SRF und das Jesus-Problem

Das Schweizer Fernsehen hat eine neue Serie. Funktioniert so leider nicht.

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Denise Jeitziner@tagesanzeiger

«ComeBack» heisst der Hemdenladen des Berner Rockmusikfans Markus Hauser, aber eigentlich will er selber gerne weg. Er ist 72-jährig, seit 24 Jahren führt er sein Geschäft an der Berner Marktgasse schon, also ein Drittel seines Lebens lang. Nun aber will er sein Baby, sein Hobby, sein Leben – seinen «Hemmliladen» in andere Hände geben.

Hauser sucht einen Nachfolger und ist diesbezüglich recht flexibel. Es muss nämlich nicht zwingend ein Mann sein. «Ich kann mir sehr, sehr gut vorstellen, dass eine Frau das auch kann. Sie muss auch nicht von der Branche sein. Wenn sie Freude daran hat, dann reicht das.» 300'000 Franken hätte er gern für sein Geschäft, Beratung und Kontakte inklusive.

Das Abschiednehmen fällt schwer

Hauser ist Protagonist der neuen «DOK»-Serie «Abenteuer Nachfolge» von SRF. Darin werden verschiedene Leute begleitet, die allesamt jemanden suchen, der in ihre Fussstapfen tritt, der ihren Job übernimmt, ihr Geschäft, ihre Berufung. Folge 1 fing amüsant an – mit einem Zitat von Søren Kierkegaard: «Jesus will keine Bewunderer, sondern Nachfolger.» Thematisch machte sich der Reporter nach Hemdenverkäufer Hauser dann sogleich auf in die dazu passende Umgebung: zu Pfarrer Peter Christen in Ostermundigen.

Seit 27 Jahren predigt dieser in der dortigen Kirche. Genau so alt ist Aline Berger; sie wird Pfarrer Christen ablösen, sobald er pensioniert wird. Er hat seine Nachfolgerin also schon gefunden. Man wird aber das Gefühl nicht los, dass er darob gar nicht so wahnsinnig begeistert ist. Christen fühlt sich wohl inmitten seiner Schäfchen, deren Aufmerksamkeit er sichtlich geniesst. Wenn es dazu auch noch Kaffee und Kuchen gibt wie bei einem seiner Gemeindemitglieder, die er regelmässig daheim besucht, dann umso besser.

Des Pfarrers Ehefrau hat Angst

Er strahlt beim Religionsunterricht mit Schülern, bei der Taufe von zwei Mädchen, er pfeift, wenn er mit dem Velo durch Ostermundigen fährt und führt zur Feier des Tages auch einen Trick vor – man nenne ihn auch den Velopfarrer. Und seiner Nachfolgerin schwärmt er von seiner Kirche vor, die 27-Jährige mag seine Begeisterung über das Interieur aber nicht so recht teilen und hat auch sonst nicht ganz dieselben Vorstellungen zum Glauben wie Christen, den sie ersetzen wird.

Trotzdem: Das Pensionierungsdatum steht. «Ihre Frau wird sich freuen», sagt die Dame, bei der Christen zu Kaffee und Kuchen geladen ist. «Nein, die hat Angst!», erwidert der Pfarrer. Zur Sicherheit streckt er bei seiner Nachfolgerin Aline Berger schon mal die Fühler aus. «Du kannst mich jederzeit für Lesungen anfragen», sagt er zu ihr. «Aber nur, wenn es für dich stimmt.»

Drumherum mit zu viel Raum

So weit ist Hemdenverkäufer Hauser noch nicht. Jeden Tag, wenn er seinen Laden aufschliesst, stellt er die grosse gelbe «Nachfolger gesucht»-Tafel auf, aber noch hat sich niemand gemeldet. Aber richtig eilig scheint er es nicht zu haben. Auch beim dritten Protagonisten der ersten «DOK»-Serie-Folge, dem Hausarzt Martin Sigg aus Hergiswil, ist von einem Nachfolger keine Rede.

Der Reporter konzentriert sich auf das Drumherum, schwelgt mit Hauser in alten Zeiten, besucht mit ihm und seiner Partnerin ein Rolling-Stones-Konzert, Hausarzt Sigg beobachtet er bei der Arbeit in seiner Praxis, und mit der angehenden Pfarrerin plaudert er über ihre neue Beziehung und begleitet sie zum Bestatter. Das Abschweifen war zwar nett und passte eigentlich auch zum Verhalten der Protagonisten, die es mit dem Nachfolgersuchen offensichtlich auch nicht sehr vorantreiben. Es war aber gleichzeitig ein Schwachpunkt der ersten Folge.

Geschichten kommen nur schleppend voran

Die Geschichten kamen nur schleppend in Gang, was wohl auch dem Konzept der mehrteiligen Serie geschuldet ist. Statt direkt zum eigentlichen Kern des spannenden Themas Nachfolge zu kommen, dem Loslassen, der Torschlusspanik vielleicht, der Suche, die man möglicherweise doch nicht so intensiv vorantreiben möchte, weil man zu sehr an seiner Passion hängt, wurde dem Drumherum etwas gar viel Platz eingeräumt.

Was bei Hemdenverkäufer Hauser noch spannend ist, der viel zu erzählen weiss, etwa von den alten Rock-’n’-Roll-Zeiten, taugt bei den anderen wohl zu wenig als Cliffhanger, um bei Folge 2 der Serie auch wieder unbedingt einschalten zu wollen, um zu erfahren, wie es weitergeht mit den dreien und weiteren Personen, die allesamt einen Nachfolger suchen.

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