Schulen müssen Regeln aufstellen

Neue Dresscodes für Schülerinnen erregen die Gemüter. Aber anstatt sich aufzuregen, sollte man lieber die Auseinandersetzung suchen.

Was ist zu kurz, was zu leicht? Über Dresscodes wird immer wieder gestritten. Foto: Alamy

Was ist zu kurz, was zu leicht? Über Dresscodes wird immer wieder gestritten. Foto: Alamy

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Das Gymnasium Oberaargau steht wegen einer Kleiderempfehlung an Schülerinnen in der Kritik. Während der warmen Jahreszeit gewährten gewisse Schüler Einblicke, die man lieber vermeiden möchte, schrieb die Schulleitung in einer E-Mail. Eine Grafik konkretisiert, was gemeint ist: bauchfreie und trägerlose Tops, tiefe Ausschnitte und diskriminierende oder sexistische Aufdrucke seien zu vermeiden, ebenso permanent sichtbare Hintern oder Unterhosen. So weit, so banal.

Aber nicht für alle. Einige Schülerinnen witterten in der Empfehlung Sexismus. Erstens richte sich die Empfehlung nur an Mädchen und nicht an Jungs. Damit würden die Mädchen für das Verhalten und die Libido der Jungs und allenfalls der Lehrer verantwortlich gemacht. Man suggeriere damit, männliche Wesen könnten ihren Sextrieb nicht unter Kontrolle halten und die Mädchen seien daran schuld. Solche Vorschriften seien nur der erste Schritt in eine Haltung des Opfer-Blamings, also der Vorwurf, eine Frau müsse durch geeignete Kleiderwahl selbst dafür sorgen, dass ihr keine sexuelle Gewalt angetan werde.

Doch geht es bei den Empfehlungen der Schule wirklich darum?

Können Eltern zum Opfer-Blaming beitragen?

Vor ein paar Tagen führte ich mit meiner Sechzehnjährigen ein ganz ähnliches Gespräch. Die Schulleiterin habe ihr nahegelegt, doch weniger tiefe Ausschnitte in der Schule zu tragen, es habe Beschwerden gegeben, erzählte sie empört. Nun trägt die modebewusste Tochter zwar gern körperbetonte Kleidung, aber als speziell provokativ war sie mir zuvor nicht aufgefallen. Dennoch riet ich ihr, sich an die Empfehlung der Schulleiterin zu halten. Schliesslich kann sie sich in ihrer Freizeit kleiden, wie sie will.

Trage ich mit dieser Haltung zum Opfer-Blaming bei? Nichts läge mir ferner. Aber ich bin auch nicht der Meinung, dass es bei Dresscodes darum geht, Mädchen die Verantwortung für die Libido der Männer aufzubürden. Vielmehr sind Schulen besondere Institutionen, deren Öffentlichkeit sich von der allgemeinen Öffentlichkeit unterscheidet. Jedes Schulhaus hat eine eigene Hausordnung, die die Schülerinnen und Schüler punkto Individualismus und Selbstverwirklichung einschränken.

In der Schule wird nicht nur Schulstoff vermittelt. Genauso sehr geht es um das Miteinander, um gesellschaftliche Formen und Werte, die erkannt und eingeübt oder allenfalls diskutiert werden. Jugendliche spielen gern mit Möglichkeiten und Grenzen, und die Schule hat hier die Aufgabe eines Sparringspartners, der den Rahmen für diese Auseinandersetzung festlegt.

Dresscode als Gesprächsangebot

Natürlich sind Fragen der Sexualität gerade in diesem Kontext heikel, und natürlich ist nirgendwo festgeschrieben, welche Menge Stoff am Körper letztlich als «aufreizend» oder störend gilt – das ist eine Frage des Zeitgeistes und ändert sich mit den Generationen. Aber bei Dresscodes geht es auch nicht unbedingt um sexuelle Reize. In Basel erwog man die Einführung von Schuluniformen, weil in der Schülerschaft ein enormer Markendruck herrsche und belächelt werde, wer sich keine teuren Marken leisten könne.

Es ist nicht erstaunlich, dass solche Empfehlungen vielen als schreckliche Zumutung erscheinen, denn die Freiheit des Einzelnen gilt in individualisierten Gesellschaften als allerhöchstes Gut. Nur leider geht dabei oft vergessen, dass sie dort endet, wo sie die Freiheit der anderen tangiert. Das aber ist eine Lektion, die wir alle früher oder später lernen müssen.

Lediglich eine «Diskussionsgrundlage»

So wurde etwa an einem Weiterbildungstag der Pädagogischen Kommission in Kreuzlingen unter dem Motto «Auftreten, wirken, begeistern» ein Dresscode für Lehrer erarbeitet. Auch das führte zu grossen Schlagzeilen und in der Folge zu empörten Reaktionen der Lehrerschaft. Die Schulbehörde gab dann Entwarnung. Der Leitfaden sei lediglich eine «Diskussionsgrundlage», ein Dresscode sei auch nicht nötig, da es noch nie eine Beschwerde gegeben habe.

Vielleicht sollte man die Kleiderempfehlungen an Schulen genau so betrachten: als Angebot und Möglichkeit, mit Schülerinnen und Schülern, aber auch mit den Schulen und den Lehrern selbst ins Gespräch zu kommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2018, 19:25 Uhr

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