«Ich hoffe, ohne Antidepressiva leben zu können»

Lindsey Vonn spricht in Lake Louise über die Last, die sie als Kind trug, ihre Depressionen und sagt, was sie mit Roger Federer verbindet.

«Ich habe auch Spass in meinem Leben und möchte, dass die Fans das miterleben können» – Lindsey Vonn gibt viel von sich preis. Foto: Getty Images

«Ich habe auch Spass in meinem Leben und möchte, dass die Fans das miterleben können» – Lindsey Vonn gibt viel von sich preis. Foto: Getty Images

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Lindsey Vonn und Lake Louise: Das ist eine Liebesgeschichte. In Kanada feierte die US-Amerikanerin 15 ihrer 67 Weltcupsiege. 2011 und 2012 holte sie gar das Triple mit zwei Abfahrtssiegen und dem Triumph im Super-G innert dreier Tage. Und als die 31-Jährige im letzten Jahr nach zwei Knieoperationen im Banff-Nationalpark ihr Comeback gab, stand sie gleich wieder zuoberst. Nach einem Knöchelbruch kehrt sie jetzt wieder auf dieser Piste zurück. Sie hat in der Bar im Bauch des Hotels Chateau Lake Louise an einem Zweiertisch Platz genommen und redet auch über ihre Probleme.

Wie wird man als Königin von Lake Louise empfangen?
(lacht) Ich bin keine Königin, aber es freut mich, hier zu sein. Es ist ein wunderbarer Ort mit schönen Erinnerungen.

Sie geniessen keine Vorzüge?
Es sind immer die gleichen Pistenarbeiter hier. Die fragen mich jeweils, was ich brauche und ob sie etwas Spezielles tun können, mehr rutschen oder so. Ich bin zum 15. Mal hier, deshalb kennen mich alle. Ich bin also mehr die alte Dame als die Königin.

Sie haben in Lake Louise 15 Siege gefeiert, 22 Podestplätze. Können Sie diese Dominanz erklären?
Nicht wirklich. Ich fühle mich wohl hier, die Strecke passt zu meiner Technik. Ich weiss genau, wo ich die Geschwindigkeit etwas drosseln muss, wo ich mehr ­Risiko nehmen kann. Ich habe einfach ein gutes Gefühl. Und jedes Jahr weiss ich, dass ich hier gewinnen kann. Das gibt mir sehr viel Selbstvertrauen.

Sie haben hier 2004 Ihren ersten Weltcupsieg gefeiert, können Sie sich noch daran erinnern?
Ich habe diese Woche Fotos von damals gesehen. Ich war ja so jung. Ich konnte das Ganze gar nicht glauben. Es war ein grosser Schritt für mich. Seit diesem Sieg weiss ich, dass ich gewinnen kann.

Das haben Sie zur Genüge bewiesen. Sie haben viele Rekorde, was ­bedeuten Ihnen die 67 Weltcupsiege?
Die bedeuten mir mehr als alle anderen Rekorde. Ich habe eine Legende geschlagen wie Annemarie (Moser-Pröll, 62 Siege) und bin nahe dran an Ingemar Stenmark (86 Siege), das ist unglaublich.

Sie haben Jahrgang 1984 und ­deshalb die beiden nicht mehr als Skifahrer erlebt. Hatten Sie Kontakt zu ihnen?
Ich habe Stenmark nie getroffen. Ich habe nur ein paar Videos von ihm angeschaut. Annemarie habe ich schon ein paar Mal getroffen. Sie ist sehr nett.

Auch jetzt noch?
(lacht) Nun, ich habe sie nicht mehr getroffen, seit ich ihren Rekord gebrochen habe. Aber sie gab ein paar Interviews und war immer sehr sympathisch.

Bereits als Zweijährige standen Sie auf den Ski. War Ihr Weg ­vorgezeichnet?
Schon als kleines Kind hatte ich immer den Traum, Olympiasiegerin zu werden. Mein Weg war nicht vorgezeichnet, aber meine Familie hat viel dafür getan, dass mein Traum in Erfüllung geht. Schliesslich gibt es nicht viele Abfahrerinnen, die aus Minnesota stammen . . .

«Roger Federer ist ein Freund von mir, aber auch ein grosses Vorbild.»

