Bahnpolizei resigniert vor gewaltbereiten Fussballfans

Das SBB-Personal ist den Launen der Fans künftig schutzlos ausgeliefert, die Polizei wird aus fast allen Extrazügen abgezogen.

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Die Attacke war so heftig, dass die Betroffenen danach psychologisch betreut werden mussten. Bei der Rückfahrt von einem Auswärtsspiel in Lausanne im Mai dieses Jahres rasteten einige Fans des Zürcher Fussballclubs GC derart aus, dass das Zugpersonal und die Mitglieder der Transportpolizei (TPO) sich im letzten Waggon in Sicherheit bringen mussten, dann die Notbremse zogen und aus dem Zug flüchteten. Seither fahren in den Extrazügen der GC-Fans keine Transportpolizisten der SBB mehr mit.

Dass die TPO auf den Zügen geblieben wäre, wenn der Gewaltausbruch nicht stattgefunden hätte, ist allerdings unwahrscheinlich. Denn die bahneigene Polizei zieht sich generell aus den Extrazügen für Fussballfans zurück. Begleitet werden heute nur noch die Fanzüge des FC Zürich und des FC St. Gallen, wie die SBB Recherchen Bernerzeitung.ch/Newsnet bestätigen. In allen anderen Zügen werden Lokführer und Kondukteure nicht mehr durch die Polizei geschützt. Begleitet werden sie einzig von Fanbetreuern der Vereine.

Manche Vereine finden das sogar gut: Die Anwesenheit von Uniformierten im Zug hätte nur zu schlechter Stimmung und mehr Aggression unter den Fans geführt. Allerdings sagen auch alle Vertreter von Fanclubs, mit denen Bernerzeitung.ch/Newsnet sprach, dass der Abzug der Transportpolizisten aus den Extrazügen nicht ihr Wunsch war: Die Initiative sei von der Leitung der TPO ausgegangen.


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Bahnverkehr kurzzeitig unterbrochen: Aufnahmen vom Bahnhof Pratteln. Video: Leserreporter 20 Minuten


In einem Protokoll zu einem Offiziersrapport der Transportpolizei vom 26. Juli 2018 heisst es: «Nach intensiven Verhandlungen haben wir erreicht, dass die TPO nur noch zwei Clubs (FCZ und St. Gallen) begleiten muss. Unser Ziel ist weiterhin, keine Begleitung mehr.»

Die TPO-Kommandanten beklagten sich im Rapport, dass sich für die Begleitung der Züge zu wenige Freiwillige meldeten. «Hauptgründe sind der undankbare Job, die Rechte können nicht durchgesetzt werden, die fehlende Bewaffnung etc.» Die Zitate stammen aus dem aktuellen Bulletin der Sektion Transportpolizei des Verbandes Schweizerischer Polizei-Beamter.

«Defizit mit Extrazügen wird im Rahmen gehalten»

Zieht sich die Transportpolizei der SBB, eigens geschaffen, um für Sicherheit in Zügen und auf Bahnhöfen zu orgen, stillschweigend aus einer besonders heiklen Sicherheitsaufgabe im Bahnbereich zurück? SBB-Mediensprecher Christian Ginsig verneint: Aufgrund von Abmachungen mit Fans oder Fanorganisationen «konnten wir den Aufwand in Fan-Extrazügen reduzieren, weil die Fanorganisationen Verantwortung übernehmen. Dadurch konnten wir auf die Begleitung mit zusätzlichem Sicherheitspersonal der SBB im Zug verzichten.» Das helfe, das durch die Extrazüge für Fussballfans entstandene Defizit in einem ­vernünftigen Rahmen zu halten. Es gehe darum, «den Personalaufwand für Fussball-Extrazüge möglichst gering zu halten».

Wartende FCZ-Fans im Hauptbahnhof Zürich. Die Bahnpolizei begleitet heute nur noch die Züge des FCZ und des FC St. Gallen. Foto: Sabina Bobst

Dem widerspricht ein Insider: Die SBB sparten nicht viel ein, wenn sie die TPO von den Fanzügen abzögen. Wenn, dann höchstens bei den sogenannten Rückzugswagen für das Personal, die zum Teil gestrichen würden. Der Grund, die TPO abzuziehen, sei ein anderer, sagt der Insider, der anonym bleiben will. Der Dienst auf den Fanzügen sei bei vielen Transportpolizisten unbeliebt, wegen langer Arbeitszeiten am Abend und an Wochenenden und wegen der aggressiven Fans.

«Braucht es erst Tote, bis gehandelt wird?»

Ganz ähnlich wird im Bulletin des Verbandes Schweizerischer Polizei-Beamter die Stimmung in der Transportpolizei geschildert: Es sei allseits bekannt, dass die Fanzüge einen rechtsfreien Raum darstellten und niemand etwas dagegen unternehme. «Man stellt sich die Frage, ob es erst Tote und Verletzte braucht, bis dass endlich gehandelt wird», schreibt der Vorstand der Sektion TPO. Auch der Personalverband des Service public, Transfair, sorgt sich um den Schutz des Lok- und Zugpersonals. Auf den Fanzügen brauche es mehr Polizei und nicht weniger, fordert der Leiter der Branche öffentlicher Verkehr, Bruno Zeller: «Alles andere geht zulasten der Bahnmitarbeiter.»

Die SBB sehen das anders: Langjährige Erfahrungen mit repressiven Massnahmen zeigten, dass es andere Modelle für die Fanbegleitung brauche. «Fanorganisationen müssen stärker eingebunden werden und Verantwortung übernehmen», sagt SBB-Sprecher Christian Ginsig. «Jene Transportpolizisten, die nicht in den Zügen mitfahren müssten, könnten besser zur Erhöhung der Sicherheit an den Abfahrts- und Ankunftsbahnhöfen eingesetzt werden.»

