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In einer Erdnuss über den Atlantik

Ein Holländer rudert ganz alleine Viererteams davon – für sich und seine krebskranke Mutter.

Mark Slats bei einem Training zur Atlantic Challenge auf seinem Boot Peanuts, so benannt wegen seiner erdnussähnlichen Form.
Mark Slats bei einem Training zur Atlantic Challenge auf seinem Boot Peanuts, so benannt wegen seiner erdnussähnlichen Form.
Laif
Um an seiner Rudertechnik zu arbeiten, traf sich Slats mit Experten. Auf Peanuts trainierte er über 300 Stunden auf dem Meer.
Um an seiner Rudertechnik zu arbeiten, traf sich Slats mit Experten. Auf Peanuts trainierte er über 300 Stunden auf dem Meer.
Michel Porro/Hollandse Hoogte
Slats vor dem Start zur Atlantic Challenge auf der Kanareninsel La Gomera.
Slats vor dem Start zur Atlantic Challenge auf der Kanareninsel La Gomera.
Ben Duffy, Facebook
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Wenn Mark Slats einst seine Enkel zu ­Besuch haben wird, braucht er weder Fernseher noch Kinderbuch, um sie zu unterhalten. Er braucht nur seine ­Erinnerungen an seine Erlebnisse auf dem offenen Meer.

Er kann ihnen erzählen, wie er die Welt in 205 Tagen ohne Halt ­umsegelte. Alleine. Wie er sich 9 ­Wochen lang, von Südafrika bis in seine Heimat Holland, nur von Reis und selbst gefangenem Fisch ernähren musste und 30 Kilogramm an Gewicht verlor, weil Salzwasser das Essen in den Konservendosen ungeniessbar gemacht hatte.

Oder wie er von Europa in die Karibik ruderte, so schnell wie keiner vor ihm.

Nun gut, ganz geschafft hat Slats die Atlantiküberquerung noch nicht. Doch als Solo-Ruderer verblüfft der 40-Jährige im Rahmen der Talisker Whisky ­Atlantic Challenge alle. Weniger als 900 Kilometer vor dem Ziel beträgt sein Vorsprung auf den nächsten Einzelkämpfer über 1000 Kilometer. Und den Weltrekord, der ­zuvor bei 49 Tagen lag, dürfte er ­geradezu pulverisieren und um 18 Tage unterbieten. Seine Ankunft im Hafen von Antigua, einer kleinen karibischen Insel, wird für den 14. Januar erwartet.

Nur drei Viererteams liegen vor Solo-Ruderer Mark Slats.
Nur drei Viererteams liegen vor Solo-Ruderer Mark Slats.

Dabei hätte Slats noch schneller sein können. Als Solo-Ruderer muss er Verpflegung für 90 Tage dabeihaben und darf diese nicht im Meer entsorgen, auch wenn er nur ein Drittel davon konsumiert. «Ich habe viel zu viel an Bord», informierte er per Satellitentelefon seine Teammitglieder, die auf den sozialen Medien täglich über Slats’ Befinden berichten.

Auf gute Strömung angewiesen

Ausserdem hält er mit den besten Viererteams mit und steht in der Gesamtwertung knapp hinter dem Schweizer Team Swiss Mocean auf Rang vier. Während man schon zu zweit das Boot durch Arbeitsteilung immer in Bewegung halten kann, ist Slats auf gute Strömungen angewiesen, um auch im Schlaf und dank der automatischen Steuerung Kilometer zu machen. Slats’ Vorteil ist hingegen, dass er nicht noch einen oder zwei schlafende Kollegen mittragen muss. Und doch: 4800 Kilometer alleine zu rudern, das ist eine Herausforderung, die nicht viele bestehen. Von den sechs gemeldeten Solo-Ruderern sind nur noch drei im Rennen.

«Ich bin süchtig nach Adrenalin», ­erklärte der über zwei Meter grosse und 107 Kilogramm schwere Mann vor dem Start zur Challenge. Wie jedes Team sammelt auch Slats Geld für einen guten Zweck. Er rudert unter dem ­Namen «Row4Cancer» für die Erforschung von Krebs. Slats ist persönlich betroffen, seine Mutter leidet an Lungenkrebs.

