Hamburg wird jetzt eine Ausstellung abgesagt.

Muskeln, Schatten, gemeisselte Silhouetten: Das Markenzeichen von Bruce Weber. Foto: Collection Christophe, Alamy Stock Photo

Muskeln, Schatten, gemeisselte Silhouetten: Das Markenzeichen von Bruce Weber. Foto: Collection Christophe, Alamy Stock Photo

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Als Bruce Weber in einem Interview vor einigen Jahren gefragt wurde, ob er ­früher mal nackt posiert habe, sagte er: «Leider hat mich damals niemand ­gefragt. Ich hatte früher einen ganz ­ansehnlichen Körper.» Nacktheit sei für ihn nie eine grosse Sache gewesen, sagte er im Interview und sprach über die verletzliche Schönheit, die ein nackter Mensch für ihn habe. Häufig sei es so, dass Models, die er nackt fotografiert habe, sich 30 Jahre später sehr darüber freuen würden, dass es diese Fotos gebe.

Weber (71) wird nun – unter anderem in der «New York Times» – von mehreren männlichen Models vorgeworfen, er sei während Fotoshoots oder bei deren Vorstufen, den Testshoots, sexuell übergriffig geworden. Von «Atemübungen» ist die Rede, mit denen Weber angespannte Models zur Lockerung und zum Ablegen des letzten Textils animieren wollte. Einige berichten, er habe ihnen ans Genital gegriffen. Von Vergewaltigung ist nicht die Rede.

Expliziter noch wird es bei Mario Testino. Er soll, so die «New York Times», vor männlichen Models masturbiert haben und ihnen abseits von Sets an die Hose gegangen sein. Das Model Ryan Locke erinnert sich, Testino sei während des Shoots zu ihm aufs Bett und auf ihn drauf geklettert. Er habe gesagt: «Stell dir vor, ich bin das Mädchen, und du bist der Junge.»

Ende der Zusammenarbeit

Unbestreitbar ist, dass es in den Neunzigern in der Mode, vor allem bei Gucci, um Sex ging, genauer: um den Eindruck seiner ständigen Verfügbarkeit. Ryan Locke sagt, dass die Nacktheit selbst gar nicht so ein Problem gewesen sei. Aber er habe Testinos Verhalten als Anmache empfunden.

Konsequenzen gibt es längst: Der Verlag Condé Nast, der unter anderem die «Vogue» herausgibt, will mit beiden Fotografen vorerst nicht mehr zusammenarbeiten. Die aktuelle amerikanische «Vogue» mit der Tennisspielerin Serena Williams und ihrem Baby auf dem Cover, fotografiert von Testino, darf noch am Kiosk bleiben. Die Modemarken Ralph Lauren und Burberry haben das Ende ihrer Zusammenarbeit mit ­Testino verkündet.

Auch in Deutschland haben die Vorwürfe Folgen: Ingo Taubhorn, Kurator am Hamburger Haus der Photographie, hat eine für Herbst 2018 geplante Ausstellung über das Werk von Bruce Weber «auf Eis gelegt». Man wisse derzeit zu wenig darüber, was an den Anschuldigungen dran sei, sagt Taubhorn. Aber «man kann doch keine Ausstellung machen, wo man dann gar nicht mehr über die Kunst redet, sondern nur noch darüber, was in den Köpfen drin ist», sagt Taubhorn – und meint damit die Kombination aus Empörung, Fantasie, Sensationsgier und Moral, die sich «wie ein Schleier» vor das Werk und dessen Wahrnehmung lege.

Bis zur totalen Künstlichkeit

Dass Bruce Webers Bilder häufig nicht nur gute Fotografie sind, sondern Kunst – auch dann, wenn sie zu kommerziellen Zwecken entstehen –, daran besteht kein Zweifel. Bei Testino, der aus Peru stammt und berühmt dafür wurde, dass er 1997 das letzte Porträt von Lady Diana vor ihrem Tod fotografierte, erscheint die Bewertung schwieriger. Seine Fotos wirken oft etwas gefall­süchtig, bis zur totalen Künstlichkeit mit Photoshop bearbeitet.

