«Die Kinder sind der Dummheit der Erwachsenen ausgeliefert»

Die mexikanische Autorin Valeria Luiselli hat für ihren Roman an der Südgrenze der USA recherchiert, wo Grausames passiert.

Valeria Luiselli kann nicht wegschauen, wenn anderen Unrecht geschieht. Und schreibt trotzdem keine Agitprop-Literatur. Foto: Dominique Meienberg

Valeria Luiselli kann nicht wegschauen, wenn anderen Unrecht geschieht. Und schreibt trotzdem keine Agitprop-Literatur. Foto: Dominique Meienberg

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Amerika sei zweigeteilt. Mindestens. «New York ist wie ein Staat für sich», sagt Valeria Luiselli, und ihr Tonfall macht klar: Es ist ihr Staat. Jedenfalls «der Ort, wo ich mich im Moment am meisten daheim und geschützt fühle». Keine Kuschelecke, aber doch eine Art «Safe Space» für die 36-Jährige und ihre zehnjährige Tochter, ihr längstes fixes Zuhause. Und in ihrem Blick blitzt jene Empörung auf, die durchwegs in ihren Einschätzungen zur politischen Lage brodelt. Dann packt sie eine der Storys aus, von denen sie viele im Rucksack hat.

Da war die Schriftstellerin also kürzlich im Bundesstaat Arizona – der im Süden an Mexiko grenzt – auf Recherche und begegnete dem wettergegerbten Besitzer eines Trailerparks. «Doch, doch», bekräftigte der auf Nachfrage: «Mehr Grenzmauer ist dringend nötig. Aber weniger im Süden, sondern vor allem im Westen – um uns die Kalifornier vom Leib zu halten. Am besten wärs, die ganze West- und Ostküste einzumauern.»

«Es gibt Abschnitte der Grenzbefestigung, die als ‹Obama-Wall› bekannt sind.»Valeria Luiselli

Die USA sind so polarisiert, wie es noch vor rund einem Jahrzehnt nicht vorstellbar war; damals, als die junge Frau mit dem mexikanischen und dem italienischen Pass – ihr Vater stammt aus der Nähe von Bergamo – nach New York kam, um Tanz zu studieren. Das mit dem Tanzen scheiterte, dafür entdeckte sie das Literaturstudium und das Schreiben. Es war ihre Möglichkeit, sich mit der Welt der Filterblasen und gesellschaftlichen Verwerfungen auseinanderzusetzen.

Seit Trump habe sich die nationale Selbstdefinition radikal verändert, sagt Luiselli. «Faktisch war es der Demokrat Bill Clinton, der in den 90ern mit dem Mauerbau begann», unterstreicht sie. «Und es gibt Abschnitte, die als ‹Obama-Wall› bekannt sind. Der entscheidende Unterschied zu damals ist die Haltung.» Früher habe man Grausamkeiten kaschiert; Obama, ein grosser Deportierer illegaler Einwanderer, habe sich solche Aktionen nicht als Ruhmesblatt angeheftet.

Das Einparteiensystem USA

Heute schauten die Leute viel schärfer hin. Und wo die einen entsetzt seien ob der unmenschlichen Praktiken rund um die Einwanderung, gingen den anderen die Restriktionen nicht weit genug. Sie patrouillierten in ihrer Freizeit an der Grenze als Bürgerwehren ohne demokratisches Mandat und jagten Illegale.

Die in Mexiko geborene Diplomatentochter schnaubt. «Ich liebe Alexandria Ocasio-Cortez! Aber der Publizist Gore Vidal hat es einst träf gefasst, als er sagte: ‹In den USA gibt es nur eine Partei, die der Besitzenden; und sie hat zwei rechte Flügel.› Die Demokraten sind bis heute in vieler Hinsicht weniger links, als ich es mir wünschen würde.»

Ein Essay wie ein Aufschrei

Für die Frau mit Nasenpiercing und Ethno-Jacke sind das keine Phrasen. Fünf in über 20 Sprachen übersetzte Bücher hat Luiselli mittlerweile vorgelegt, drei Romane und zwei Essaybände, alle auf ihre Weise hoch literarisch und dennoch tief verankert in der herben Realität. Den zweiten Roman etwa, «Die Geschichte meiner Zähne», 2015 ausgezeichnet mit dem Los Angeles Times Book Prize, entwickelte sie zusammen mit Arbeiterinnen einer mexikanischen Saftfabrik.

Seit 2014 hat sich Luiselli ehrenamtlich für unbegleitete Kinder aus Zentralamerika eingesetzt, für sie vor Gericht übersetzt und geholfen, Anwälte für sie aufzutreiben. «Als ich hörte, dass 60'000 unbegleitete Kinder ohne Papiere an der Grenze festsassen, völlig verloren und ohne Rechtsbeistand, musste ich einfach etwas tun.»

«Hätte ich die Storys schlicht reproduziert, hätte ich auch die Gewalt reproduziert, die den Kindern angetan wurde.»Valeria Luiselli

Deren Geschichten verfolgten sie bis in den neuen Roman «Archiv der verlorenen Kinder», den sie jetzt in der Schweiz vorstellte. «Es sollte ein Roman über die kollektive Erzählung der Krise und der politischen Gewalt werden. Dann realisierte ich: So geht das nicht. Ich kann nicht einfach die schlimmen Zeugnisse der Kinder, die ich gehört habe, fiktionalisieren.» Das wäre der Literatin mit Doktortitel in Literaturwissenschaft zu billig gewesen.

