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Wer entschlüsselt die Terroristen?

Die Literatur will den Terrorismus ausloten. Worin aber das Problem besteht.

Mörder, aber keine Figuren: In der Beschreibung von Selbstmordattentätern scheitert die Literatur. Foto: Peter Dazeley (Getty Images)
Mörder, aber keine Figuren: In der Beschreibung von Selbstmordattentätern scheitert die Literatur. Foto: Peter Dazeley (Getty Images)

Gäben die Pariser Attentäter interessante Romanfiguren ab? Die Frage ist nur dann nicht frivol, wenn ein solcher Roman etwas erklären und verständlich machen könnte. Wenn dem subjektiven Blick, der Einfühlungskraft des Schriftstellers etwas gelänge, was über die Erkenntnisse von Reportern, Psychologen und den versammelten Terrorexperten aller Medien hinausgeht.

Terrorismus ist kein neues Phänomen, Attentate gab es schon in der Antike. Allerdings zielten sie immer auf ein einzelnes, spezifisches Opfer: den Tyrannen, mit dessen Ausschaltung die Welt besser würde. Die literarische Beschreibung des Tyrannenmordes kreist um zwei Aspekte, einen strategischen und einen moralischen: «Bringts das?» und «Darf man das?», lauten die Fragen, die der Autor an den Helden und seine Tat stellt. Schiller beantwortet sie im «Wilhelm Tell» glasklar: Ja, man darf das im absoluten Ausnahmefall – gegeben im Fall des grausamen Landvogts Gessler, nicht gegeben im Fall des von Parricida aus eigensüchtigen Motiven ermordeten Kaisers. Mit der erfolgreichen Volks­erhebung und der Gründung der Ur­kantone rechtfertigt sich der einmalige Verstoss gegen die göttlichen Gebote («Du sollst nicht töten», die Bibel vermerkt keine Ausnahme).

Schiller war ein Idealist, Alfred de Musset ein Skeptiker: Sein Lorenzaccio ermordet im gleichnamigen Drama von 1834 den Medici-Tyrannen; der wird allerdings sogleich durch einen ebenso schlimmen Nachfolger ersetzt. Vor einem christlichen Horizont spielen sich auch Debatte und Aktion in Dostojewskis Terroristenroman «Die Dämonen» ab: «Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt», lautet das wohl berühmteste Zitat des russischen Autors. Da Gott aber für seine Helden existiert, und sei es in Form eines «moralischen Gesetzes in uns», folgt auf die Schuld die Sühne, nach der sie selbst verlangen.

Darf man Unschuldige töten?

Auf die Attentate in der russischen Zarenzeit bezieht sich auch Albert Camus’ Drama «Les Justes». Darin schreckt ein Bombenleger vor der Kutsche des Grossfürsten und Tyrannen zurück, weil darin auch Kinder sitzen und er keine Unschuldigen töten will. Diese Zurückhaltung wird von den Mitverschwörern nach längerer Diskussion gutgeheissen. Und ebendiese Diskussion fand ganz real statt in den Kreisen des französischen Existenzialismus.

Jean-Paul Sartre, Gegenspieler von Camus, plädierte dabei klar für die Opferung einzelner Unschuldiger, wenn es zum Besten von vielen sei. Ein selbstgerechtes Kalkül, das voraussetzt, dass sich der Täter zum Herrn über Leben und Tod, Gut und Böse macht, also zum Gott in einer gottlosen Welt. Camus hielt dagegen: Der Zweck könne nicht die Mittel heiligen. Sartre war ein Stratege der Macht, Camus blieb Moralist: Er unterschied die «Revolte» (die an moralischen Kategorien festhält) von der «Revolution» (die sie ausser Kraft setzt) und entschied sich für Erstere.