. . . der Hügel, auf dem Sie Ihre ersten Schwünge machten, war 93 Meter hoch . . .
. . . ja, der war wahnsinnig klein. Aber mein Vater hatte dann die Idee, nach Vail zu ziehen, als ich elf war. Also muss ich meiner Familie Danke sagen für alles. Denn wären wir in Minnesota geblieben, wäre das alles nicht möglich gewesen.

Es war nicht immer so, dass Sie Ihrem Vater danken wollten.
Es stimmt, wir hatten viele Probleme. Aber so ist es mit der Familie, das gibts oft. Es war auch schwer, als ich verheiratet war, ich und mein Vater gingen einfach in die entgegengesetzte Richtung. Gott sei Dank haben wir mittlerweile wieder die gleiche Richtung gefunden. Aber ja: Familie ist kompliziert.

Ihr Vater war ehrgeizig, hatte hohe Ziele für seine Tochter. Wie hat Sie das in Ihrer Kindheit geprägt?
Es war nicht nur sein Ziel, es war unser Ziel, eigentlich war es gar mehr mein Ziel. Ich sagte immer zu ihm, dass ich Olympiasiegerin werden wolle. Er hat dann nur geplant, welche Rennen ich fahren muss, wie ich mich steigern kann.

Er engagierte früh einen Profitrainer. Spürten Sie Druck?
Die grösste Last war, dass meine Familie alles für mich gab und alles von mir abhing. Aber das motivierte mich auch, hat mich gepusht. Deshalb habe ich immer weitergekämpft, egal, ob ich einen schlechten Tag hatte oder ein schlechtes Jahr – ich habe immer weitergekämpft.

Nach Ihrer Heirat hatten Sie keinen Kontakt mehr zu Ihrem Vater. Wie lange ­sprachen Sie nicht mit ihm?
Sechs Jahre lang. Als ich mich von meinem Mann (Thomas Vonn) scheiden liess (2013), habe ich den Weg zu ihm ­zurückgefunden. Er ist Rechtsanwalt und half mir dann mit der Scheidung. Er war ja da auch schon von meiner Mutter ­geschieden. Das alles war schwierig für mich – in vielerlei Hinsicht.

Haben Sie durch den Skisport auch Ihre Jugend verpasst?
Ja, sicher. Aber ich habe auch viel mehr gelernt als ein normales Kind. Ich reiste etwa sehr oft. Ich bin sehr glücklich und habe auch ein paar gute Freundinnen gefunden. Das ist alles, was ich brauche.

Sie haben 2012 öffentlich gemacht, dass Sie an Depressionen leiden. Hat diese Krankheit etwas mit Ihrem Leben als Skifahrerin zu tun?
Es hat mir geholfen, endlich in der Öffentlichkeit darüber zu reden. Es war schwierig damals während der Scheidung, ich hatte immer das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmte. Nun konnte ich das endlich akzeptieren. Für mich fiel eine grosse Last von den Schultern.

Sie sehen den Ursprung also nicht in Ihrem Leben als Spitzensportlerin?
Nein. Ski fahren ist das Einzige, was mich immer glücklich macht.

Macht sich die Krankheit noch heute bemerkbar?
Ja. Ich denke, das wird auch so bleiben. Ich hoffe, dass ich nach meiner Karriere vielleicht ohne Antidepressiva leben kann. Aber zurzeit wäre das nicht die ­allerbeste Idee.

Sie sind also nach wie vor auf ­Medikamente angewiesen?
(Nickt)

Wie oft nehmen Sie Antidepressiva?
Jeden Tag.

«Ski fahren ist das Einzige, was mich immer glücklich macht.»

Sie geben viel von sich preis, auch in sozialen Medien, wieso?
Ich habe nichts zu verbergen. Ich habe auch Spass in meinem Leben und möchte, dass die Fans das miterleben können. Es ist schön, wenn ich mein Leben mit anderen teilen kann. Es ist auch alles echt, ich präsentiere mich selber. Und ich bin zufrieden damit, wer ich bin. Ich muss nicht vorgeben, jemand anderes zu sein. Ich muss nicht mager sein wie ein Model. Nein, ich bin ich. Und ich glaube, das ist erfrischend.

