«Jeder Grossvater wäre schneller gewesen»

Selina Gasparin holte 2014 mit Silber die erste Olympiamedaille für die Schweizer Biathleten. Nach der Geburt ihrer Tochter hat sie sich auf ihr früheres Niveau zurückgekämpft.

Dem Ziel Olympiamedaille ordnete Gasparin alles unter – «ich hätte mir sonst das ganze Leben lang Vorwürfe gemacht». Foto: EQ

Dem Ziel Olympiamedaille ordnete Gasparin alles unter – «ich hätte mir sonst das ganze Leben lang Vorwürfe gemacht». Foto: EQ

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Am Donnerstag bestreiten Sie Ihren ersten Einzelwettkampf nach einem Jahr Mutterschaftsurlaub. Wie gross ist die Vorfreude?
Ich freue mich riesig, alle Athletinnen wiederzusehen. Ich bin schon so lange dabei, da entstehen auch Freundschaften. Ich freue mich auch darauf, mich wieder messen zu können, ich bin ein extremer Wettkampfmensch.

Wie war es für Sie, nur Zuschauerin zu sein?
Ich habe zehn Jahre Biathlon gemacht und brauchte nach der Olympiasaison 2013/14 eine Pause, weil diese Phase ­psychisch sehr intensiv war. Ich musste immer wieder aufs Neue an die Grenze gehen. Dieses Tempo am Limit hätte ich nicht durchgehalten. Ich brauchte ­Abstand. Es war also nicht so, dass ich fast in den Fernseher gesprungen wäre, wenn ich ein Biathlonrennen sah. Auch weil ich wusste, dass ich zurückkomme.

Sie dachten nie daran, dass Ihre Karriere auch vorbei sein könnte?
Klar wusste ich, dass es Risiken gibt, dass es sein könnte, dass ich nicht mehr auf das Niveau von zuvor kommen könnte. Aber dann wäre das halt so ­gewesen. Ich habe meinen Meilenstein in Sotschi gesetzt. Alles, was jetzt noch kommt, ist Zugabe.

Sie haben in Sotschi Olympia-Silber gewonnen. Sie sprachen von einer psychisch intensiven Phase. Wieso?
Ich wollte diese Medaille unbedingt. Das war natürlich sehr hoch gegriffen, ich habe erst zwei Weltcuprennen überhaupt gewonnen. Ich wusste auch, dass es im Feld 25 Athletinnen gab, die für eine Medaille gut genug waren. Ich musste mich also noch einmal steigern. Ich habe nur noch Sotschi gesehen, alles andere existierte nicht. Ich wusste auch nicht, ob ich danach weitermache. Das war ein ­gewisser Druck, den ich positiv nutzen konnte. Das ist wie bei einer Prüfung: Je näher der Termin kommt, desto motivierter und intensiver geht man dahinter.

Wie muss man sich das bei Ihnen vorstellen?
In Vancouver 2010 war ich noch quasi als Touristin dabei, hatte einen 40. Platz als Bestresultat. Ich hatte dann noch vier Jahre Zeit bis zu den nächsten Olympischen Spielen. Und dort wollte ich nicht mehr eine Statistenrolle spielen. In den letzten Monaten davor stand ich jeweils am Morgen auf und sagte: So, noch 300 Tage, dann noch 200 Tage. Ich wusste: Ich kann noch 150-mal schiessen, bis es gilt. Ich darf noch 150-mal Fehler machen, danach nicht mehr. Dann spitzte sich das Ganze zu, ich trainierte noch härter, biss noch mehr auf die Zähne. Das brauchte Energie im Kopf, ich musste bei allem anderen zurückstecken.

«Ich war nur noch auf den Sport fixiert und egoistisch, was mir nicht ganz leicht fiel.»

Es gab 100 andere Athletinnen, die auch hart trainierten und eine Medaille wollten. Ich musste also etwas Zusätzliches leisten. Ich musste immer mehr, noch mehr und noch mehr geben. Aber ich habe das gerne gemacht, eine Olympiamedaille war mein Lebensziel. Und wenn es nicht aufgegangen wäre, hätte ich mir keinen Vorwurf machen müssen. Hätte ich aber da einmal fünf Minuten weniger trainiert, dort das Training schleifen lassen und dann keine Medaille geholt, hätte ich mir das ganze Leben lang Vorwürfe machen müssen.

Waren Sie wie in einem Tunnel?
Absolut. Ich habe auch Freizeitdinge weggelassen, ins Kino gehen, mit Freunden abmachen, reisen, das hatte einfach keinen Platz mehr. Ich war nur noch auf den Sport fixiert und egoistisch, was mir nicht ganz leicht fiel. Erstmals in meinem Leben musste ich sagen: Jetzt gehts um mich und fertig!

Wie schwierig war es, sich selber so zu motivieren?
Das war nicht schwierig, und ich hatte ja noch meinen Mann (den russischen Langläufer Ilja Tschernoussow), der auch Ambitionen hatte für Olympia. Wir haben uns gegenseitig angetrieben.

Meist waren Sie in der Vorbereitung aber doch auf sich gestellt. Sie sind die Biathlon-Pionierin der Schweiz, waren jahrelang alleine unterwegs: Haben Sie sich daran gewöhnt?
Das sowieso. Ich hatte nie jemanden um mich herum, der mich gezwungen oder gepusht hätte. Ich hatte keinen ange­fressenen Vater, Trainer oder Verband. Wenn ich von Sotschi als 20. zurück­gekommen wäre, wäre das für alle auch in Ordnung gewesen. Aber ich wollte mehr, wollte sagen können: Wenn ich schon mein ganzes Leben lang nur Sport gemacht habe, im Wald herumgerannt bin wie eine Verrückte, dann soll sich das wenigstens gelohnt haben.

