Meh Dräck – Zürich braucht ihn

Unsere Stadt ist nun wirklich schön genug. Und darum sollten wir hässliche Ecken wie den Escher-Wyss-Platz wertschätzen.

So soll Zürich bitte auch sein: Unterführung an der Sihl im Gebiet Brunau.

So soll Zürich bitte auch sein: Unterführung an der Sihl im Gebiet Brunau. Bild: Thomas Widmer

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Der Trick klappt immer. Kommt ein Freund aus einer Kleinstadt wie Schaffhausen oder Bern zwecks Stadtbesichtigung nach Zürich, führen wir ihn zum Shoppingcenter Sihlcity. Dort geht es hinab zur Sihl, die an dieser Stelle über Hunderte Meter von einer Hochstrasse überdeckt ist. Im trüben Wasser stehen Betonpfeiler. Es riecht nach Waschmittel.

«Läck, Wahnsinn!», wird der Freund garantiert ausrufen. Er ist schwer beeindruckt. Selber ist man stolz, auch wenn man es nicht zeigt. Man lebt in der einzigen Stadt der Schweiz, die wirklich urban ist. Die Hässlichkeit macht es aus. Sie ist matchentscheidend.

Liegestühle für Monster

Das Argument drängt sich auf, weil heute ein Artikel in der Zeitung steht, der vom Escher-Wyss-Platz handelt. Genauer gesagt: Von den verschmuddelten Kunststoffsitzen, die die Düsterfläche verschönern sollen; diese wird von Trams gekreuzt, von Autos umtost, durch Überführungen entstellt. Der Artikel hält fest, dass keiner die grellgelben Dinger nutzt, die aussehen wie Liegestühle für Monster. Hocken für Hagrid, den «Harry Potter»-Wildhüter.

Online hagelt es unter dem Artikel vernichtende Kommentare gegen die Sitze und den Platz. «Eine gestalterische Katastrophe.» «Totales Versagen der Verkehrsplaner.» «Zu viel Verkehr und Gestank.» «Schlafende Alkoholleichen und andere Zugedröhnte.» «Eines der hässlichsten Beispiele für modernen Verkehrswahn.» «Leblos.» «Total unmenschlich.»

Schwächt das Krasse bloss nicht ab!

Alles korrekt. Genau darum gehört die Krassheit dieses Platzes ja auf keinen Fall abgeschwächt. Zürich braucht diese Unorte, die dem Rest der Schweiz klarmachen, dass es eine Stadt ist. Eine richtige Stadt, kein Städtli wie Wil oder Chur oder Burgdorf. Unwirtlichkeit gehört zum Programm, sie sollte im Bewohner und Begeher Besitzerstolz auslösen.

Unwirtlichkeit gehört zum Programm einer Stadt wie Zürich. Wir sind doch nicht Burgdorf!

An Schönheit hat Zürich – anders gesagt – ohnehin genug. Denken wir an den neuerdings von parkierenden Autos befreiten Münsterhof mit seinem Mittelaltercharme. An den malerischen Weihnachtsmarkt auf dem Sechseläutenplatz. An romantische Geheimtipps wie den historischen Herrensitz Beckenhof. An linksalternative Biotope wie die Bäckeranlage, wo die Leute zwischen den Bäumen Balancierseile spannen. An den Zürichberg, von wo das Auge im Anblick des Alpenkranzes schwelgt. An die tiefblaue Weite des Zürichsees, genossen von der Roten Fabrik. Ans Niederdorf, wo Haus um Haus eine Denkmalschutz-Plakette trägt, die erklärt, dass das Gebäude von 1452 stammt oder so.

Hardplatz, unser Hades

Alles okay, alles toll. Aber eine Grossstadt braucht das Gegenprogramm zur grassierenden Geputztheit und Gepflegtheit. Und Zürich, das gern eine Grossstadt wäre, aber in dieser Kategorie stets auch gefährdet ist, hat Gruselorte besonders nötig. Und daher sollten wir zum Beispiel den Farbhof schätzen mit der 2er-Endschleife und den Baugruben rundum. Den verschatteten Hardplatz, diesen Hades der Moderne. Die paar unterirdischen Tramhaltestellen Richtung Schwamendingen, wo das Tram Tube spielen darf. Den Bucheggplatz mit dem symbolhaft für die Gegenwart endlos im Kreis sich drehenden Autowahnsinn. Das Basislager-Container-Areal in Altstetten mit dem Swisscom-Bunker nebenan wie eine syrische Geheimdienstfiliale.

Zürich sollte nicht weiter verniedlicht werden. Zürich braucht nicht weniger, Zürich braucht mehr Dräck.

Erstellt: 23.12.2016, 10:50 Uhr

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