«Ich kann nicht normal Ski fahren»

Dominique Gisin ist nach vier Jahren und Abfahrts-Gold zurück an Olympischen Spielen. Als Expertin, Studentin – und mit anderen Sorgen.

Zurück bei Olympia, in neuer Rolle: Dominique Gisin

Zurück bei Olympia, in neuer Rolle: Dominique Gisin Bild: Urs Jaudas

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Ediya Café in Gangneung. Fünf auf zehn Meter Klein-Amerika. Es gibt eine grosse Auswahl an Kaffees und Tees in Plastikbechern, der Raum ist steril. Nur gestapelte Kartonschachteln und Plastikkisten lassen südkoreanisches Flair aufkommen. Dominique Gisin hat einen Kaffee vor sich. Sie hats nicht weit, sie wohnt in einer der über 1000 Wohnungen für Journalisten. Die 32-jährige Engelbergerin ist als Ski-Expertin für das SRF angereist – und als letzte Olympiasiegerin in der Abfahrt. In der Nacht auf morgen wird ihre Nachfolgerin gekürt.

In einem Werbespot laufen die Bilder, wie Sie nach dem Olympiasieg 2014 unter Tränen Ihre Grossmutter anriefen. Sie mussten diese Szene nachspielen. War das seltsam?
Logisch musste ich das nachspielen, an die Bildrechte kommt man nicht.

Zögerten Sie, als die Anfrage kam?
Ja, weil ich dachte, dass ich in meinem Leben nie mehr Emotionen wie damals empfinden könnte. Dieser Moment war einer von ganz wenigen, in denen ich vergass, dass eine Kamera auf mich gerichtet ist. Es war ein intimer Augenblick.

War es Ihnen damals unangenehm, diesen im Fernseher zu sehen?
Ja. Nicht, weil ich mich geschämt hätte, ich habe oft geheult. Aber weil es ein ganz spezieller Moment war.

Sind Sie eine gute Schauspielerin?
Ich hatte bei den Aufnahmen eine gute Trainerin.

Wie hat sie die Emotionen geweckt?
Ich musste mich noch einmal zurückversetzen ins Ziel von Sotschi. Das war unglaublich anstrengend. Nach vier Aufnahmen war ich fix und fertig.

Sie arbeiten als Ski-Expertin beim Fernsehen, sind omnipräsent. Ist das Teil einer Vermarktungsstrategie?
Die ersten zwei Jahre nach dem Rücktritt habe ich mich zurückgezogen. Nun will ich schauen, ob ich mir einen Job als Expertin vorstellen kann. Ich kann die Sicht der Athletinnen vertreten.

Und es hilft Ihrer Popularität.
Ich habe ja nicht einmal mehr ein Management. Für mich ist nicht in erster Linie wichtig, dass ich Geld verdienen kann, sondern dass ich hinter einer Idee stehen kann. Ich bekomme sehr viele Anfragen, 90 Prozent davon lehne ich ab. Weil auch mein Tag nur 24 Stunden hat und mein Leben auch weitergeht.

Profitieren Sie finanziell noch von der Goldmedaille?
Ich halte Vorträge, damit verdiene ich ganz gut. Aber auch das mache ich nicht primär fürs Geld. Viele Leute wollen wissen, wie ich es geschafft habe, Mal für Mal aus den Tiefs herauszukommen. Also schrieb ich mit meinem Mentaltrainer diesen Vortrag. Die Menschen interessiert, welche Strategien ich anwendete, um immer wieder aufzustehen. Wenn nur zehn Prozent der Zuhörer etwas für sich mitnehmen, ist das sehr schön.

Was raten Sie einer Sarah Hoefflin, die Gold im Ski-Freestyle gewann?
Damit so umzugehen, dass es für sie passt. Sie soll geniessen, was kommt. Ich durfte dabei sein, als Stan Wawrinka 2015 das French Open gewann. Ohne Goldmedaille wäre das nicht möglich gewesen. Solche Momente soll sie aufsaugen. Und authentisch bleiben.

2015 traten Sie zurück, nun sind Sie Studentin. Sie beschäftigen sich mit Astrophysik, mit ganz grossen Fragen. Wie klein kommen Sie sich vor?
Wir alle sind ganz kleine Punkte. Wenn ich darüber nachdenken muss, was passiert, wenn zwei Galaxien miteinander kollidieren, dann sage ich: Und worüber reden wir derzeit in der Politik genau?

Wie ist es für Sie, sich klein zu fühlen?
Mir tut das gut. Es gibt Grösseres, Wichtigeres als mich. Bin ich mit dem Roten Kreuz unterwegs, sehe ich grausame Bilder. Noch immer gibt es Teile dieser Welt, die humanitäre Rückschritte machen. Das relativiert vieles.

Nehmen sich Sportler zu wichtig?
Es gibt vielleicht einzelne, die das tun. Aber die meisten können wie ich ihr Leben gut in Relation setzen, wenn sie einmal zu Hause sind.

Und wenn sie unterwegs sind?
Startete ich zu einem Rennen, war essenziell, dass ich wichtig fand, was ich mache. Vielen Athleten sage ich: «Geniesst es, wenn ihr nervös seid. Es ist zwar kein schönes Gefühl, aber eines, das ihr nie mehr haben werdet.» Dass mir so speiübel ist wie am Start zur Olympiaabfahrt, das werde ich nie mehr erleben.

Haben Sie sich übergeben wie jüngst Mikaela Shiffrin vor dem Slalom?
So heftig war es nicht. Aber es war ein extrem intensiver Moment.