Bruce Weber hingegen hat in den 80er-Jahren seine eigene, neue Ästhetik geprägt: nackte Athleten in Schwarzweiss, in ihre eigene Körperlichkeit verliebt, ganz ohne Scham, aber auch nicht pornografisch. Muskeln, Schatten, gemeisselte Silhouetten. Man unterstellte den Fotos einen homoerotischen Blick, wurde dann aber doch von der Tatsache irritiert, dass Weber seit den Siebzigerjahren verheiratet war. Seine Frau ist die Filmproduzentin Nan Bush.

War diese Ehe ein altmodisches Arrangement zwischen einem verkappten Schwulen und seiner Alibifrau? Oder hatten Weber und Bush ihre eigene, ganz unkomplizierte Art gefunden, mit den Sensibilitäten des anderen umzu­gehen? Genau diese Offenheit machte Webers Fotos jedenfalls so stark.

«Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass das nichts mit Sex zu tun hatte.»Alex Geerman, Model

Nur scheinen manche Models gar nicht so freiwillig mitgemacht zu haben, wie man es auf den Fotos zu erkennen glaubte. War die Nacktheit für einige doch ein Problem? Ist die Gesellschaft in den USA prüder geworden? Oder Weber übergriffiger? «Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass das nichts mit Sex zu tun hatte. Es war ein Kunst-Ding», sagt das Model Alex Geerman über Webers «Atemübungen». Anderen Models war es sehr unangenehm, für Weber nackt in ihre Chakras hineinzuatmen; sie wagten es offenbar nicht, Nein zu ­sagen, als er seine eigene Hand auf ihren Körper legte.

Was macht man mit all diesen Informationen? Alles absagen, nichts mehr anschauen? Webers Dokumentarfilm «Let’s Get Lost» über den Jazz-Trompeter Chet Baker, 1988 für einen Oscar nominiert, nie wieder zeigen? Seinen neuen Film «Nice Girls Don’t Stay for Breakfast» nicht auf Festivals einladen? Das wäre absurd. Aber es scheint gut möglich zu sein, dass es so weit kommt.

Die #MeToo-Debatte begann Weile damit, dass sie die sexuelle Ausnutzung von Machtunterschieden anprangerte, zwischen Männern in ­hohen Positionen und Frauen, deren Karriere vom Wohlwollen dieser Männer abhängt. Diese Debatte kommt nun auch in der Mode an und bei den Männern. Sicher kann man sich fragen, wieso männliche Models überrascht sind, wenn sie sich bei einem berühmten Aktfotografen ausziehen sollen. Man kann aber auch fragen, ob es unverantwortlich von einer Modelagentur war, diese Männer zu diesem Fotografen zu schicken. Aus der «New York Times» geht hervor, dass hinter den Kulissen der Indus­trie schon seit Jahren getuschelt wurde und manche Agenten anscheinend nach dem Motto handelten: Da musst du durch.

Der Ruf nach neuen Regeln

Zu begrüssen ist es deshalb, dass in der Modeindustrie nun die Rufe nach einer Model­gewerkschaft lauter werden. Sie könnte Regeln festlegen, was Fotografen dürfen und was nicht, was Agenturen leisten müssen. Vor allem könnte sie Models ­ermutigen, selbstbewusster Grenzen zu ziehen, und sie in Streitfällen vertreten.

Allerdings kann man sich nur mit einiger Mühe vorstellen, wie praktikabel die geforderten Nacktheitsverträge sein sollen. Wenn Nacktheit nichts Beiläufiges oder Situatives mehr hat, sondern vor einem Shoot schon unterschrieben sein muss. Sollten dadurch weniger Models in übergriffige Situationen kommen, ist das gut. Nur: Wird sich ein Model, das sich für einen Testshoot ausgezogen hat, nachdem es schriftlich zugestimmt hat, nicht noch komischer fühlen, wenn es den grossen Auftrag danach – aus welchem Grund auch immer – trotzdem nicht bekommt? Dann wäre die Verletztheit eine andere, und es gäbe darüber wenigstens einen Vertrag.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2018, 19:52 Uhr

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