Spion im Schweizer EM-Hotel

Unser Reporter testet einen Tag vor der Ankunft der Schweizer Fussballer das Camp in Montpellier und erlebt einige kleine Überraschungen.

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Eine eilige Reinigungskraft rauscht noch einmal mit dem Staubsauger durch die Lobby. Die Kissen in der Lounge werden eifrig aufgeschüttelt und die grossen Blumenvasen behutsam platziert. Ein Poliermaschine seift sich über den Keramikboden, sanfte afrikanische Folklore erfüllt den Raum, aus der Ferne klirrt das Geschirr aus dem Speisesaal. Der Schweizer Küchenchef ist schon seit einigen Tagen da, der Sicherheitschef eben erst eingetroffen. Die Polizei markiert Präsenz und bespricht in der Empfangshalle die letzten Fragen.

Es ist der Tag vor der Ankunft der Schweizer Nationalmannschaft, die sich während der Euro in Montpellier im Vichy Spa Hotel einquartiert und alle 99 Zimmer bis zum Finaltag am 10. Juli gebucht hat. «Allez La Suisse» steht auf einem kleinen Plakat, es verziert die Rezeption, flankiert von zwei Schweizer Fahnen. Daneben steht eine lebensgrosse Kuh aus Holz namens #HappyLilly, geschmückt mit einer goldenen Glocke und gebrandmarkt mit den Worten: «La plus grande fan de la Nati!»

Das rotgefleckte Maskottchen hat über ein Dutzend Kälber, die sich auf dem ganzen Areal verteilt haben, und vor allem auf dem Vorplatz für die nötige Swissness im Wellnesshotel sorgen. Das Vier-Sterne-Haus hat die Auszeichnung der französischen Tourismusbehörde durch seine schlichte Eleganz verdient und tut sich mit einem exquisiten Erholungsbereich hervor. Alles hochwertig, sauber und gepflegt, aber nicht edel. Für einen Stern mehr fehlt dem Etablissement die Exklusivität. Das Hotel besticht insgesamt durch seine Bescheidenheit mit positiven und negativen Überraschungen.

  • Der erste Eindruck
Das Hotel ist als solches kaum zu erkennen, die Fassade ist kantig in kleine Holzbalken gehüllt. Das Gebäude, umgeben von einem Golfplatz, wirkt auf den ersten Blick verschwindend klein. Offen und übersichtlich ist die Lobby, der Empfang und das Personal sind überaus freundlich. Auf einen Drink oder Concierge wartet der Gast allerdings vergeblich.

  • Die Zimmer
Die Zimmer sind ganz nett, alle mit einem Salon, ausgestattet mit einem grossen TV (mit nur einem deutschsprachigen Sender), dazu eine Minibar und zwei Einbauschränke. Das grosszügige Doppelbett ist etwas störend mit wuchtigen Zierkissen zugepackt, die Matratze hat jedoch eine angenehme Härte und auch das Kopfkissen fällt nicht gleich bei der ersten Belastung in sich zusammen. Das Bad ist sehr sauber, fein getäfert, aber ziemlich klein, wenn man nicht in der Junior Suite haust. Mehr Freiheit gibt es auf der Terrasse mit Blick auf den Pool oder Golfplatz.

  • Der Aussenbereich
Der Swimmingpool hat eine ordentliche Länge, ist aber gar etwas schmal und nur ein 1,80 Meter tief. Gross und mit geschmeidigem Holz verbrettert ist die zweigeteilte Liegefläche, die neben der Snackbar zum Sonnenbaden einlädt. Die Liegestühle sind bequem, die Strandstühle eher etwas für Kinder. Pflegeleicht, aber stillos ist hingegen der angrenzende Kunstrasen. Der Gummiboden verstärkt die Hitze, dafür hinterlässt das Plastikgras weder im Becken noch im Spa lästige Spuren.

  • Das Wellnesscenter
Das Spa wird seinem Namen gerecht. Der übergrosse Indoorpool lädt zum Schwimmen und Sprudeln ein, der Hamam ist wohlig warm, in der Sauna und dem Dampfbad kommt man schön ins Schwitzen. Für Abkühlung sorgt die Kältekammer, Kryotherapie heisst das und ist extra auf Spitzensportler ausgerichtet. Dürftig ist dagegen der Fitnessraum. Ausgestattet mit ein paar Geräten und Freihanteln, hat es den Namen Gym nicht verdient. Die Schweizer werden eigene Geräte mitbringen.

  • Das Essen
Die Küche tut ihr Bestes, das Essen schmeckt allgemein gut, für die kulinarischen Höhepunkte muss während der Euro aber der Schweizer Küchenschef sorgen. Das zeigt sich allein schon beim Frühstück – im fast fensterlosen Speiseraum. Das Buffet ist überschaubar, es hat von allem etwas, aber eine breite Auswahl ist das nicht. Nebst Käse, Speck und Ei gibt es zwei Sorten Konfitüre, einmal Honig und ein bisschen Butter - leider warm. Der Kaffee schmeckt auch mit viel Milch wie ein starker Espresso.

  • Die Infrastruktur
Ein wetterfester Tischtennistisch und ein Bocciafeld mit Brunnen machen Lust auf ein Spiel mit dem kleinen Ball. Wer Zeit hat, sollte unbedingt den angrenzenden Golfclub austesten. Die Anlage ist vor allem für Anfänger attraktiv: Der 18-Loch-Platz ist ohne grosse Hindernisse konstruiert worden, die Fairways haben nur wenig Wasser, dafür sind die Greens oft von Sandbunkern umringt. Um Fussball zu spielen, müssen die Schweizer zum Stade de la Mosson, rund einen Kilometer Luftlinie entfernt. Der Mannschaftsbus steht seit Sonntag bereit.

Erstellt: 05.06.2016, 21:49 Uhr

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