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Mit ihm begann der syrische Bürgerkrieg

Als Zehnjähriger besprühte er eine Schulmauer. Es folgten Haft und Folter. Das ist seine erschütternde Geschichte.

Eines der ersten Todesopfer: In Daraa wurde erstmals am 18. März 2011 ein Protestierender erschossen. Im Bild vom 23. März ein weiteres Opfer auf dem Weg ins Spital der Stadt. Foto: Anwar Amro (AFP)
Eines der ersten Todesopfer: In Daraa wurde erstmals am 18. März 2011 ein Protestierender erschossen. Im Bild vom 23. März ein weiteres Opfer auf dem Weg ins Spital der Stadt. Foto: Anwar Amro (AFP)

Es war ein Tag am Ende des Winters, es wurde schon warm. Abdulrahman al-Krad hatte sich mit Klassenkameraden für den Nachmittag verabredet. Er war damals, im Februar 2011, zehn Jahre alt, er ging in die fünfte Klasse, Al-Quneitra-Schule, in Daraa, einer Stadt weit im Süden Syriens. «Ich bin zu einem Laden in unserem Viertel gegangen und habe eine Dose Lack gekauft», erzählt Abdulrahman heute. Und natürlich weiss er auch noch die Farbe: «Gelb.»

Mit dem gelben Lack hat alles begonnen. Ohne ihn hätte es vielleicht keinen Aufstand gegen den Diktator Bashar al-Assad gegeben, und Syrien wäre nicht in diesen Krieg gestürzt.

Manchmal besprühten Abdulrahman und seine Freunde Wände in der Nachbarschaft. Diesmal gingen sie zurück zur Schule. «Wir haben viel Fernsehen geschaut damals, über Palästina und so.» Sie sahen diese Graffiti und wollten sie nachmachen. Graffiti aus Tunesien, Ägypten, Libyen. Von den Aufständen gegen die Diktatoren dort, vom Arabischen Frühling. Abdulrahman malte erst Herzen, durchbohrt von einem Pfeil, an eine Aussenmauer der Schule. Danach tobten sie im Schulhof herum. «Wir haben uns nicht versteckt, wir hatten keine Angst, wir spielten.»

Sie sahen diese Graffiti und wollten sie nachmachen.

Dann sprühte er noch zwei Sätze an die Wand. «Jetzt bist du dran, Doktor!», der Präsident ist Augenarzt. Und: «Du hast das Land geplündert, o Assad!»

Abdulrahman al-Krad ist heute 15 Jahre alt, er ist ein schlaksiger, gross gewachsener Teenager. Er lebt jetzt in al-Ramtha, im Norden Jordaniens, dort hat er mit seinen Eltern und seinen drei Schwestern Zuflucht gefunden, aber kein neues Leben. Die meiste Zeit sitzt er in einem kargen Zimmer, raucht, starrt die Wand an oder sein Handy, chattet mit Freunden, lässt die Tage an sich vorbeiziehen. Jetzt aber holt er süssen Tee, legt sich wieder auf seine Schaumstoffmatratze, zündet sich eine Zigarette an und erzählt von den Tagen, als in Syrien alles begann.

Raucht, starrt die Wand an oder sein Handy, lässt die Tage an sich vorbeiziehen: Der heute 15 Jahre alte Sprayer Abdulrahman al-Krad aus Daraa. Foto: Paul-Anton Krüger
Raucht, starrt die Wand an oder sein Handy, lässt die Tage an sich vorbeiziehen: Der heute 15 Jahre alte Sprayer Abdulrahman al-Krad aus Daraa. Foto: Paul-Anton Krüger

«Ich habe statt Ghadhafi einfach Assad geschrieben.» Warum? Er hatte keine Ahnung, schon gar nicht von Politik. Er war ja noch ein Kind. Assads Namen schrieb er auch noch falsch. Er vergass einen senkrechten Strich, den Buchstaben Alif, das erste A in Assad.

Es war der übernächste Morgen. Polizei vor der Schule. Lehrer standen herum, der Direktor. Und ein paar Männer in Zivil. Die waren vom Geheimdienst, aber das erfuhr er erst viel später. Sie übermalten die Graffiti. «Niemand sagte etwas», erzählt Abdulrahman, «wir wussten nicht, ob sie die Schule streichen wollten oder was los war.» Geschickt hatte die Männer der Sicherheitschef von Daraa, Atef Najib, Brigadegeneral und Cousin von Bashar al-Assad. Er galt als brutal, skrupellos, arrogant. Er war gefürchtet.

