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Mozart lebte riskant

Laurenz Lütteken, Ordinarius für Musikwissenschaft an der Universität Zürich, schält Mozarts aufklärerischen Ehrgeiz heraus – an dem der Komponist schliesslich zugrunde ging.

Familie Mozart: Der Sohn ging viel weiter als sein Vater Leopold. Gemälde von Johann Nepomuk della Croce (Getty)
Familie Mozart: Der Sohn ging viel weiter als sein Vater Leopold. Gemälde von Johann Nepomuk della Croce (Getty)

Dieses Buch kann die verbreiteten Vorstellungen über den Menschen und Musiker Wolfgang ­Amadeus Mozart verändern. Das wird einem klar, wenn man sich hineindenkt in den historischen Abriss des in Zürich lehrenden Essener Musikwissenschaftlers Laurenz Lütteken. Mozarts Erfolg und Geringschätzung korrespondieren ja bis heute mit seinem Ruhm und der Erniedrigung durch schiere Verkitschung. Von Salzburg bis Hollywood: Aus dem Genie wurde eine postmortale Belastungs­störung. Man will keinen Film mehr über Mozart sehen, eigentlich auch kein Buch mehr über ihn ­lesen. Nur dieses eine noch.

Laurenz Lütteken hält sein Versprechen: Dieses Buch ist keine neue Biografie, bringt keine spektakulären Fakten, deutet nichts revolutionär neu, sondern durchforstet das Vorhandene noch einmal gründlich. Während sich die Klassiker unter den Mozart-Biografien zu weiten Teilen auf die umfangreiche, wenn auch durch die Witwe Mozart etwas zensierte Briefsammlung des Komponisten stützen, geht Lütteken einen anderen Weg. Er durchleuchtet auch das Umfeld seines Gegenstandes. Im Gegensatz zu den meisten Mozart-Biografen interessiert ihn dabei nicht zu allererst die Familie. Selbst Leopold erscheint zunächst nicht als Amadés Vater, sondern als europäischer Aufklärer.

Nachbildung der Natur

Leopold Mozart leistete mit seinem Violinlehrbuch nicht nur einen praktischen Beitrag zur ästhetischen Debatte, sondern definierte auch eine klare Position in der damals virulenten aristotelischen Frage, wie Kunst die Natur abbilden könne. Eine unmittelbare Nachahmung kann die Musik im Gegensatz zur Malerei nicht leisten. Sie kann das gleiche Ziel aber über den Umweg der Emotionen erreichen, die mit der Anschauung der Natur geweckt werden, und die sie mit den ihr eigenen Mitteln auslösen kann. Man stritt sich damals darum, ob das aristotelische Ideal mit einer formalen Strenge zu erreichen sei, wie sie in Frankreich praktiziert wurde, oder durch die kreative Freiheit der Italiener.

Moses Mendelssohn und andere haben die Debatte später in einen allgemeinen Ästhetikdiskurs überführt. Leopold Mozart dagegen hat konkret Stellung bezogen, indem er seinen «Versuch einer gründlichen Violinschule» mit dem Hinweis versah, er wolle «durch Regeln des guten Geschmackes einen vernünftigen Solospieler bilden».

Schön ist, was gefällt

Ziel war also nicht der in jedes Orchester nahtlos passende Musterschüler, sondern das selbst­bestimmte kreative Individuum: der Meisterschüler. Leopold Mozarts Publikation war zusammen mit der Flötenschule von Johann Joachim Quantz und den ästhetischen Schriften von Johann Friedrich Agricola quasi das Rückgrat der Ästhetik­debatte. Lütteken geht es aber nicht darum, das soziohistorische Gefüge der Mozarts aufzudröseln, sondern zu zeigen, wie sich die ästhetische Haltung Leopolds darstellte und dann bei seinem Sohn und Schüler Wolfgang Amadeus widerspiegelte.