Als Revolutionäre betrachteten sich die Terroristen der RAF, die in den 70er-Jahren in Deutschland gezielt Exponenten der politischen und wirtschaftlichen Macht ermordeten – und dabei bewusst in Kauf nahmen, dass auch Polizisten, Fahrer und andere Menschen aus dem «Volk», das sie doch zu vertreten behaupteten, ums Leben kamen. In der Geschichte des Terrorismus stellt die RAF ein Übergangsphänomen dar: Zwar ging es ihr in erster Linie immer noch darum, dem «System» die herausragenden Köpfe abzuschlagen. Ein zweites Motiv gewinnt aber an Bedeutung – nämlich, allgemeine Verunsicherung zu verbreiten, dem «System» die Legitimität zu nehmen, da es die Bevölkerung nicht mehr schützen kann, und es ausserdem zu Repressalien zu treiben, die der «Bewegung» neue Kräfte zuführen würde. Man erkennt hier schon Elemente der Strategie des islamistischen Terrors.

Das sinnvolle Ziel fehlt

Die RAF war für die deutsche Literatur ein dankbarer Stoff. Halbbeteiligte, Sympathisanten und desillusionierte Linke haben sich bis in unsere Jahre mit den Beweggründen, Rechtfertigungen und Befindlichkeiten von Baader, Meinhof & Co. beschäftigt. Grosse Literatur ist daraus nicht entstanden. Könnte das damit zu tun haben, dass in dem Masse, wie der Terrorismus strategisch wie moralisch immer weniger zu rechtfertigen ist, sich auch der Bomben werfende Ter­rorist dem literarischen Zugriff entzieht? Ulrich Peltzer hat in seinem ­Roman «Teil der Lösung» über Über­wachung und subversive Akte geschrieben. Und gezeigt, dass die modernen Gesellschaften so komplex sind, dass sich keine «Verantwortlichen» mehr festmachen lassen – also auch keine strategisch sinnvollen terroristischen Ziele. Wurde bei Musset der Gewaltherrscher umstandslos ersetzt, so gibt es heute nur noch Strukturen der Macht, durch welche die Kugel des Terroristen hindurchgeht wie durch Bodennebel über dem Zürichsee.

Solche Gedanken macht sich der allerjüngste islamistische Terror nicht. Der Jihadist hat weder moralische noch strategische Skrupel. Den Dostojewski-Satz dreht er einfach um: Da wir in Gottes Namen handeln, ist uns alles erlaubt. Auch das Problem des richtigen Attentatsziels erledigt sich für ihn ebenfalls, da ja alle, die nicht zum Kern der Truppe gehören, als ungläubig und todeswürdig gelten. Ja, so ist es, glaubt man der IS-Propaganda: Alle Nichtmuslime fallen unter das Verdikt, aber auch die 150 Millionen Schiiten. So rückt zwar der Endsieg in unerreichbare Ferne – ein Weltkalifat wird es nie geben. Aber die Auswahl wird erstaunlich leicht: Jeden trifft der Tod zu Recht.

Ist eine solche Haltung, personifiziert in einem Attentäter, literaturfähig? Besonders viele Romane, die versuchen, sich in einen Jihadisten hineinzuversetzen, gibt es nicht, und man versteht bald, warum. Der deutsche Autor Chris­toph Peters lässt in «Ein Zimmer im Haus des Krieges» (2006) seinen Terroristen Jochen Sawatzky an einem knapp verhinderten Anschlag auf den Luxor-Tempel teilnehmen. Sawatzky wird verhaftet, der deutsche Botschafter Cismar will ihn vor der Exekution retten. Um eine günstige Verteidigungsstrategie zu entwickeln, versucht er in mehreren Gesprächen dessen Motive zu ergründen.

Im geschlossenen Denksystem

Das misslingt. Sawatzky präsentiert dem Diplomaten ein geschlossenes, unzugängliches Denksystem aus Parolen, Phrasen und Koransuren: «Ich bin ein Werkzeug. Die Schalen mit Gottes Zorn sind voll.» Der biografische Hintergrund des gescheiterten Attentäters – miefiges Elternhaus, Drogen, Kleinkriminalität – ist düster, erklärt aber den radikalen Bruch und die geplante Selbstzerstörung nicht. Cismar bleibt verständnislos – und für den Leser aufgrund seiner 68er-Vergangenheit eine vielschichtigere, reichere, spannendere Figur. Die Innenperspektive des Terroristen wählt Peters nur für die ersten 70 Seiten; und darin geht es allein um die «Action», den Weg zum Tempel, auf dem alles Denken ausgeschlossen ist.