Das Skifahren gerät aber in den Hintergrund. Nervt es Sie nicht, wenn jetzt wieder nur darüber diskutiert wird, ob Sie noch eine Beziehung mit Tiger Woods haben?
Vorab: Ich bin nicht mit ihm zusammen. Und ja: Das frustriert mich, weil es nichts mit dem Sport zu tun hat. Ich hätte lieber, wenn mich die Leute kennen würden, weil ich oft gewonnen habe, und nicht, weil ich mit jemandem ein Date hatte.

Andere Sportstars schützen ihr Privatleben. Wieso Sie nicht?
Ich sage auch nicht immer alles. Es gibt Sachen, die privat bleiben. Es ist zwar schwierig, die Balance zu halten, aber ich hoffe, dass mir das gelingt. Roger (Federer) etwa hat viel mehr Fans als ich, dann ist das schwieriger, weil jeder etwas von dir will. Als Skirennfahrerin bin ich nicht so prominent, dass ich keine Zeit mehr hätte für mich. Dafür bin ich dankbar.

Sie sind auch Federer-Fan. Wieso?
Er ist so sympathisch und locker. Ich war beim US Open. Als er verlor, war er zwar enttäuscht, aber so wie immer. Er ging zu seinen Kindern – er ist normal, auch in solchen Momenten. Er ist ein Freund von mir, aber auch ein grosses Vorbild.

Haben Sie ähnliche Charakterzüge?
Ich versuche immer, am Boden zu bleiben. Meine Familie ist oft dabei, das ist sehr wichtig für mich, weil ich dann normal sein kann. Ich muss nicht lachen, nicht geschminkt sein, ich bin dann nur ich. Man braucht die Zeit mit Leuten, bei denen man immer so sein kann, wie man ist. Ich versuche, so wie Roger zu sein, demütig zu sein.

Auch, weil Sie wissen, wie schnell es anders laufen kann? 2013 und 2014 mussten Sie sich jeweils am Knie operieren lassen.
Ja, als ich mich zum zweiten Mal operieren lassen musste, war das die schwierigste Phase in meiner Karriere. Ich hatte so hart gearbeitet, um an Olympia in Sotschi ­dabei zu sein, und dann war der Traum plötzlich geplatzt. Das war sehr schwer, auch psychisch. Ich hatte aber nicht verpasste Siege oder Medaillen im Kopf, sondern nur die Hoffnung, überhaupt wieder Ski fahren zu können, denn das ist meine grosse Liebe.

Im letzten Frühjahr hätte Ihre Heim-WM in Vail/Beaver Creek der Höhepunkt sein sollen, Sie holten aber nur Bronze im Super-G. War das eine Enttäuschung?
Ich war nicht hundertprozentig bereit für diesen Steilhang, für die eisige Piste. Trotzdem holte ich eine Medaille. Ich bin zufrieden, auch wenn ich weiss, dass mehr möglich gewesen wäre.

Ihre Familie war da, Ihre Grosseltern, was bedeutete das für Sie?
Das war so schön, unglaublich. Mein Grossvater ist sehr alt und krank. Er hätte nicht mehr normal reisen können. Da habe ich ein Flugzeug für ihn organisiert, damit er auch mit Sauerstoffmaske anreisen konnte. Es war ein grosses Risiko, das er auf sich nahm, aber er wollte unbedingt kommen. Es war wohl seine letzte Reise, das bedeutet mir sehr viel.

An der WM 2009 in Val-d’Isère verletzten Sie sich beim Feiern an einer Champagnerflasche. Jüngst biss Sie einer Ihrer Hunde . . .
(Schüttelt den Kopf) Es war sogar der gleiche Daumen, Wahnsinn! Ich bin unglücklich, wie dieser Daumen, diese ganze rechte Hand aussieht. In Vancouver habe ich den gebrochen und kann ihn nicht mehr strecken (zeigt den ­Zeigefinger), und diese zwei habe ich in der Autotür eingeklemmt, als ich neun war (zeigt Mittel- und Ringfinger). Sieht super aus, nicht?

Ernst war der Knöchelbruch im Sommer. Sie mussten zehn Wochen pausieren. Sind Sie trotzdem bereit?
Gott sei Dank passierte das erst ganz am Schluss des Trainingslagers, so hatte ich drei Wochen super trainieren können, nur nicht die Speed-Disziplinen. Im letzten Monat holte ich das in Colorado nach, allerdings fuhr ich fast nur ­Super-G. Ich habe nur einen Tag Abfahrt trainiert, das ist ein bisschen wenig . . .

