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«Ich wollte beweisen, dass ich mit 40 noch nicht langweilig bin»

Pamela Druckerman wollte wissen, was Vierzigsein heute bedeutet – und schenkte ihrem Mann einen Dreier.

Eine augenzwinkernde Hommage ans Erwachsensein: Pamela Druckermans Buch «Vierzig werden à la parisienne».
Eine augenzwinkernde Hommage ans Erwachsensein: Pamela Druckermans Buch «Vierzig werden à la parisienne».
Dmitry Kostyukov

Die gute Nachricht zuerst: Mit vierzig ist man noch nicht alt. Die schlechte: Man ist definitiv auch nicht mehr jung. Wie man mit diesem Weder-noch-Alter umgehen soll, versucht die Autorin und Journalistin Pamela Druckerman in ihrem Buch «Vierzig werden à la parisienne» auf humorvolle Art zu erörtern. Wie schon in ihrem Bestseller «Warum französische Kinder keine Nervensägen sind» orientiert sich die 49-Jährige dabei an ihrem Alltag als Expat: Druckerman ist Amerikanerin und lebt mit ihrem englischen Mann und den drei gemeinsamen Kindern in Paris.

Frau Druckerman, Ihr Mann hat sich zum 40. Geburtstag einen Dreier gewünscht, mit Ihnen und einer anderen Frau. Waren Sie schockiert? Pamela Druckerman: Ja, aber nicht wegen meines Mannes. Ein Dreier mit zwei Frauen ist eine gängige männliche Fantasie. Ich war eher über mich selbst überrascht, dass ich dem zustimmte.

Waren Sie neugierig, oder wollten Sie Ihrem Mann einfach einen Gefallen tun? Ich glaube, ich wollte mir damit ein Stück weit beweisen, dass ich mit 40 noch nicht langweilig bin. Ausserdem kann ich als Journalistin keiner Deadline widerstehen. Ich hatte bis zu seinem Geburtstag sechs Wochen Zeit, diesen Dreier zu planen. Das war eine Herausforderung.

War es den Aufwand wert? Ehrlich gesagt war der spannendste Teil am ganzen Vorhaben, die andere Frau zu finden. Ich war auf einmal in der männlichen Rolle des Jägers, des Verführers, der eine Frau erobern will. Ich wusste überhaupt nicht, wie man Frauen Avancen macht, wie man ihr sexuelles Interesse weckt. Das herauszufinden, fand ich weit aufregender als den Akt selbst.

Wieso? Weil es ein sehr rücksichtsvoller, höflicher Dreier war. Nach etwa 40 Minuten habe ich mich gefragt, ob ich lieber meine E-Mails checken soll.

Also nie wieder? Also mein Mann würde es sicher gern wiederholen.

Hat Sie dieses Erlebnis dazu animiert, das Buch «Vierzig werden» zu schreiben? Nein. Ich hatte vielmehr das Gefühl, dass ich mit 40 in ein Alter ohne klare Meilensteine eingetreten bin. Keiner konnte mir sagen, wie man sich die zeitgemässe Version von Ü-40 vorzustellen hat. Meine Tochter hat diese Unklarheit vielleicht am besten zusammengefasst, als sie mir sagte: «Mami, du bist nicht alt, aber du bist definitiv nicht mehr jung.» Also beschloss ich, der Sache nachzugehen.

Was hat Sie am meisten überrascht? Ich dachte immer, ich würde nie aussehen wie 40, weil mich Barkeeper bis in meine Dreissiger hinein nach der ID gefragt hatten. Ich war überzeugt, dass mein Körper gar nicht genau wusste, wie er mit vierzig auszusehen hat. Aber dann fingen Kellnerinnen und Verkäufer an, mich «Madame» statt «Mademoiselle» zu nennen. Und ältere Herren begannen mit mir zu flirten. Das Verblüffendste aber war, dass ich nicht nur erwachsen aussah, ich wurde von meinem Umfeld auch so behandelt.

Das heisst? Ich gehörte auf einmal zu jenen Leuten, von denen ich früher dachte, sie wüssten besser als ich, was richtig ist, wie man lebt und sich in der Welt behauptet. Offenbar wird von einem ab vierzig automatisch erwartet, dass man kompetent ist, Ratschläge gibt und Probleme löst.

Das klingt anstrengend. Ich fand es eher einschüchternd. Am Anfang habe ich mich manchmal wie eine Hochstaplerin gefühlt, aber irgendwann wurde mir bewusst: Hey, ich geniesse diese Glaubwürdigkeit völlig zu Recht, denn ich kann tatsächlich ein paar schlaue Antworten liefern und ich weiss auch, wie man Probleme löst – dank einem breiten Erfahrungsschatz, auf den man sich ab vierzig langsam, aber sicher verlassen kann. Man ist nicht nur äusserlich reifer, sondern auch innerlich. Es fühlt sich ein bisschen an, als würde der Verstand das Gesicht endlich einholen.

Apropos Gesicht: Wie haben Sie es mit Botox oder Hyaluron-Fillern? Ich sage zu allem Ja. Solche «Hilfsmittel» scheinen mir inzwischen sehr vernünftig. Botox habe ich einmal ausprobiert, ich versuche aber, nicht mehr danach zu streben, möglichst lang möglichst jung auszusehen, sondern die beste Version meines Alters zu sein.

Was ist das Beste am Älterwerden? Zum einen ist man weniger neurotisch als in jüngeren Jahren. Ich muss mich nicht mehr dauernd fragen: Bin ich gut, schlank, schön und smart genug? Zum anderen sieht man auch die anderen klarer und kann zum Beispiel arrogante Möchtegerns entlarven, bevor sie einem das Leben zur Hölle machen. Man kann auch besser «Nein» sagen.

Warum haben dann so viele Menschen eine Midlife-Crisis? Weil dieser Prozess der Ü-40-Selbsterkenntnis teilweise sehr mühsam ist. Man hört endlich auf, sich selbst und den anderen etwas vorzumachen. Und man beginnt, die Person zu sein, die man wirklich ist. Aber das ist natürlich mit Krisen verbunden.

Was meinen Sie mit Sich-selber-Sein konkret? Ich weiss nicht, ob sich das so klar fassen lässt. Man fühlt diesen neuen Zustand eher intuitiv. Im Vergleich zu früher weiss man zum Beispiel viel besser, was einen unglücklich macht, wen man um sich herum haben möchte, was einen verletzt, wie man seine Zeit verbringen will. Man hat auch nicht mehr den Stress, etwas Besonderes sein zu müssen. Es wird normal, durchschnittlich zu sein. All diese Realitäten sind mit Ende vierzig nicht mehr enttäuschend, sondern höchst befreiend.

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