Die Aussenperspektive beherrscht auch «L’attentat» (2005), den Roman des algerischen Autors Yasmina Khadra (ein Pseudonym eines ehemals hohen Armeeoffiziers). Sie ist sein Strukturprinzip: Amin Jaafari, palästinensischer Arzt mit israelischem Pass, muss erfahren, dass sich seine Frau Sichem in einem Café in die Luft gesprengt hat. Er hatte keine Ahnung von ihrer Hinwendung zum radikalen Islamismus und versucht nun, posthum ihre Motive nachzuvollziehen. Erst voller Wut auf ihre vermeintlichen «Verführer», dann mit zunehmender Annäherung an ihre politischen Freunde. Diese, Palästinenser in den besetzten Gebieten, sehen sich im Krieg mit Israel.

Wenn es klick macht

Das Selbstmordattentat ist für sie also eine Kriegshandlung, die Rache für die Demütigung eines Volkes. Diese ideologische Begründung macht den terroristischen und selbstmörderischen Akt keinen Deut nachvollziehbarer – was auch dem etwas schlichten und treuherzigen Icherzähler geschuldet ist. Der israelische Sicherheitsoffizier Naveed formuliert das, was ihm ständig begegnet, etwas salopp so: «Selbst der routinierteste Terrorist weiss nicht, was mit ihm passiert. Irgendwo im Unterbewussten macht es klick, und schon gehts los.»

Fast tollkühn mutet es an, dass der grosse alte Mann der US-amerikanischen Literatur, John Updike, seinen letzten Roman der Innenschau eines islamistischen Attentäters gewidmet hat. «Terrorist» (2006) läuft auf ein Thrillerfinale zu, in dem der 18-jährige Ahmad in einem sprengstoffbeladenen Laster sitzt, auf dem Weg zum Lincoln-Tunnel, den er in die Luft jagen will. Auf dem Beifahrersitz ist Ahmads Lehrer, Jack Levy, der ihn in letzter Minute von der Wahnsinnstat abbringen will.

Updike arbeitet mit allen ihm gegebenen Mitteln der Psychologie und Sprachkunst. Sein Held ist allerdings allzu schematisch und klischeehaft konstruiert: Vaterlos aufgewachsen, seiner Identität unsicher, von Hedonismus und Oberflächlichkeit der USA abgestossen, ist er in die Fänge eines charismatischen Imams und eines zynischen Drahtziehers geraten. Auch hier ist die attraktivere Gestalt der Gegenspieler Jack. Er hängt an der Welt mit all ihren Defiziten, die auch er sehr genau sieht und in denen sich die puritanischen Obsessionen seines Erfinders wiederfinden.

Zweifach ausgelöscht

Alle drei Romane machen einen nicht klüger bei der Frage, was Menschen dazu bringt, sich selbst und viele Unbekannte und Unschuldige zu töten, um – so die landläufigen, aber für uns umso unbegreiflicheren Begründungen – die Verwandlung der Welt in eine repressive Theokratie voranzubringen und selbst ins Paradies einzugehen. Der Roman ist dafür offenbar ein ungeeignetes Erkenntnisinstrument. Sein Mittel ist die einfühlende Psychologie, seine Voraussetzung eine Figur mit einer einfühlbaren Persönlichkeit.

Die ist aber genau das, was der Attentäter abwirft. «Nie mehr Jochen!», ruft Sawatzky, der sich nach seiner Konversion Abdullah nennt, im Roman von Christoph Peters. Er und seinesgleichen löschen aus, was sie als Individuum ausgemacht hat, und leben nur noch für die Tat, die sie schliesslich auch physisch auslöscht. Das jihadistische Attentat entzieht sich den Worten, es ist selbst ein Akt der Kommunikation, der verkündet: Ihr werdet alle sterben. In dieses schwarze Loch, tiefer und unergründlicher als Dantes Höllenkreise, vermag kein Schriftsteller Licht zu werfen.

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