Sommerzeit ist Diebstahl, schafft sie ab!

Was spricht für die Sommerzeit? Bloss, dass unsere Nachbarn sie auch haben. Am Wochenende nervt die Übung wieder einmal. Eine Polemik.

Die Zeitumstellung zweimal im Jahr bringt manche Leute bös durcheinander.

Die Zeitumstellung zweimal im Jahr bringt manche Leute bös durcheinander. Bild: Reto Oeschger

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Wo Christoph Blocher recht hatte, da hatte er recht. 1982 lancierte der ziemlich unbekannte Zürcher Nationalrat eine Volksinitiative, die aus einem einzigen Satz bestand. Blocher wollte die ein Jahr zuvor eingeführte Sommerzeit rückgängig machen. Er scheiterte allerdings schon bei der Unterschriftensammlung.

Ein halbes Jahrzehnt zuvor hatten Zürcher die Sommerzeit vorerst verhindert. Fünf Jungbauern aus dem Oberland kippten Ende der Siebzigerjahre per Referendum den Parlamentsbeschluss zur Einführung. Die Gruppe hatte einen Vervielfältigungsapparat gekauft, um die Unterschriftenbögen zu produzieren. Rudolf Reichling half, der Milchproduzentenpräsident und Nationalrat aus Stäfa.

1981 wurde die Sommerzeit eben doch eingeführt, von oben. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass die Basisbewegung von einst aufersteht. Das Thema ist dieses Wochenende besonders aktuell: In der Nacht von Samstag auf den Sonntag wird um drei Uhr die Uhr eine Stunde zurückgestellt.

Kafka lebt

Es ist Kafka – gerade für die Bürgerinnen und Bürger eines nüchternen und realitätssinnigen Landes. Wer um drei aufsteht, kann eine Stunde lang den Auftakt zum Roman schreiben, den er schon immer schreiben wollte. Er kann den 400-fränkigen Vintage-Single-Malt aufbrechen und sich edel betrinken. Oder er macht einen Spaziergang durch den dunklen Wald. Danach ist es schon wieder drei Uhr. So will es das Gesetz. Internationale Züge stehen an geeigneten Bahnhöfen 60 Minuten still, bis sie vorbei ist: Die Stunde, die es nicht gibt.

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Ist die Sommerzeit wirklich sinnvoll?




Gravierender ist an dieser europaweiten Wirklichkeitskorrektur jeweils im Frühling und Herbst etwas anderes. Die Sommerzeit schadet der Gesundheit. Lassen wir einmal die verwirrten Kühe beiseite, die deswegen in der Debatte immer wieder auftauchen, weil die Anti-Sommerzeit-Bewegung eben von Bauern angestossen wurde. Freilich leiden die Tiere wirklich, es murrt im Stall.

Todmüde Teenager

Wesentlicher ist dies: In den ersten Tagen nach der Zeitumstellung kommt es zu deutlich mehr Verkehrsunfällen und Herzinfarkten, die Leute brauchen mehr Schlafmittel und Antidepressiva. Vom früheren Arbeitsbeginn profitieren bloss diejenigen, die man «Lerchen» nennt. Die Frühstaufsteher sind aber eine klare Minderheit; die Sommerzeit missachtet das körperliche Grundbedürfnis der meisten Leute. Sie ziehen sich einen Mini-Jetlag zu.

Es ist Zeit für den Soxit. Für den Ausstieg aus der Sommerzeit.

Am meisten geschädigt werden die Teenager, deren innere Uhr ohnehin nachhinkt, sodass sie morgens kaum wach werden. Die «annabelle» kommentierte letztes Jahr: «Biologisch ist das so sinnvoll wie ein Faustschlag in den Magen (...), die Gesellschaft entfernt sich ohnehin schon immer mehr von einem natürlichen Rhythmus, und die Sommerzeit gibt nochmals einen drauf.»

Attacke gegen den Körper

Die Sommerzeit ist eine Zumutung für den Körper, ein Doppeleingriff in dessen ausgeklügelte Hormonsteuerung. Und was leider als Pro-Argument auch nicht stimmt: das mit der Energieersparnis. Im April und Oktober muss man frühmorgens länger heizen; was man an Strom spart, verliert man anderswo im Kalender wieder, es ist ein Nullsummenspiel.

Ein einziger Grund spricht für die Sommerzeit, und er klingt triftig: Unsere Nachbarn rundum haben sie auch. Wenn wir sie abschaffen, gibt das Probleme im Fahrplanwesen für internationale Reisende. Können wir damit leben? Aber sicher. Die Amerikaner machen uns da Mut, deren Riesenland in mehrere Zeitzonen geteilt ist und deswegen nicht übermässig handicapiert wirkt.

Am Sonntagmorgen werden wir alle unsere Uhren umstellen oder prüfen, ob die Automatik funktioniert hat. Stets hat die Übung etwas leicht Demütigendes. Man ist obrigkeitlich dazu verurteilt, jeweils im Frühling die Zeit zu korrigieren. Und im Herbst ist man dazu gezwungen, die Intervention gegen die Natur und den eigenen Körper rückgängig zu machen. Sommerzeit ist der ungeahndete Diebstahl einer Stunde, die am Ende gnädig zurückerstattet wird. Sommerzeit ist eine zwar europaweite, doch unnötige Wirklichkeitskorrektur.

Es ist Zeit für den Soxit. Für den Ausstieg aus der Sommerzeit.

Erstellt: 28.10.2016, 10:50 Uhr

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