Lieferant des Extremen

Ueli Steck riskiert bei der nächsten Everest-Expedition wieder einmal den Tod. Das befremdet.

Extrembergsteiger Ueli Steck in einem Café. Foto: Franziska Rothenbühler

Extrembergsteiger Ueli Steck in einem Café. Foto: Franziska Rothenbühler

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Spitzenalpinist Ueli Steck, 40-jährig, ein Berner, hat ein neues Projekt. Er will vom Mount Everest zum Lhotse queren – eine extreme Sache. Im TA-Interview sprach er einen irritierenden Satz: «Scheitern heisst für mich: wenn ich sterbe und nicht heimkomme.»

In erstaunlicher Gelassenheit nimmt es Steck demnach an, dass er am Berg umkommen kann.

Unserer christlich geprägten Zivilisation sei in ihrer verbürgerten Neuzeit das Liebäugeln mit dem Tod fremd, hört man oft. Es kommen dann jeweils Hinweise auf Kulturen, die eine Todes­praxis mitten im Leben kennen und uns daher wesensfremd seien. Vor allem Japan wird genannt. Dessen Kamikaze, die Selbstmord­piloten im Krieg. Und Harakiri: der Suizid eines Mannes, der nach einer Pflichtverletzung durch Bauchaufschlitzen die Ehre der Sippe wieder­herstellt. Das sei typisch orientalisch, genau wie die Selbstmordattentäter der islamischen Welt, hört man. Es passe nicht zur rationalen Verfasstheit von uns Europäern.

Reden wir hier nicht von hiesigen Menschen, die sich aus Unglück töten, sie sind ein anderes Thema; lassen wir auch den Suizid Schwerkranker bei Exit oder Dignitas beiseite. Steck ist jung, kerngesund, munter. Und doch akzeptiert er, dass er aus dem Himalaja vielleicht nicht zurück- kommt. Topalpinisten haben es aber auch nicht einfach. Der Everest ist mittlerweile von einem Greis, einem Teenie, einem Prothesenträger bestiegen worden. Wer einen Sponsor sucht, muss gewagtere und kuriosere Ziele formulieren. Das Selbstmarketing des Bergsteigers geht notgedrungen immer mehr Richtung Todeszone.

Das Publikum ist davon so abgestossen wie fasziniert. Es ist bei uns nicht üblich, vorzeitig aus freien Stücken den Tod ins Auge zu fassen; der Durchschnittler stirbt unfreiwillig, an Diabetes, Krebs, Herzinfarkt. Der Extremsportler ist die Ausnahme: Er strebt das äusserste Risiko als Spektakel an. Christus sei für unsere Sünden am Kreuz gestorben, heisst es. In der Neuzeit gilt eher: Der Spitzenalpinist opfert sich für uns alle. Es ist eine Kompensation der unheroischen Leben, die wir Normalen führen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2017, 08:35 Uhr

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