Markenzeichen braucht er nicht

Er ist kritisch, selbstkritisch – und erfolgreich: Nun kommt der 36-jährige Tessiner Pianist Francesco Piemontesi nach Zürich.

«Zumindest im Bereich der Kunst wird das Fremde in der Schweiz immer noch als attraktiver empfunden als das Eigene», sagt Francesco Piemontesi. Foto: Andrea Zahler

«Zumindest im Bereich der Kunst wird das Fremde in der Schweiz immer noch als attraktiver empfunden als das Eigene», sagt Francesco Piemontesi. Foto: Andrea Zahler

Susanne Kübler@tagesanzeiger

In den letzten zwei Wochen ist er in Nürnberg, Indianapolis und London aufgetreten, zwischendrin war er kurz in Berlin, wo er lebt. Und nun sitzt Francesco Piemontesi im Zürcher Bahnhofbuffet und bestellt sich erst einmal eine Ovomaltine: «Die gibts sonst ja nirgends.»

Anderes vermisst er dafür in der Schweiz. Den Stolz auf die eigenen Talente etwa, auch einen Plan, wie man sie zur Geltung bringen könnte: «Um Erfolg zu haben, musste ich erst einmal weg.» Bis vor einigen Jahren meldeten sich die Schweizer Veranstalter eher zögerlich, während er im Ausland längst an den grossen Adressen angekommen war.

Piemontesi erzählt dann die Geschichte des «grossen Tartarov», der 1968 als russischer Virtuose angekündigt wurde, ein umjubeltes Konzert in der ausverkauften Zürcher Tonhalle gab – und sich tags darauf an einer Medienkonferenz als Schweizer Pianist Jean-Jacques Hauser outete. Piemontesi ist überzeugt, dass das Experiment auch heute noch funktionieren würde: «Zumindest im Bereich der Kunst wird das Fremde in der Schweiz immer noch als attraktiver empfunden als das Eigene.»

«In Japan laufen die Flügel von allein.»Francesco Piemontesi

Er sagt es gelassen. Einerseits, weil er als künstlerischer Leiter der Settimane Musicali Ascona inzwischen selbst die Gelegenheit hat, einheimischen Nachwuchsmusikern eine Plattform zu bieten. Und andererseits, weil sein Radius als Solist so gross geworden ist, dass er seine Konzerterfahrungen nach Kontinenten gruppieren kann. In den USA gebe es die beeindruckendsten Orchester, in Europa das informierteste Publikum – und in Japan die idealsten Bedingungen: «Die Säle dort sind wunderbar, und die Flügel laufen von allein.»

Es war ein langer Weg bis zu diesem Punkt. Piemontesi gehörte nie zu den Senkrechtstartern, er machte keine «Medienkarriere», wie er es nennt, sondern eine Musikerkarriere. Da waren Dirigenten, die ihn immer wieder einluden; Kammermusikkollegen, mit denen er sich austauschte und weiterentwickelte; und natürlich Martha Argerich, die ihn regelmässig an ihr Tessiner Festival Progetto Argerich einlud und nun ihrerseits in seinen Programmen auftritt.

Das grösste Glück hatte Piemontesi aber bereits als 14-Jähriger. Damals steckte er in einer Krise, «ich hatte den Eindruck, dass es mir einfach nicht gelingt, meine musikalischen Ideen technisch umzusetzen». In Bellinzona hörte er dann die Pianistin Cécile Ousset, die genau dies zu schaffen schien – und den Jungpianisten danach mit technischen Übungen trimmte, bis auch er so weit war.

Francesco Piemontesi spielt Liszts «Au lac de Wallenstadt». Video: Youtube

Die Ideen, die er seither verfolgt, lassen sich allerdings nicht in zwei, drei Schlagworten definieren; Piemontesi pflegt sehr bewusst keine Markenzeichen. Er sei «zwischen ab und zu und oft» schockiert, wenn er Kollegen höre, sagt er. «Da wird alles in die Extreme getrieben, die ganze Zeit. Man flüstert oder schreit, spielt im Höllen- oder Schneckentempo.» Er selbst interessiert sich – ganz in der Tradition von früheren Meistern wie Samson François, Alfred Cortot oder Edwin Fischer – eher dafür, was zwischen den Extremen liegt: «Da gibt es so viel zu erkunden!»

Was er meint damit, lässt sich auch auf seiner aktuellen CD mit den drei letzten Schubert-Sonaten nachhören. Es ist keine knallige Interpretation, aber eine, in der jeder Satz seinen Charakter hat, seinen Ton, seine Haltung. Eine, bei der man auch beim dritten Hören noch Neues entdeckt. Und die kein bisschen nach Weihrauch riecht.

Nur keine falsche Ehrfurcht!

Denn das mag Piemontesi fast noch weniger als den interpretatorischen Extremismus: die im Konzertleben weitverbreitete «Hohepriesterei». Natürlich müsse man den Werken Respekt entgegenbringen, sagt er, «aber diese falsche Ehrfurcht ist fürchterlich». Dass man sich an manches erst heranwagen dürfe, wenn das Pensionsalter in Sicht ist, findet er absurd: «Schubert war 31, als er starb.» Entscheidend sei, dass ein Musiker ehrlich sei mit sich selbst: «Für Beethovens Hammerklaviersonate etwa bin ich noch nicht bereit, die verstehe ich einfach nicht.»

Chopins erstes Klavierkonzert, mit dem er nun auf Schweizer Tournee geht, ist dagegen ganz nach seinem Gusto. Ein sehr freies Werk sei das, sagt er, «da ist es wichtig, dass die Interpreten sich gegenseitig vertrauen – und auf der Stuhlkante sitzen, um aufeinander zu reagieren». Das Römer Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, das ihn begleitet, kennt er schon lange, auch mit dem Dirigenten Antonio Pappano versteht er sich «ohne viele Worte und ohne lange Proben».

Debüts in der obersten Liga

Inzwischen ist die Ovomaltine leer, Piemontesi muss weiter. Aber er möchte nach all den kritischen Bemerkungen doch noch betonen, wie glücklich er sich schätzt: Weil er Musik machen kann; weil seine Wahlheimat Berlin an Kultur und Kollegen alles bietet, was sich ein Pianist wünschen mag (und zudem gute Restaurants, «das hat sich sehr verbessert»). Dazu stehen in nächster Zeit gleich zwei Debüts mit Orchestern an, die er noch nicht öffentlich verraten darf, die aber zweifellos ganz oben auf der Wunschliste jedes Pianisten stehen. Und er musste sich nicht einmal Tartarov nennen dafür.

Francesco Piemontesi spielt Chopins Klavierkonzert in der Reihe Migros Kulturprozent Classics: Freitag, 8. November, 19.30 Uhr, Tonhalle Maag.

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