. . . selbst für Sie . . .
(lacht) Aber ich bin alt und weiss, was ich tun muss.

Wenn ich mit Männern trainiere, fahre ich viel schneller.

2014 kehrten Sie nach der Verletzung in Lake Louise mit einem Sieg zurück. Erwarten Sie nun Ähnliches?
Ich erwarte, zweimal zu gewinnen.

Sie fühlen sich hier so wohl, dass Sie 2012 gegen die Männer antreten wollten. Der internationale Ski-Verband liess das nicht zu. Ist das noch ­immer ein Traum von Ihnen?
Ich möchte das noch machen, aber ich weiss nicht wann. Ich konzentriere mich auf Olympia 2018, und bis dahin sollte ich vorsichtig sein mit meinem Knie. Aber vielleicht wäre es danach möglich.

Wieso ist es Ihnen so wichtig, sich mit Männern zu messen?
Wenn ich mit Männern trainiere, fahre ich viel schneller. Ich sehe, was möglich ist, welche Linie, wie gerade man fahren kann, mit wie viel Power. Dann versuche ich, das zu kopieren. Die Motivation und das Adrenalin sind dann am höchsten. Ich will einmal an meinem Limit fahren.

Bei den Frauen müssen Sie das nicht?
Es geht dabei mehr um eine mentale ­Sache. Ich bin nicht unschlagbar. Aber es wäre etwas Besonderes und Neues mit den Männern.

Sie sprachen von Olympia 2018. Sie sind dann 33. Wie lange haben Sie noch Lust aufs Skifahren?
Die Fragen, die ich mir danach stelle werde, sind: Bin ich gesund? Macht mein Knie noch mit? Habe ich noch Lust? Kann ich noch gewinnen? Wenn die Antwort immer «Ja» lautet, dann fahre ich weiter.

Welche Ziele verfolgen Sie?
Ich will noch eine olympische Goldmedaille. Ich habe keinen Druck mehr, ich habe alles erreicht, ich möchte nur sehen, wie schnell ich noch fahren kann, wie viele Siege ich noch feiern kann.

Und abgesehen vom Sport?
Dass ich glücklich sein kann und dass ich genug Geld verdiene, damit ich nicht mehr arbeiten muss und locker eine ­Familie haben kann – hoffentlich passiert das irgendwann. Aber das Wichtigste ist: Ich will nur glücklich sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2015, 23:34 Uhr

Lindsey Vonn

In Europa zu Hause

Zusammen mit zwei Brüdern und zwei Schwestern – wobei ein Bruder und die beiden Schwestern Drillinge sind – wuchs Lindsey Kildow in Burnsville nahe Minneapolis auf. Als sie elf war, zog die ganze Familie in den Skiort Vail, um sie optimal auf ihre Skikarriere vorzubereiten. Dort hat sie im letzten Jahr ein Haus gekauft, in dem einer ihrer Brüder zusammen mit ihren Hunden lebt. Die meiste Zeit verbringt sie aber in Europa – sie hat auch einen Wohnsitz in Sölden (Ö). Von 2007 bis 2013 war sie mit dem einstigen Skifahrer und langjährigen Freund Thomas Vonn verheiratet, dessen Nachname sie noch immer trägt. Nach der Scheidung gab sie bekannt, dass sie mit dem Profigolfer Tiger Woods liiert ist – mittlerweile sind die beiden wieder getrennt. (rha)

Zweite Abfahrtstrainings

Suter Vierte, Männer diskret

In Beaver Creek realisierte der letztjährige Speeddominator Kjetil Jansrud bereits seine vierte Trainingsbestzeit der Saison. Entsprechend startet er heute als Favorit zur zweiten Abfahrt der Saison. In Lake Louise wollte er vor Wochenfrist im Rennen zu viel und wurde nur Neunter. Die Schweizer Männer zeigten eher bescheidene Leistungen (Küng 15., Janka 17.). Beim Abschlusstraining der Frauen in Lake Louise hielt derweil Fabienne Suter als Vierte mit den Schnellsten mit. «Gegen diesen Rang hätte ich auch im Rennen nichts», sagte die Schwyzerin, die auf dieser Piste noch nie über den 9. Abfahrtsrang hinausgekommen ist. Lara Gut wurde 11., Topfavoritin Lindsey Vonn wurde Zweite. (Si)

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