Dazu verweist er auf die gemeinhin als unbedeutend klassifizierten Symphonien Leopold Mozarts, die programmatische Titel tragen wie «Sinfonia Pastorale», «Sinfonia Burlesca» oder «Sinfonia da Caccia». Trotz der bildhaften Titel geht es nicht um die Abbildung aussermusikalischer Welten, sondern um die Erfindung fiktiver Innenwelten, und damit, wie Lütteken schreibt, um «die spielerische Erkundung eines blossen Ausnahmezustands». Wie grundsätzlich und dringlich eine ästhetische Positionierung für Leopold Mozart war, zeigt sich noch deutlicher in Sinfonie-Titeln wie «De gustibus non est disputandum» oder «Non è quello che è bello ma quello che piace» – nicht das ist schön, was schön ist, sondern das, was gefällt.

Demontage der eigenen Überzeugungen

Dieses Credo finden wir bei Wolfgang Amadeus als hintersinniges Konzept seines Schaffens. Kaum etwas beglückte ihn mehr als die Beobachtung, wie das Publikum reflexartig auf seine Effekte reagierte. So schrieb er an den Vater über eine Pariser Aufführung seiner Sinfonie KV 297: «Mithin machten die Zuhörer, wie ichs erwartete, beim piano ‹sch›. Dann kam gleich das forte. Sie das forte hören und die Hände zu klatschen war eins.» Wie die Musik so aus ihrer Rolle als unvollkommene Naturnachahmerin herausfand und sich über die bis dahin führende Malerei erhob, wie sie zur Leitkunst des 19. Jahrhunderts wurde: Auch dies diskutiert Laurenz Lütteken im Zusammenhang mit Mozart oder «den Mozarts», wie man nach der Lektüre sagen muss.

Natürlich ging der Sohn dann viel weiter, richtete seine ganze Existenz auf ein neues Künstlerbild aus, riskierte viel, und zwar nicht nur in Bezug auf die eigene materielle Existenz, sondern – und das ist vielleicht doch neu – auch in Bezug auf sein Werk selbst. So mutig er in seinen Opern die Bedingungen des menschlichen Daseins vorführt, indem er die Labilität moralischer Kategorien aufzeigt, so zielsicher demontiert er die eigenen Überzeugungen. Lütteken verweist auf die Schriften des Materialisten Julien Offray de La Mettrie, die damals in Wien kursierten – und verboten waren. Für Mettrie war die menschliche Seele keine göttliche Inspiration, sondern das Resultat komplexer Körperfunktionen.

Mozart: «Es ist alles kalt für mich – eiskalt»

Diese Haltung scheint in Mozarts Opern nicht nur durch; er erweitert etwa in «Così fan tutte» das Spiel um Affekte und Erotik um eine entscheidende Komponente und stellt nun auch die von ihm geschaffene Musik auf die Probe. Er unterläuft die kalkulierte Wirkung auf das Publikum, vor allem durch eine neue harmonischen Doppelbödigkeit, die eine einzige musikalische Wahrheit unmöglich macht. Im Moment der grössten Wirkung seiner Musik muss Mozart erkennen, dass sie «keine wahre Seele mehr hat». Da ist auch die aufklärerische Vernunft bestenfalls ein Notanker. Lütteken zitiert einen Brief Mozarts an seine Frau: «Es ist alles kalt für mich – eiskalt. Ja, wenn du bei mir wärest, da würde ich vielleicht an dem artigen Betragen der Leute gegen mich mehr Vergnügen finden – so ist es aber so leer.»

Man kann nicht umhin, zu denken, Mozart habe durch sein eigenes Werk psychisch-metaphysischen Selbstmord begangen; der körperliche Zerfall und frühe Tod wären dann nur die logische Folge. Lütteken sagt das nicht, aber seine Darstellung erklärt viel von der Traurigkeit, die Mozart in einer Dezembernacht aus der Welt hinaustrieb.

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