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Kostspielige Völkerverständigung

Die US-Regierung will aus der Finanzierung der Raumstation ISS aussteigen. Manche Forscher würden das Ende des Weltallkolosses begrüssen.

Es ist eine dieser ironischen Wendungen der Weltgeschichte: Zu ihrem wohl teuersten Gebäude haben die US-Amerikaner ohne die Russen keinen Zugang mehr. Nur noch russische Sojus-Raumschiffe transportieren Astronauten zur Internationalen Raumstation (ISS), die hauptsächlich von den USA finanziert wurde und wird.

Dabei sollte die damalige UdSSR ursprünglich gar nicht an dem Projekt teilhaben. «Es ging darum, die Weltherrschaft der Amerikaner im All zu sichern», sagt Johannes Weyer, Professor für Techniksoziologie an der Technischen Universität Dortmund.

Nun kündigte US-Präsident Donald Trump in einem Etatentwurf an, nach 2024 aus der Finanzierung der ISS aussteigen und eine Privatisierung des Weltraumlabors vorantreiben zu wollen. Bei der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) glaubt man allerdings nicht an ein Engagement von Unternehmen. «Der Gesamtbetrieb der Raumstation ist einfach zu teuer», sagt ESA-Chef Jan Wörner.

«Nun überlegt mal, was ihr da erforschen wollt.» Dieser Satz verärgerte Experten.

Es war US-Präsident Ronald Reagan, der am 25. Januar 1984 die US-Raumfahrtagentur Nasa mit der Entwicklung einer bemannten Raumstation beauftragte. Bald schon warben die Amerikaner bei den europäischen Partnern um Teilhabe – auch um zu verhindern, dass dort an einer eigenen Station getüftelt wird. Die französische Weltraumorganisation CNES entwickelte damals die bemannte Raumfähre Hermes, das Selbstvertrauen der ESA in die eigenen Fähigkeiten war gewachsen, und die Idee einer eigenen europäischen Station stand im Raum.

1995 stimmten nach langen Diskussionen die ESA-Länder einer Teilnahme an der amerikanischen Station zu und folgten damit den Japanern und den Kanadiern. Er selbst habe damals an Fachtreffen zum Thema teilgenommen, sagt Wolfgang Hillebrandt, emeritierter Direktor des Max­-Planck­-Instituts für Astrophysik in Garching bei München. «Das war eine rein politische Aktion. Erst fiel die Entscheidung, dann hiess es zu uns Wissenschaftlern: Nun überlegt mal, was ihr da erforschen wollt.» Das habe damals viele Experten verärgert.

Immer schon umstritten

Erst mit dem Ende der Sowjetunion 1990 sei die nicht ganz selbstlose Idee entstanden, die Russen mit ins Boot zu holen, erklärt Ernst Messerschmid, ehemaliger Astronaut und Raumfahrtexperte von der Universität Stuttgart. Unter anderem sei es darum gegangen, sich mit dem 1986 gestarteten russischen Raumlabor Mir gewonnenes Know-how zunutze zu machen.

Nach dem kontrollierten Absturz der Mir 2001 kam ein weiterer Grund hinzu: «Die Vereinigten Staaten wollten verhindern, dass russische Raumfahrttechniker in Schurkenstaaten abwandern», erklärt Techniksoziologe Weyer. «Das war ein genialer Schachzug.»

Seit 2000 ist die ISS ständig besetzt. «Es war ein riesiger Glücksfall der Geschichte, dass die Amerikaner das nicht alleine hinbekommen haben und die Kooperation suchten», sagt Weyer. Die ISS habe viel zur Völkerverständigung nach dem Kalten Krieg beigetragen. «Die Raumstation war und ist immer nur politisch zu verstehen. Und auf dieser Ebene hat sie viel Gutes geleistet.»

Weit über hundert Milliarden Dollar sind in das Projekt geflossen.

Unumstritten war die ISS nie – selbst zu Beginn nicht, als nur acht Milliarden Dollar Baukosten und acht Jahre Bauzeit veranschlagt waren. In der Entwicklungsphase waren es dann etwa zwei bis drei Milliarden Dollar pro Jahr und in der Folgezeit das Doppelte. Die geschätzten Gesamtkosten der Station betragen heute maximal sechs Milliarden Dollar pro Jahr.

Inzwischen sind weit über hundert Milliarden Dollar in das Projekt geflossen. «So genau weiss man das mittlerweile nicht mehr», sagt Weyer. Oftmals würden in den ISS-Etats lediglich die reinen Hardware-Kosten angegeben. Die zusätzlichen Kosten für die Astronauten, die Experimente und andere Bereiche würden in anderen Budgets versteckt.

Erster Ausseneinsatz 2018: Astronauten reparieren Roboterarm.

Die meisten Bauteile des 450-Tonnen-Kolosses in rund 400 Kilometer Flughöhe stammen aus den USA und Russland. Mit dem in Bremen und Turin gebauten Forschungslabor Columbus erhielt das Haus im Orbit 2008 auch ein europäisches Zimmer. Alle Module trafen im All erstmals aufeinander – der Zusammenbau war eine Meisterleistung. «Da geht es um Zehntel Millimeter», betont Messerschmid. «Raumfahrt ist Industrie 4.0 – und das schon immer.»

Experimente nehmen inzwischen einen guten Teil der Arbeitszeit der Astronauten ein. Etwa die Hälfte davon entfällt auf humanbiologische Forschung, bei der es darum geht, die Bedingungen für Menschen und organische Materie generell unter Schwere­losigkeit zu ergründen.