Auch zu unethisch: «Hätte ich die Storys schlicht reproduziert, hätte ich auch die Gewalt reproduziert, die den Kindern angetan wurde, und sie wieder zu Opfern gemacht. Um meinen Aufschrei zu Papier zu bringen, brauchte ich eine andere Form.» Und sie schrieb ihren nicht-fiktionalen, preisgekrönten «Essay in 40 Fragen» mit dem Titel «Tell Me How It Ends» über die Kinderschicksale. Der habe sie erst frei gemacht für den Roman, der eben nicht direkt, nicht ungebrochen aufs Los der Flüchtlingskinder schaut.

Eins der Kinderfotos, die Valeria Luiselli ins «Archiv der verlorenen Kinder» eingefügt hat.

Schriftsteller hätten am Ende nur eine Pflicht: nicht schlecht zu schreiben! Und dabei wild entschlossen für die Freiheit der eigenen Imagination einzustehen. Was für Luiselli nicht heisst, in einem Elfenbeinturm zu verschwinden. «Derzeit ist für mich unvorstellbar, nicht über die Probleme der geflohenen Menschen und die Krise an der Grenze nachzudenken. Aber ich träume von einer Epoche, in der ich mich ausführlich mit modernistischer Architektur und zeitgenössischem Ballett beschäftigen kann.»

Dass sie dazu lächelt, verrät, dass es dazu nie kommen wird. Ihre Mutter verliess die Familie, als Valeria 16 Jahre alt war, um sich den Zapatisten in Mexiko anzuschliessen, Engagement ist in der DNA ihrer Familie. Valeria Luiselli hatte früh lernen müssen, sich selbstständig durchzuschlagen.

Auf Wurzelsuche

Mit elf Jahren hatte sie in den USA, in Costa Rica und Südkorea gelebt; als der Vater Botschafter in Südafrika wurde, besuchte sie nach einer Weile ein Internat in Indien. Mit 19, als Studentin, kehrte Valeria Luiselli nach Mexiko-Stadt zurück, rang um eine späte Verwurzelung. Sie, die stets auf Englisch geschrieben hatte, erkämpfte sich einen neuen Zugang zur Muttersprache. Tiefe Wurzeln fand sie aber nicht.

Immerhin sei es Anfang der Nullerjahre deutlich sicherer zugegangen in Mexiko als heute, meint die Autorin, die in Harlem lebt, über ihr Herkunftsland. Sie war oft nachts allein unterwegs gewesen – inzwischen undenkbar. Ihre Tochter, die in New York eine Privatschule besucht, wäre in Mexiko-Stadt viel unfreier.

Kinder: Sie kommen regelmässig vor in unserem Gespräch. Da sind die Kinderschicksale, die die Schriftstellerin nicht losliessen; da ist Luisellis eigene Tochter, der sie erklären musste, was es bedeutet, wenn Kinder keine Papiere haben; und wieso deren Eltern nicht da sind, um sich zu kümmern.

Und da ist das autobiografische Grundrauschen: die Hilflosigkeit von Kindern, die «der Brutalität und Dummheit der Erwachsenen ausgeliefert sind», erklärt Luiselli, und wieder blitzt ihr Zorn auf. «Sie halten häufig mit ihrer Imagination dagegen und nehmen dabei gleichzeitig die Spannungen und Risse luzider wahr als die Grossen.» Als Flüchtlingskinder; als Trennungskinder wie sie selbst eins ist und ihre Tochter auch.

On the road von New York in den Süden: ein Foto aus dem Roman «Archiv der verlorenen Kinder».

Interessanter als die autobiografischen Echos ist für die Autorin allerdings, wie die Literatur ins Leben greift. Ihr nächstes Werk wird ein Hörstück, ein «Soundpiece» im Stil der Arbeiten ihrer «Archiv»-Heldin. An der Grenze zu Mexiko, in Arizona, bilde sich in den Storys von ausgebeuteten Frauen die «hyper-gewalttätige Geschichte der kapitalistischen Wirtschaft» ab. Und inspiriert von Senecas versklavten «Troerinnen» lässt Valeria Luiselli dort darum rund fünfzig Frauen von beiden Seiten der Grenze zu Wort kommen. Sie wird die Performance aufnehmen und bearbeiten, etwas zwischen Dokument und Fiktion schaffen – entsprechend ihrer Rolle als «Archivarin und Alchemistin zugleich».


Der Roman

In der virtuosen Roadnovel «Archiv der verlorenen Kinder» schieben sich die Stimmen eines 10-jährigen Buben und seiner 5-jährigen Halbschwester buchstäblich von hinten, vom Autorücksitz, allmählich in den Vordergrund. Anfangs erzählt noch die Mutter, eine Journalistin Mitte 30, deren grosses Thema die Flüchtlingskinder sind. Der Vater wiederum will unterdrückte Überreste der indigenen Vergangenheit Amerikas ausfindig machen, «Echos» einfangen. Auf der wochenlangen Fahrt von New York ins alte Land der Apachen folgt jeder obsessiv seinen Interessen, die Distanz zwischen den Eltern wird unüberbrückbar. Und angesichts der sinkenden Geborgenheit angeln die Kinder nach Halt. In den Text eingeschoben sind, als weitere Stimmen im Dialog, Dokumente: das alte Zeitungsfoto eines Waisenzugs, Kinderfotos, Karten, Kinderzeichnungen. Und ein Buch im Buch, «Elegien für verlorene Kinder», voller literarischer Anspielungen. Im zweiten Teil wird dann die Perspektive des sensiblen Buben bestimmend, der diese letzte Familienreise dokumentiert. Die Trennung der Eltern – und der Kinder – steht bevor, weiss er.

Valeria Luiselli: «Archiv der verlorenen Kinder». Kunstmann 2019. 432 S., ca. 39 Fr.

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