Der intensivste Ihrer Karriere?
Es gab dieses Gefühl immer wieder. Bereits, als ich zum Final eines Kinderrennens startete. Deshalb erübrigt sich auch die Frage, ob sich Athleten zu wichtig nehmen. Denn in diesem einen Moment gibt es für den Sportler nichts Wichtigeres als diesen Start.

Wie sehen Sie den Skisport heute?
Ich verstehe, dass er nicht die einzige Welt ist. Wenn man mittendrin ist, gibt es nur das. Für junge Sportler ist der Sport nie nur Beruf, sondern das Leben.

Nun arbeiten Sie mit dem Kopf statt mit dem Körper. Fehlte Ihnen das?
Sicher. Mein Servicemann sagte jeweils: «Es ist manchmal besser, nicht zu viel nachzudenken.» Ich bin ein rationaler Mensch, ich habe mich auf die Zeit danach gefreut. Aber mein Körper braucht Sport, denn ich bin nicht nur rational, sondern auch sehr emotional.

Wo finden Sie die Emotionen?
Beim Skifahren. Jetzt stehe ich wieder hundert Tage pro Jahr auf den Ski. Es war zu Beginn meines Studiums ein Kampf. Ich büffelte 65 bis 70 Stunden pro Woche. Ich musste mich und das Gleichgewicht erst wiederfinden. Ich bin nicht mehr 19 und das Studium ist das absolute Zentrum meines Lebens. Wenn Michelle (Schwester und Skirennfahrerin) anruft und sagt, sie habe ein Problem auf einer Piste, dann setze ich mich ins Auto und fahre los – egal wohin. Auch wenn am nächsten Tag eine wichtige Vorlesung ansteht.

Kommt Wehmut auf, wenn Sie auf einer Rennpiste sind?
Ich liebe es, auch wieder einmal mit Vollgas eine abgesperrte Piste hinunterzubrettern. Aber nicht, weil mir der Wettkampf fehlt, sondern das Gefühl eines richtig schnellen Laufs.

Und wie fahren Sie als Touristin?
Ich kann nicht normal Ski fahren. Gerutschte Schwünge interessieren mich nicht. Bin ich müde, höre ich lieber auf. Ich liebe nun mal das Spiel mit den Kräften, die schönen Kurven.

Für Sie gab es viele Jahre nur das Skifahren. Langweilte Sie das nicht?
Ich fuhr viel Ski, aber das war auf jeder Piste anders. Und im Konditionstraining habe ich so ziemlich alle Sportarten ausprobiert, die es gibt. Ich bewundere Ausdauersportler, aber das wäre nichts für mich. Gehe ich schwimmen, muss ich nach einem Kilometer aus dem Becken. Wir hatten viel Abwechslung, aber auch eine klare Struktur, für jeden Tag einen Plan. Nach meinem Rücktritt merkte ich erst, wie schön es ist, aufzustehen und genau zu wissen, was zu tun ist.

Das wissen Sie jetzt nicht mehr?
Ich weiss, dass ich in jedem Semester eine Prüfung habe. Ich versuche, die Tage zu planen, den Weg bis zur Prüfung. Aber das ist auch deshalb nicht ganz einfach, weil das Feuer für die Physik weit weniger stark lodert als fürs Skifahren.

Sie haben Ihre ganze Karriere hindurch mit Verletzungen gekämpft, wurden neunmal am Knie operiert. Wieso ist die Flamme nie erloschen?
Weil es für mich nie etwas Schöneres gab. Ich habe in meiner Karriere drei Fahrten erlebt, in Zauchensee, in Lake Louise und dann in Sotschi, nach denen ich sagen konnte: Ich habe alles so erwischt, wie ich es wollte, besser kann ichs nicht. Dafür habe ich gelebt.

Sie haben 25 Jahre lang trainiert und neun Operationen über sich ergehen lassen für drei perfekte Fahrten?
Ich habe mich schon als kleines Mädchen in diesen Sport verliebt. In jedes Poesiealbum schrieb ich hinein, dass ich Skirennfahrerin werden will. Aber klar: Es gab viele Momente, in denen ich mich fragte, wieso ich mir das antue.

Wie wichtig war es Ihnen, dass Sie mit Olympiagold für Ihren Durchhaltewillen belohnt wurden?
Ich weiss nicht, ob ich so entspannt auf meine Karriere blicken könnte, wenn ich diese Medaille nicht gewonnen hätte. Jedes Mal, wenn ich dachte, jetzt kommt endlich alles gut, kriegte ich mit dem Riesenhammer eins übergezogen. Das begann mit 14 und endete eigentlich nie.

Welcher Moment war der schwerste?
2010 in Vancouver. Ich war in Topform, alles stimmte. Ich legte zu Beginn der Saison zwei besonders schnelle Ski auf die Seite für Olympia. Dann stürzte ich vier Wochen davor, wurde am Meniskus operiert, tat alles dafür, es noch rechtzeitig zurückzuschaffen. Dann stand ich am Start und wollte diese Chance packen. Ich habe mich überwunden, war auf Medaillenkurs. Und dann? Verhaut es mich beim Zielsprung. Ich lag mit einer Gehirnerschütterung da und verstand die Welt nicht mehr. Ich kann doch nicht immer nur auf den Deckel kriegen. Vier Jahre später stand ich doch noch zuoberst. Es kam endlich etwas zurück. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.02.2018, 17:40 Uhr

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