Er war stolz, dass er sich bei diesem seltsamen Wettbewerb qualifiziert hatte.

Im Klassenzimmer wurde Papier ausgeteilt, der Lehrer diktierte, die Kinder mussten schreiben. Auch das Wort Assad kam vor, Löwe heisst das auf Arabisch. Es waren nicht die Sätze, die Abdulrahman an die Mauer gesprüht hatte, aber die gleichen Wörter.

Abdulrahmans Eltern sind in der Zwischenzeit in sein Zimmer in al-Ramtha gekommen. Der Vater ist Ende 40 und sieht aus wie 60, seine Stimme klingt verwaschen. Die Folge eines Schlaganfalls, man könnte auch sagen: des Schocks. Die Mutter ist eine schwarz gekleidete Frau, nur ihr Kopftuch hat ein Leopardenmuster. Sie hört ihrem Sohn zu. Dann sagt sie: «Zu Hause erzählte er damals, dass es einen Wettbewerb gibt, wer die beste Handschrift hat.»

Abdulrahman war eher ein schlechter Schüler. Er war stolz, dass er sich bei diesem seltsamen Wettbewerb für die letzte Runde qualifiziert hatte. Es waren nur neun oder zehn Buben übrig. «Sie liessen uns wieder etwas schreiben, dann gingen wir in den Unterricht.» Am vierten Tag holte ihn der Direktor aus der Klasse. In dessen Büro warteten zwei Männer. Sie lobten seine Handschrift. «Du kommst mit uns, und wir geben dir deinen Preis», sagten sie.

Zweimal ein kleiner Fehler

Auch diese Männer hatte Sicherheitschef Najib geschickt. In einem weissen Kombi brachten sie den Buben zur Polizeistation. Sie gaben ihm eine Spraydose. Er sollte jetzt an die Innenseite der Mauer des Polizeigebäudes schreiben – die Sätze, die er an die Wand der Schule gesprüht hatte. Die Farbe war Gelb. Und wieder vergass er den einen senkrechten Strich, das Alif. Von einem Preis war plötzlich nicht mehr die Rede. Stattdessen fragten ihn die Männer: «Wer hat dir gesagt, das an die Schule zu schreiben?» Abdulrahman antwortete, niemand. Sie glaubten ihm nicht: «Es muss jemanden geben, der dich geschickt hat!»

Seine Mutter erzählt, dass sie erst spät am Nachmittag merkte, dass etwas nicht stimmte. Kinder brachten das Schulzeug ihres Sohnes. Sie wussten nicht, wo er war. Wenig später kam der Vater nach Hause; sie hatten ihn schon zur Polizeistation gerufen, hatten ihm die Fotos gezeigt, von der Mauer. Den verräterischen Fehler und das Gutachten des Grafologen.

Jeder in Daraa wusste, was Suweida bedeutet.

«Ich flehte sie an, mir meinen Sohn zu geben», erzählt der Vater. Die Offiziere sagten damals, es gehe gar nicht um den Buben. Sie müssten nur wissen, wer ihm den Auftrag gegeben habe. «Nirgends auf der Welt kann ein Zehnjähriger verhaftet werden», protestierte der Vater bei der Polizei. Vergebens. Er könne gehen, sagten sie ihm, oder bei seinem minderjährigen Sohn bleiben. Aber sie müssten Abdulrahman nach al-Suweida bringen, in die Hauptstadt der Nachbarprovinz.

Jeder in Daraa wusste, was Suweida bedeutet: Militärgeheimdienst. Von dort kamen Leute nicht zurück. Sie liessen den Vater, der gerade aus seiner Tischlerwerkstatt kam, noch nach Hause gehen, um sich umzuziehen. Auf dem Weg spürte der, wie Panik in ihm aufstieg. Alles, was er tun konnte, erzählt der Vater, war, seine Brüder anzurufen und zu hoffen, dass sie ihnen helfen würden.