Über viele Jahre hinweg wurden Fanzüge stets von einem massiven Aufgebot an Sicherheitskräften begleitet. Der Abbau begann erst ab 2012. Laut mehreren Informanten, mit denen Bernerzeitung.ch/Newsnet sprechen konnte, setzte sich vor allem die TPO-Spitze für den Abbau ein. In den folgenden Jahren wurde die Anzahl der Transportpolizisten pro Fanzug schrittweise reduziert, von anfangs 10 bis 12 Polizisten auf 2 bis 3. In einem voll besetzten Zug mit bis zu 700 Fans hatten diese Polizisten nichts mehr zu melden.

Weshalb ist der Dienst in den Fanzügen freiwillig?

Ein Mitarbeiter der TPO sagt, dass die älteren, erfahrenen Polizisten den Dienst in den Fanzügen gerne machten, weil sie Sinn darin sähen. Die Jüngeren hingegen seien verunsichert und hätten Angst. Es fehle ihnen die Abgeklärtheit, um mit Anfeindungen im Zug umgehen zu können. Dass der Einsatz in den Fanzügen freiwillig wurde, verstanden offenbar selbst in der TPO nicht alle. Die Transportpolizei habe doch ein Pflichtenheft, sagt der Insider. Dazu gehöre die Begleitung von Fanzügen. Auch im erwähnten Offiziersrapport heisst es, dass «die Begleitung eines Extrazuges eigentlich zum Job eines Transportpolizisten gehört».

Sicherer ist die Fahrt in diesen Zügen nicht geworden: Die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) führt Statistiken über Hooliganismus-Vorfälle vor, während und nach Fussballmatchs. Laut diesen Aufzeichnungen bleibt die Gesamtzahl der Vorfälle stabil. 2012 zählte die KKJPD 217 Ereignisse, 2017 sind es 221. Anders die Statistik bei den Fanzügen: In und rund um diese gab es 2012 nur 25-mal Vorfälle, fünf Jahre später sind es bereits 48.

Den Verdacht, in ihren Extrazügen herrsche Anarchie, weisen Vertreter von Fanorganisationen scharf zurück. Der erste Club, mit dem die SBB eine Vereinbarung trafen, um die Transportpolizei aus den Zügen abzuziehen, waren die Berner Young Boys. Der Verein stellt seit einigen Jahren für jeden Zug 10 bis 15 Betreuer, die den Fans bekannt sind. Durch die persönliche Beziehung sei es viel leichter, deeskalierend zu wirken, sagt YB-Sprecher Stefan Stauffiger. Mit der TPO gebe es keinen Kontakt mehr.

Personalvertreter zeigen Unveständnis

Andere Vereine wurden von der TPO vor vollendete Tatsachen gestellt. Nach den Terroranschlägen von Paris im November 2015 wurden in Basel die Transportpolizisten für die verstärkte Bewachung der Bahnhöfe benötigt. Die Fanzüge des FC Basel fuhren unbegleitet, und nachdem sich das bewährt hatte, beschlossen TPO und SBB, dass es so bleiben solle. Die Fans hätten sich schnell daran gewöhnt, schreibt die Fan­ar­bei­te­rin Ornella Pessotto im Jahresbericht 2015 der Fanarbeit Basel: «Es scheint, als vermisse die TPO niemand.» Das sei bis heute so geblieben, bestätigt Pessotto gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnet. Sie warnt aber auch, dass es nun ­keinen Weg mehr zurück gebe. Wenn sich nun die Stimmung bei den SBB ändere oder neue Regeln eingeführt würden und plötzlich wieder Bahnpolizisten in den Extrazügen auftauchten, «dann dürfte es schwierig werden».

Die SBB hätten nach intensiven Gesprächen mit mehreren Fanorganisationen Abmachungen getroffen: Die Fanorganisationen übernehmen Aufgaben in der Reinigung, die SBB konzentriert sich auf die Zugbegleitung und Billettkontrolle. Wenn das wirklich ohne Polizei funktioniere, wäre es natürlich gut, meint Personalvertreter Bruno Zeller. Aber wenn nicht? Die SBB könnten sich nicht einfach um den Schutz des Personals foutieren, sagt Zeller: «In dem Fall muss sie die Polizeikräfte verstärken.»

FC St. Gallen bestand auf Begleitung durch Polizei

Auch beim FC St. Gallen wollte die Transportpolizei die Begleitung der Fanzüge aufgeben. Die Vereinsleitung konnte die TPO in gemäss eigener Angabe «nicht einfachen, aber stets konstruktiven Verhandlungen» überzeugen, dies nicht zu tun. Ohne geschultes Personal gehe es nicht, ist der für Sicherheit verantwortliche Bereichsleiter des Vereins, Benni Burkart, überzeugt: «Es braucht Leute, die sich im Zug auskennen, die auch Erste Hilfe leisten können.»

Mit der TPO hat der FC St. Gallen in letzter Zeit gute Erfahrungen gemacht. Die Extrazüge würden nun von Polizistinnen und Polizisten begleitet, die gerne und gut mit Jugendlichen arbeiten könnten, sagt Benni Burkart. Die Forderung nach mehr Rechten und besserer Bewaffnung sei ein komplett falscher Ansatz: «Wenn es im Zug zum Konflikt kommt, kann der nur durch Dialog gelöst werden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2018, 14:01 Uhr

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