Nie oben ohne

Käppi

Ohne Käppi fühle ich mich nackt, ja beinahe um einen Teil meiner Identität beraubt. Eine Liebeserklärung.

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(Bild: Thomas Egli)

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Bei der Liebe zu profanen, unscheinbaren Dingen handelt es sich meist um ein Gefühl, das vor lauter Alltag fast untergeht. Dennoch ist es eine Leidenschaft, die mich im Winter und Sommer erfüllt. Ohne dieses Objekt fühle ich mich nackt, ja beinahe um einen Teil meiner Identität beraubt.

Es geht um mein Käppi!

Wenn es kalt ist, schenkt es mir Wärme, und zwar so dezent, dass nicht gleich mein ganzer Kopf mitsamt Gesicht unter einer Wollmütze verschwindet. Wenn es regnet, bleibt mein Haupt trocken (und meine Brille auch!). Scheint die Sonne, bin ich wohltemperiert im Schatten unterwegs. Und wenn es weder zu heiss noch zu kalt ist, trage ich das Käppi einfach aus Gewohnheit (böse Zungen behaupten, um mein gelichtetes Haupt vor fremden Blicken zu schützen).

Das Käppi ist beinahe schon zu einer Art erweitertem Ich geworden, wie ein zusätzliches Körperteil. Aus diesem Grund ist es fast schmerzhaft für mich, wenn es mir abhandenkommt.

Gerne hätte ich eine Wanze im Ohr, Kontakt mit dem Headquarter.

Und das passiert leider Gottes immer mal wieder – und das geht so: Wenn ich morgens im Tram lesen will, muss ich die Brille hochschieben, um die Buchstaben sehen zu können, und da das Käppi dann im Weg ist, muss ich es abnehmen. Ich lege es, falls dort frei ist, sorgfältig auf den Nebensitz – und steige dann irgendwann aus dem Tram, ohne einen Blick nach rechts oder links zu werfen (glücklicherweise kommt es immer seltener vor, dass Sitzplätze frei bleiben – der stets überfüllte 14er hat also auch etwas Gutes).

So gehen wir, mein Käppi und ich, miteinander durchs Jahr. Es geht auf und ab, und niemand kennt meine Gefühls­lage so gut wie es.

Oft ist das Käppi auch besser informiert als ich selbst, weil es die physische und psychische Gesamtsituation von oben her besser im Blick hat. Gerne hätte ich eine kleine Wanze im Ohr, um Kontakt aufzunehmen mit dem Headquarter – ähnlich, wie es der arme Lehrlingskoch mit der Ratte unter der Kochmütze in «Ratatouille» tut. Nun ja, vielleicht geht das zu weit, und es reicht völlig, wenn ich meinen steten Begleiter nicht irgendwo liegen lasse – was ja äusserst unschön ist für einen richtig guten Kumpel, wie dies mein Käppi ist.

Tages-Anzeiger

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