Mark Slats mit seiner Mutter. Quelle: Facebook

Seiner Mutter und seinem Vater verdankt er auch seine Abenteuerlust und die Liebe zum Meer. Seine Eltern wanderten mit 20 Jahren nach Australien aus, 1977 wurde Mark Slats in Darwin­ ­geboren. Als er 8 Jahre alt war, zog es die Familie zurück nach Holland, später wieder in den Süden, diesmal nach Neuseeland. «Dort gefiel es mir super. Ich konnte in der Natur fischen und schwimmen gehen», schreibt er auf seiner Internetseite.

Ins Segelboot geboxt

Mit 20 war Slats zurück in Holland, hatte seine eigene Schreinerei und zwei Angestellte. Doch das war ihm zu langweilig. Er ging wieder nach Australien, reiste durchs Land und las sehnsüchtig Bücher über das Segeln. Um sich sein eigenes Boot zu kaufen, brauchte er aber Geld. Die Hälfte davon verdiente er bei einem australischen Kickbox-Wettkampf, obwohl er nur Boxerfahrung besass.

2002 konnte es losgehen mit Slats’ erstem Segeltörn um die Welt, er kehrte – wie so oft – nach Holland zurück. Nur sein Hund Sammy leistete ihm Gesellschaft.

Seither geht Slats immer wieder zu Wasser. Vor sieben Jahren begegnete er im Hafen von Teneriffa einem Ruderteam, das am nächsten Tag zur Atlantiküberquerung startete – und sah darin «eine schöne Herausforderung». Im ­Dezember 2016 fällte er den Entscheid, selbst an der Atlantic Challenge teilzunehmen. Er verkaufte sein Haus, ging nach England und besorgte sich sein ­Ruderboot. Er erkannte in seiner Form mit je einer Koje an beiden Enden eine Erdnuss und nannte es liebevoll Peanuts. Und wie es sich für einen Mark Slats gehört, ruderte er die 300 Kilometer zurück nach Holland und navigierte dabei mit seinem Smartphone.

Arme wie Stahlseile, Beine wie Waldgiganten

In der Folge lebte er meist bei seinen Eltern und bereitete sich seriös auf das Rennen vor. 300 Stunden trainierte er in Peanuts auf offener See, so viel wie kein anderes Team. Gerne hätte er die Challenge zu zweit bestritten, er fand aber niemanden. Es gibt wohl auch nur ganz wenige Menschen, die zu diesem Mann passen könnten.

Slats ist einer, der sich weder vor der Einsamkeit noch vor dem Meer fürchtet. Auf all seinen Segeltörns sei er nie verrückt geworden, habe nie Selbstgespräche geführt. Auf seiner Website wird er so beschrieben: «Mark Slats ist ein prähistorischer Mann. Ein gigantischer Typ mit Armen wie Stahlseile und Beinen wie Waldgiganten. Ein Weltbürger, der alles aus seinem Leben holen will.» Und gegenüber dieser Zeitung sagt ein Teammitglied: «Er hat vor gar nichts Angst. Er tut, was er will, und zweifelt nie. Im Meer hat Mark die perfekte Umgebung gefunden, um sich selbst herauszufordern.»

Zusammenstoss mit einem Wal

So tönt Slats auch, wenn er auf Facebook per Satellitentelefon mitten aus dem ­Atlantik mit klarer und gar nicht müder Stimme erzählt, dass er eine schlechte Nacht hatte, dass er mit seiner Freundin telefonierte, aber dummerweise vergass, ihr frohe Weihnachten zu wünschen. Und weiter: «Ich war in letzter Zeit zu müde, um zu essen. Und wenn du nicht isst, dann wirst du noch ­müder.»

Den grössten Schock erlebte er im Schlaf, als ­etwas sehr Schweres gegen sein Boot prallte und Slats durch die ­Kabine geschleudert wurde. Er ver­mutet einen Zusammenstoss mit einem ebenfalls schlafenden Wal, der knapp unter der Oberfläche trieb. Slats und Schiff ­kamen heil davon.

Eine weitere Episode in Mark Slats verrücktem Leben. Seine Enkel dürfen sich freuen.

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