«Ohne ihn wäre ich nicht so gut»

Der Norweger Aksel Svindal (32) gewann die Abfahrt und den Super-G von Lake Louise. Er sagt, warum sein Teamkollege Kjetil Jansrud so wichtig ist.

Aksel Svindal ist bereits wieder in Topform und sagt: «Ich möchte in jeder Abfahrt und in jedem Super-G in die Top 3 fahren können.» Foto: Jeff McIntosh (Keystone)

Aksel Svindal ist bereits wieder in Topform und sagt: «Ich möchte in jeder Abfahrt und in jedem Super-G in die Top 3 fahren können.» Foto: Jeff McIntosh (Keystone)

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Ihnen ist ein fulminanter Start in die Saison geglückt. Sind Sie noch stärker als vor Ihrem Achilles­sehnenriss vor der Saison 2014/15?
Ich war auch im Vorjahr sehr gut in Form, und ich glaube, Kjetil (Jansrud) und ich hätten in Lake Louise einen Doppelsieg gefeiert, wenn das nicht passiert wäre.

Ihr Teamkollege gewann damals beide Rennen, und Sie mussten pausieren. War Ihr Hunger auf Wettkämpfe nun besonders gross?
Ich hatte im Sommer etwas mehr Ruhe als sonst, konnte noch besser trainieren. Und ja: Es macht mir Spass, Skirennen zu fahren, wenn ich weiss, dass ich fleissig trainiert habe und bereit bin.

Es heisst, man müsse Rennkilometer gesammelt haben, um richtig schnell zu sein. Sie widerlegen das.
Unsere Trainings sind auf sehr hohem Niveau. Wir haben zudem versucht, diese so zu gestalten, als wären es Ernstkämpfe. Und ich kann mich gut auf Rennen einstellen, psychisch und physisch.

Sie hatten nie Zweifel daran, bereits wieder siegen zu können?
Nein. Ich habe zwar nicht gewusst, dass ich gleich zwei Rennen gewinnen würde. Aber ich wusste, dass ich einer der Fahrer bin, die das schaffen können.

Wie wichtig war es für Sie, schon in den ersten Wettkämpfen zu zeigen, zu was Sie wieder imstande sind?
Die Rennen in Lake Louise waren die wichtigsten für mich. Ich wollte nicht bis Weihnachten oder Januar warten müssen, bis ich wieder einmal gewinne.

«Es war vor allem für meinen Vater brutal, die Frau zu verlieren. Aber wir waren Kinder, für uns ging alles weiter.»

Im Frühjahr kehrten Sie nur dreieinhalb Monate nach Ihrer Verletzung an der WM in Beaver Creek zurück. Wie haben Sie das geschafft?
Ich hatte viele Leute um mich, die mir halfen. Eigentlich aber ist es vor allem eine Frage des Fleisses. Ich ging dreimal in der Woche zum Physiotherapeuten, und der sagte mir, ob ich zu viel trainiert hatte oder noch mehr tun darf. So konnte ich immer Vollgas geben, weil jemand schaute, dass ich das Limit nicht überschreite. Das war – ich sollte nicht sagen einfach . . . Aber ich finde, für einen Spitzenathleten, der so viel Hilfe hat, ist es schon viel einfacher als etwa für einen jungen Fahrer.

Welche Rolle spielte dabei der Kopf?
Ich geniesse dieses Leben als Skifahrer sehr, das ganze Adrenalin, wenn ich ein Abfahrtsrennen bestreite, das Training im Sommer mit den Teamkollegen, ich habe einfach Spass an meinem Beruf. Das ist schon Motivation genug dafür, möglichst schnell zurück sein zu wollen.

Kaum einer hat damit gerechnet, dass Sie es rechtzeitig zur WM schaffen würden. Hat Sie das motiviert?
Ja klar. Alle haben gesagt: Das kannst du vergessen! Das spornte mich an.

Wem wollten Sie etwas beweisen?
Ich wollte einfach beweisen, dass es doch geht. Zudem hat ein Athlet, der so viele Jahre dabei ist wie ich, nur ganz ­selten die Möglichkeit, komplett ohne Erwartungen an den Start zu gehen. Das wollte ich nutzen.

Und beinahe hätten Sie den ganz grossen Coup gelandet. Sie verpassten die Podestplätze in der Abfahrt um 14, im Super-G um 13 Hundertstel.
Es wäre möglich gewesen, in Beaver Creek eine Medaille zu gewinnen, aber dazu hätte ich Glück benötigt. Und das ist nie gut. Man muss so stabil sein, dass man darauf nicht angewiesen ist.