Wie gross war Ihre Erleichterung, als es aufging?
Ich konnte es zuerst gar nicht glauben. Ich rannte diesem Ziel so sehr hinterher, und plötzlich hatte ich es erreicht. Das war seltsam und eine derart grosse Erlösung, als ob ich einen Lotto-Sechser gehabt hätte. Die ganze Last fiel von mir ab. Je härter man auf etwas hinarbeitet, desto mehr bedeutet es, wenn man es erreicht hat. Das war emotional heftig.

«Ich war so beschäftigt, dass ich gar nicht in ein Loch fallen konnte.»

Kam danach die grosse Leere?
Überhaupt nicht. Nach Vancouver hatte ich die Leere, weil Sotschi noch so weit weg war – und auch der Gedanke an eine Medaille. Ich war dort 40.! Die Vision, in vier Jahren aufs Podest zu kommen, musste ich mir zuerst erarbeiten und mit der Zeit lernen, wirklich richtig daran zu glauben. Als ich es geschafft hatte, heiratete ich, wollte gerne ein Kind haben und ein Jahr Auszeit nehmen. Ich war so beschäftigt, dass ich gar nicht in ein Loch fallen konnte.

Wieso haben Sie entschieden, ­weiterzumachen? Man sollte doch auf dem Höhepunkt aufhören.
Ich bin gespannt, ob das wirklich der Höhepunkt war. Zudem habe ich so viele Jahre gebraucht, um hochzukommen, dass ich jetzt nicht aufhören wollte. Als ich 2004 begann, wurde der Biathlon-Verband gerade in den Verband Swiss-Ski integriert. Wir hatten aber sehr bescheidene Mittel. Mit jedem Jahr gab es ein bisschen mehr: einen zweiten Servicemann, dann einen Physiotherapeuten, irgendwann einen Assistenz-, einen Schiesstrainer. Ich musste bei uns in Pontresina einen Schiessstand aufbauen. Es waren nicht gegebene Strukturen mit Stufen, die ich einfach hätte hinaufsteigen können. Ich musste mir die Treppe zuerst selber bauen.

War Ihr Weg ein positiver?
Ich habe unglaublich viel gelernt. Junge Biathletinnen in Ländern wie Deutschland sind wie Marionetten. Sie werden geführt, bis sie erfolgreich sind.

Wie Sie sagen, mussten Sie selber einen Schiessstand aufbauen. Wie muss man sich das vorstellen?
Insgesamt habe ich vier Stände im Engadin aufgebaut, natürlich ganz kleine und primitive. Der erste war ein temporärer auf einer Wiese. Da musste ich noch hinjoggen und fand, es wäre doch gut, wenn ich mit den Rollski hin könnte, wenn er an einer geteerten Strasse liegen würde. Aber dann fand jemand, dass es zu gefährlich wäre oder zu laut, dann kam der Umweltschutz . . . Ich hatte viele Hürden.

Was haben Sie sonst selber gemacht?
Ich wollte zu Hause professionell trai­nieren, engagierte mit dem Norweger ­Vegard Bitnes einen Privattrainer. Den musste ich anstellen und finanzieren. Dafür gründete ich eine GmbH.

Die Genugtuung dürfte auch deshalb so gross sein, weil Sie sich alles selber erarbeiteten.
Klar, niemand weiss, was alles hinter ­dieser Medaille steckt. Als Beispiel: Nach Vancouver hätte ich gerne einen Sponsor gehabt und suchte ein Management, das sich darum kümmert. Aber keines wollte mich haben, also habe ich einfach selber eine Managementfirma gegründet.

«Ich habe während der Schwangerschaft immer geschossen – irgendwann halt nur noch stehend.»

Nun sind Sie nicht mehr alleine, sondern auch mit Ihren Schwestern Elisa und Aita im Weltcup unterwegs. Macht es das einfacher?
Es ist viel lässiger in einem Team. Ich war oft alleine im Hotelzimmer, ass alleine, und mit den Männern konnte ich auch nicht über alles reden.

Wie schätzen Sie die Entwicklung Ihrer Schwestern ein?
Aita ist 21, Elisa 23: Die Fortschritte, die man da erzielt, sind viel grösser als in meinem Alter (31). Dass sie besser werden, ist aber auch seltsam. Als sie Kinder waren, musste ich sie hinterherziehen, irgendwann konnten sie selber langlaufen, und ich musste auf sie warten. Dann konnten sie mittrainieren, und jetzt fordern sie mich heraus. Das schweisst uns zusammen. Der grosse Altersunterschied spielt immer weniger eine Rolle.

Welche Ziele haben Sie diese Saison?
Der Körper macht in einer Schwangerschaft viel durch. Ich bin selber gespannt, wo ich stehe. Ich setze mich nicht unter Druck, habe aber ein gutes Gefühl.

Wann haben Sie das Training wieder aufgenommen?
Ich habe auch während der Schwangerschaft immer geschossen – irgendwann halt nur noch stehend. Sechs Wochen nach der Geburt im letzten Februar ­begann ich wieder mit Langlaufen. Aber auf tiefstem Niveau. Jede Hausfrau und jeder Grossvater wäre schneller ge­wesen als ich.

Ihr Mann ist als Langläufer auch den ganzen Winter unterwegs. Wer schaut dann zu Ihrer Tochter?
Wir haben eine Nanny, die mit mir mitreist. Ich lasse Leila nie zu Hause.

Ist das eine Belastung für Sie?
Es ist super, Mutter zu sein. Aber es ist auch belastend. Es ist nicht das Optimalste für eine Athletin, weil man so viel wie möglich trainieren und sich erholen will. Aber es ist machbar, das zeigt eine Nicola Spirig oder eine Simone Niggli.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2015, 23:04 Uhr

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