Wieder ein weisser Kombi, diesmal Vater und Sohn auf der Rückbank, zwischen zwei Männern mit Kalaschnikows. Um Mitternacht kamen sie in Suweida an, wurden durchsucht. Abdulrahman trug noch die Schuluniform. Sie tasteten den Hemdsaum ab und die Hosennähte, nahmen ihm alle Metallgegenstände ab, die Schnürsenkel, den Gürtel, die Krawatte. Nackt musste er Kniebeugen machen, sie wollten sichergehen, dass er nichts im Po versteckt hatte. Sie steckten den Vater in eine Zelle, den Zehnjährigen in eine andere. Vier fremde Männer, nackte Wände, Fliesenboden, eine Metalltür. Keine Fenster, keine Betten. «Ich bekam Decken, zwei zum Unterlegen, eine als Kissen, eine zum Zudecken», sagt Abdulrahman. Er war todmüde, aber hellwach. «Ich konnte an nichts anderes denken als an das, was sie mit mir machen würden.»

Oberst Nidal fing an zu brüllen.

Nach dem Frühstück holten sie ihn zum Verhör, Handschellen hinter dem Rücken, die Augen mit einem schwarzen Gummi verbunden, geschnitten aus dem Schlauch eines LKW-Reifens. Blickdicht und so eng, dass er seinen Puls spürte. Ein Schreibtisch aus Holz, drei Stühle, eine Tischlampe. Und ein Mann, der sich Oberst Nidal nannte. «Zuerst war er nett zu mir», erzählt Abdulrahman. «Du bist noch ein Kind, du weisst nicht, was du da geschrieben hast.» Dann wieder die immer gleiche Frage: «Sag, wer dich geschickt hat, das zu schreiben! Dann lassen wir dich gehen.»

Abdulrahman wiederholte, was er schon in Daraa gesagt hatte: Niemand. Oberst Nidal fing an zu brüllen.

Das syrische Regime hatte schon viele Aufstände erlebt – und niedergeschlagen. Es sah sich stets von Verschwörern umgeben. Der Oberst fragte noch mal und versprach Abdulrahman sogar ein Handy, wenn er seinen Auftraggeber verraten würde. «Es gibt keine Antwort darauf», sagte Abdulrahman.

Der Oberst wurde wütend, Fragen stellte er keine mehr. Zu zweit steckten sie Abdulrahman in einen Reifen, pressten den Po, die Oberschenkel und die Arme durch die Öffnung. «Sie hatten ein Kabel und schlugen mich, bis ich bewusstlos wurde.» Als er wieder zu sich kam, konnte er nicht stehen und nicht laufen. «Sie mussten mich in die Zelle tragen.» Er blutete nicht. Die Haut unter den Füssen platzt lange nicht, wenn ein Kabel benutzt wird. Dulab nennen die Gefangenen diese Folter, das Rad. Sie gehört in Syrien laut Menschenrechtlern zum Standardrepertoire in Geheimdienstgefängnissen und hinterlässt oft keine bleibenden Spuren. Das Opfer kann das Martyrium nicht beweisen.

Schlafen ist verboten, aber die anderen versprachen, ihn zu wecken, wenn jemand käme.

In der Zelle legten die anderen Häftlinge Abdulrahman hin. Schlafen ist verboten, aber die anderen versprachen ihm, ihn zu wecken, wenn jemand käme. Er schlief das erste Mal, seit sie ihn aus der Schule geholt hatten. Traumlos, wie tot.

Am Abend holten sie ihn wieder. Wieder das Rad, die Schläge, die gleichen Fragen. Tag für Tag. Frühstück, Verhör, Folter. Mittagessen, Verhör, Folter. Abendessen, Verhör, Folter. Ein Ablauf, der den Tag strukturiert. Am vierten Tag legten sie ihm keine Augenbinde an. «Ich sah die gefolterten Leute, das Blut, Tote, Männer, die an die Wand gefesselt waren oder von der Decke hingen», sagt Abdulrahman, «ich habe viele Dinge gesehen.» Abdulrahman erzählt von seinem Martyrium ohne Stocken, im gleichbleibend kühlen Ton, ohne Erregung in der Stimme, ohne erkennbare Emotion. Nur sein Blick bleibt starr und leer. Er setzt sich auf, zündet sich noch eine Zigarette an, erzählt weiter. «Ich sah abgeschnittene Finger und Nägel, die ausgerissen waren. Sie haben das gemacht, um mir Angst einzujagen.»

Wieder das Rad, nun vor den Augen des Vaters.