Experten sind nicht sehr beeindruckt

Zahlreiche Projekte kommen zudem aus Materialforschung, Physik und Chemie. Besonders in der Festkörper- und Materialforschung habe man auch auf Industrieprojekte gehofft, das Interesse sei allerdings «ernüchternd gering», sagt Astrophysiker Hillebrandt. «Der Hauptgrund sind die immensen Kosten.» Zudem vergingen zwischen dem ersten Vorschlag und dem tatsächlichen Experiment auf der ISS oft fünf oder auch mehr Jahre – für Industriekunden zu viel Zeit.

Ohnehin sind viele Experten von den bisher auf der ISS erzielten Forschungsergebnissen nicht sehr beeindruckt. «Es sind zwar einige tolle Projekte dabei, aber im Vergleich zu den Gesamtaufwendungen ist das zu wenig», sagt Johannes Weyer. Man müsse immer bedenken, dass in die ISS unglaubliche Summen und 24 Jahre Planungs- und Bauzeit geflossen seien. «In der Zeit hätte man mehrere anspruchsvolle robotische Expeditionen durchführen können.»

Astrophysiker Hillebrandt ergänzt: «Was mich ärgert, ist, dass so sehr das wissenschaftliche Mäntelchen darübergelegt wird.» Aus einer ganzen Reihe anderer sehr guter und sinnvoller Forschungsprojekte sei nur deshalb nichts geworden, weil wegen der ISS das Geld dafür fehlte. «Eine mittlere unbemannte Wissenschaftsmission ist mit rund 500 Millionen Euro billiger als allein die Versorgungsflüge zur ISS in einem Jahr.» Wolfgang Hillebrandt hält einen möglichst raschen Ausstieg aus dem ISS-Projekt für wichtig, wissenschaftlich sei ein Weiterbetrieb schlichtweg nicht zu rechtfertigen.

Selbstbewusste Chinesen

Es gibt aber durchaus positive Aspekte. So dürften Astronauten als Vorbilder den einen oder anderen jungen Menschen dazu bewegen, Naturwissenschaften zu studieren. Während der Apollo-Missionen in den 1960er-Jahren sorgte ein begleitendes Technik- und Wissenschaftsprogramm für einen Schub in den Naturwissenschaften. Techniksoziologe Weyer hält einen sofortigen Stopp jedenfalls nicht für sinnvoll. «Die ISS existiert nun mal, da bin ich Pragmatiker: Wenn es sie denn gibt, soll sie so lange wie möglich genutzt werden», sagt der Wissenschaftler.

Derzeit ist der Betrieb der ISS bis 2024 gesichert. «Zwei, drei Raumfahrtagenturen haben aber schon signalisiert, dass es danach weitergehen soll», sagt Messerschmid. «Mindestens vier Jahre lang – wahrscheinlich so lange, bis das Geld für einen Flug zum Mond benötigt wird.» Eine Vision ist das sogenannte Deep Space Gateway (DSG), eine Raumstation näher am Mond. Auch dieses Projekt steht unter US-Führung.

Ein Symbol weltumspannender Völkerverständigung wird das Gateway – anders als die ISS – wohl nicht: Auf Chinesen an Bord legten vor allem die Amerikaner wenig Wert, erklärt Messerschmid. Ohnehin geht die rasant aufstrebende Raumfahrernation längst selbstbewusst eigene Wege: 2022 soll Tiangong-3, der Himmelspalast, seinen Betrieb aufnehmen. Mit weniger als 70 Tonnen wird diese Raumstation vergleichsweise unspektakulär ausfallen. Für China zählt ebenso wie für andere Nationen die Symbolik.

«Der bemannten Raumfahrt fehlt der Antrieb.»

Johannes Weyer, Professor für Techniksoziologie

Im Dezember vergangenen Jahres hatte US-Präsident Trump in einer Direktive verkündet, wieder Astronauten auf dem Mond und anschliessend auf Mission zum Mars haben zu wollen. Ob das mehr ist als reine PR, bleibt abzuwarten. Jedenfalls lag zu Zeiten der Apollo-Mondmissionen das Nasa-Budget bei rund fünf Prozent des gesamten US-Haushalts – heute beträgt es nur einen Bruchteil dessen.

Techniksoziologe Weyer ist überzeugt: «Es fehlt der bemannten Raumfahrt derzeit der Antrieb, der sie immer getrieben hat – die politische Systemauseinandersetzung. Das ist seit dem Zweiten Weltkrieg immer die entscheidende Triebfeder gewesen.» Für Supermächte seien Raumfahrtprogramme eine gute Methode, die Macht ihrer Raketentechnik zu demonstrieren, ohne Kriege führen zu müssen. Das Weltall sei ein Tummelplatz der Weltmächte, auf dem es um Vorherrschaft gehe.

«Totale Fantasterei»

Wie sieht die Zukunft aus? «Alles, was nach der ISS kommen könnte, den Flug zum Mond oder zum Mars, halte ich für hochproblematisch», sagt Weyer. Der Mensch habe dort nichts verloren. «Das sind lebensfeindliche Umgebungen, die nur unter sehr hohem Aufwand betreten werden können.»

Er sieht ein weiteres Problem: Die bemannte Raumfahrt beflügele die Idee, dass die Menschheit leicht zu einem anderen Planeten auswandern könne, wenn die Erde durch Umweltverschmutzung und Klimawandel lebensfeindlich werde. «Das ist totale Fantasterei, die von den irdischen Problemen ablenkt», so der Soziologe.

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