Sie hätten die Konkurrenz vorgeführt.
Ja, aber das wäre schon eine coole Geschichte gewesen.

Nun sind Sie endgültig zurück. Welches ist Ihr oberstes Ziel?
Ich möchte in jeder Abfahrt und in jedem Super-G in die Top 3 fahren können.

In jeder Abfahrt, in jedem Super-G?
Das soll nicht heissen, dass ich jedes Mal auf das Podest fahre. Das Ziel ist nur, dass ich jedes Wochenende am Start stehe und weiss, dass das möglich ist.

Langlauf ist in Norwegen die Sportart Nummer 1. Warum sind Sie Skifahrer geworden?
Meine Mutter und mein Vater haben sich kennen gelernt, als sie noch aktive Skifahrer waren. Danach jobbten sie als Skilehrer. Ich bin damit aufgewachsen. Ich lebte zwar in der Nähe von Oslo, wo es nur kleine Skilifte gibt, aber meine Grossmutter und mein Grossvater hatten eine Hütte in einem Skiresort, und da waren wir über Weihnachten, in den Winter­ferien und über Ostern. Ich bin jeweils von halb neun bis fünf Uhr Ski gefahren.

Ihre Mutter starb überraschend, als Sie acht Jahre alt waren. Wie sehr prägte Sie das?
Es ist schwierig für mich, zu sagen, wie es gewesen wäre, wenn das nicht passiert wäre. Aber wenn ich so zurückdenke, muss ich sagen: Es ist zum einen für ein Kind natürlich eine grosse Sache, wenn die Mutter stirbt. Auf der anderen Seite hatte ich meinen Vater, meine Grosseltern und andere Leute, die dafür sorgten, dass ich und mein jüngerer Bruder Simen das gar nicht so merkten. Jetzt, wo ich älter bin, denke ich, dass es vor allem für meinen Vater brutal sein musste, plötzlich die Frau und die Mutter seiner Kinder zu verlieren. Aber wir waren Kinder, für uns ging alles weiter.

«Diese Rennen waren die wichtigsten. Ich wollte nicht bis Weihnachten warten müssen, bis ich wieder einmal gewinne.»

Gab es dennoch Momente, in denen Sie auf sich gestellt waren?
Es war oft so, dass wir von der Schule heimkamen und niemand da war. Meine Grosseltern schauten vielleicht ein-, zweimal in der Woche auf uns, sonst ­waren wir oft alleine.

Bereits mit 15 Jahren sind Sie ausgezogen. Das hatte nichts damit zu tun?
Nein, ich wechselte ins Sportgymnasium nach Oppdal, weil ich dort sehr viel Ski fahren konnte.

Dort lernten Sie auch schnell Kjetil Jansrud kennen.
Ja, bis dahin gab es noch kein Juniorennationalteam in Norwegen. Dieses wurde gegründet und ich darin aufgenommen. Bereits im ersten Jahr kam Kjetil dazu, trainierte mit, ab dem zweiten Jahr war er ins Team integriert. Das war 2000.

Seither sind Sie mit ihm fast ununterbrochen unterwegs. Wie würden Sie Ihre Beziehung beschreiben?
Wir sind gute Freunde, das trifft es am besten. Wir sprechen nicht so viel übers Skifahren, sondern über alles Mögliche. Wir wohnen auch nicht weit vonein­ander entfernt in der Nähe von Oslo. Er ist zudem ein sehr guter Trainingspartner. Ich weiss: Wenn ich im Training nicht 100 Prozent gebe, dann ist er schneller. Ich habe sehr, sehr viel ­Respekt vor ihm. Nicht erst, seit er im letzten Jahr den Abfahrts- und den ­Super-G-Weltcup gewonnen hat.

Wären Sie so gut ohne ihn?
Nun, er fehlte in der gesamten Saison 2006/07 wegen einer Verletzung. Und da war ich ziemlich gut (u. a. Gesamtweltcupsieger).

Und als Sie letztes Jahr fehlten, war er ziemlich gut . . .
(lacht) Kann sein. Zurück zu Ihrer Frage: Die letzten paar Jahre wäre ich sicher nicht so stark gewesen ohne ihn, weil er auch im Training immer sehr schnell ist. Von den Fahrern, die 2000 noch dabei waren, blieben nur wir zwei übrig. Deshalb kann ich sagen: Ohne ihn wäre ich nicht so gut, weil ich gar nie die interne Konkurrenz gehabt hätte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2015, 21:04 Uhr

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