Dann holten sie seinen Vater dazu. Er hatte Abdulrahman schreien und wimmern gehört und das Klatschen der Schläge. Wenn der Vater zur Toilette ging, hustete er, um dem Sohn zu zeigen, dass er noch da war. Der Vater sagt: «Ich bettelte ihn an, Namen zu nennen, ich drohte, tat so, als sei ich auf der Seite seiner Peiniger.» Abdulrahman schwieg. «Weil es keine Antwort gibt», sagt er. Wieder das Rad, nun vor den Augen des Vaters. «Ich konnte nichts tun», sagt der. Der Vater versuchte, sich zusammenzureissen, aber später platzte eine Ader in seinem Kopf. Ein Schlaganfall.

Als sie Abdulrahman zum zweiten Mal an jenem Tag aus der Zelle holten, stellten sie ihn mit nacktem Oberkörper auf einen Stuhl. Sie ketteten seine Hände mit Handschellen an einen Balken an der Decke und traten den Stuhl unter ihm weg. «Ich hing mit meinem ganzen Gewicht an meinen Handgelenken.» Das Metall schnitt ins Fleisch. Mit einem Kabel schlugen sie ihn auf den Rücken.

Lebt heute im Exil in Jorandien: Abdulrahman al-Krad. Foto: Paul-Anton Krüger
Lebt heute im Exil in Jorandien: Abdulrahman al-Krad. Foto: Paul-Anton Krüger

Zwei Tage hielt er noch durch, dann hatten sie ihn gebrochen. Er nannte Namen. «Ich dachte sie mir aus, ich brauchte eine Pause von den Schmerzen.» Die währte nicht lange. Am nächsten Tag schrie Oberst Nidal: «Diese Namen gibt es nicht, willst du mich verarschen?» Sie prügelten ihn noch heftiger, liessen ihn stundenlang hängen. Er gab ihnen andere Namen. So ging das noch einmal vier Tage.

In Daraa war es da noch ruhig. Aber die Spannung wuchs. «Alle hatten grosse Angst», erzählt Abdulrahmans Grossvater, Jahrgang 1939. Er lebt nun auch in Jordanien. Er wusste, zu welchen Grausamkeiten das Regime fähig war, schon unter Bashar al-Assads Vater Hafez. «In Daraa schwärmten sie dann aus und nahmen willkürlich Leute fest», sagt der alte Mann. Auch zu Abdulrahmans Familie kamen sie erneut, durchsuchten sein Zimmer, den Schrank, die Bücher. «Als Abdulrahman verhaftet wurde, wusste bald das ganze Viertel, was los war», sagt seine Mutter. Aber niemand wagte es vorbeizukommen und nachzufragen. Was hätten sie auch sagen können? Sie hatten ja selber nichts gehört von Vater und Sohn. «Er hat die Schläge bekommen, aber gelitten habe ich noch mehr», sagt die Mutter. «Wir rechneten mit allem», sagt der Grossvater.

Nach acht Tagen mussten Abdulrahman und sein Vater wieder in ein Auto steigen, wieder in einen weissen Kombi, sie wurden nach Damaskus gebracht, eine lange Fahrt durch die Nacht. Sie sprachen kein Wort miteinander. «Es gab nichts zu sagen», sagt Abdulrahman. In Damaskus ging es weiter wie in Suweida. Verhör, Folter, Zelle. Vier oder fünf Tage lang.

Schon zwei Tage später wurden sie wieder nach Suweida bestellt.

Dann hiess es, sie könnten gehen. «Es gab eine Bedingung», sagt der Vater. «Dass ich meinen Sohn jederzeit wieder zu ihnen bringe, wenn sie ihn brauchen.» Da erfuhren sie erst, wo sie waren: Abteilung 235 des Militärgeheimdienstes, Palästina-Abteilung genannt, spezialisiert auf Islamisten und berüchtigt für übelste Folter. Schon zwei Tage später wurden sie wieder nach Suweida bestellt. In der Familie berieten sie, was zu tun sei. «Einer unserer Verwandten schlug vor, dass wir alle verschwinden sollten», sagt der Vater, andere warnten: «Wo immer ihr hingeht, sie werden euch finden. Alles wird dann noch schlimmer werden.» Die Mutter sagt, ihr Sohn habe sich gewaschen und gebetet – wie zur Vorbereitung auf den Tod. Dann fuhr der Vater den Sohn mit dem Auto nach Suweida.

In der Zwischenzeit hatte Sicherheitschef Najib noch andere Kinder festnehmen lassen. Von mindestens 16 Kindern hat Abdulrahmans Grossvater damals gehört, aber er glaubt inzwischen, dass es mehr als 20 waren, alle zwischen 9 und 15 Jahre alt. Auch ihnen wurde vorgeworfen, Wände besprüht zu haben, an anderen Schulen und an einem Getreidesilo, mit dem Slogan der ägyptischen Revolte: «Das Volk will den Sturz des Regimes!»

Eine Erniedrigung zu viel

Nun redete plötzlich ganz Daraa über die verhafteten Kinder – und darüber, dass sie gefoltert wurden. Die Väter zogen zur Geheimdienstzentrale und forderten ihre Söhne zurück. Abdulrahman war an diesem Tag in Suweida, mit seinem Vater. Und der Grossvater wollte nicht mit den anderen zum Geheimdienst gehen: «Ich wäre eher gestorben, als solche Leute um etwas zu bitten.»

Was die verzweifelten Väter auf ihrem Bittgang dann zu hören bekamen, hat die Wut entfacht, aus der schliesslich ein Sturm geworden ist. «Ihr habt euren Söhnen keine Manieren beigebracht, deswegen fällt mir jetzt diese Aufgabe zu», habe Najib, der Assad-Cousin, den Vätern gesagt – um dann ihre Ehre aufs Übelste zu verletzen. «Vergesst eure Kinder!», höhnte Najib. «Macht neue. Und wenn ihr das nicht könnt, schicke ich meine Männer, die werden es euren Frauen zeigen.»

Eine Erniedrigung zu viel, der Sicherheitschef hatte alle Grenzen überschritten. Die Männer sammelten sich an der Omari-Moschee in Daraa, sie forderten nicht mehr nur ihre Söhne zurück, sondern den Rücktritt des Gouverneurs. Der Scheich der Moschee versuchte noch zu vermitteln. Doch das Regime liess schiessen, erst mit Tränengas, dann mit scharfer Munition. Am 18. März 2011 gab es die ersten Toten.

«Danach haben sie mich nicht mehr geholt», sagt Abdulrahman. «Die Proteste haben meinem Enkel wahrscheinlich das Leben gerettet», sagt der Grossvater. Syrien aber stürzten die Proteste in den Krieg, der schon fünf Jahre dauert. Das Regime schickte bald ein Panzerregiment und im ganzen Land skandierten Tausende: «Unsere Seelen, unser Blut, wir opfern uns für dich, Daraa!»

Er schleppte Munition für die Kämpfer, verteilte Essen für die Verwundeten.

Abdulrahman zeigt ein Foto auf dem Handy: Er in einem weissen T-Shirt mit Kalaschnikow in der Hand. Das war ein Jahr später, er war elf. Zu jung, um selbst zu schiessen, die Waffe gehörte seinem Bruder, der immer noch in Syrien kämpft. «Ich hasse sie. Ich warf Steine. Ich hatte keine Angst mehr, vor nichts.» Er schleppte Munition für die Kämpfer, verteilte Essen für die Verwundeten. «Ich bereue nichts», sagt er in seinem tristen Zimmer in Jordanien. «Ich wusste nicht, was ich an die Wand schrieb. Wir haben nur gespielt. Aber das ist, wie Gott es gefügt hat, wie es zu passieren bestimmt war.»

Im Sommer 2011, als das Schuljahr vorbei war, wurde Abdulrahman noch einmal zur Schule gerufen. «Sie gaben mir das Zeugnis. Ich wurde versetzt, obwohl ich nie da war.» Alle Lehrer kannten seine Geschichte, sie hatten Mitleid. Den Direktor, der ihn ausgeliefert hat, hat er nie wieder gesehen. «Aber der Tag wird kommen», sagt Abdulrahman. «Seinetwegen habe ich den Tod hundert Mal gekostet. Ich werde ihn erschiessen.»

Kollektives Unglück: Eine syrische Familie steht auf ihrem Balkon in Daraa, 100 Kilometer südlich von Damaskus. Foto: AFP
Kollektives Unglück: Eine syrische Familie steht auf ihrem Balkon in Daraa, 100 Kilometer südlich von Damaskus. Foto: AFP

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