«Ich habe im Gotthard-Tunnel haarsträubende Dinge erlebt»

Gewerkschafter Renzo Ambrosetti warnt: Gibt es am 28. Februar ein Nein, geraten Firmen in Nöte. Die Gefahren für Autofahrer kennt er aus eigener Erfahrung.

Der 63-jährige Tessiner Renzo Ambrosetti war von 2004 bis zu seiner Pensionierung 2015 Co-Präsident der Gewerkschaft Unia. Foto: Keystone

Der 63-jährige Tessiner Renzo Ambrosetti war von 2004 bis zu seiner Pensionierung 2015 Co-Präsident der Gewerkschaft Unia. Foto: Keystone

Ein Linker, der sich für die zweite Röhre engagiert: Sie sind ein Exot.
Mir ist bewusst, dass ich in der Unia und dem Gewerkschaftsbund eine Minderheitsposition vertrete. Ich glaube aber nicht, dass diese Abstimmung nach dem Links-rechts-Schema verläuft. Ich bin nicht der einzige Linke, der die zweite Röhre befürwortet, und es gibt Rechte, die dagegen sind. Laut Umfragen stimmen 51 Prozent der SP-Wähler Ja. Das wichtigste Argument ist für mich nicht die Ökonomie, sondern die Sicherheit.

Machten Sie schlechte Erfahrungen?
Ich musste 20 Jahre lang zweimal pro Woche durch den Gotthard-Tunnel hin- und zurückfahren. Ich habe haarsträubende Dinge erlebt.

Nennen Sie Beispiele.
Einmal war ich im Tunnel unterwegs, als dort ein Töff brannte. Der Rauch, der dabei entsteht – das ist wirklich die Hölle. Manchmal sah ich vor mir Autos mit wahrscheinlich übermüdeten Fahrern über den Mittelstreifen schwanken. Das Verrückteste war, als eine Fahrerin vor mir eine klaustrophobische Panikattacke erlitt. Auf einmal stand ihr Auto quer im Tunnel. Ich hielt dann selber in einer Nische an und fuhr ihr Fahrzeug nach draussen. Das gab dann noch Ärger mit der Polizei . . .

Warum benutzten Sie nicht den Zug?
Meine Familie lebt im Tessin, und ich arbeitete in Bern. Wenn Sie da morgens um 8 Uhr anfangen müssen, sind Sie auf das Auto angewiesen – mit dem öffentlichen Verkehr müssten Sie schon am Vorabend aufbrechen.

Es gibt andere Konzepte, um die Sicherheit zu verbessern – wie etwa versenkbare Mittelleitplanken.
Es ist eh schon eng dort drin, und es würde dadurch noch enger. Niemand baut heute noch Tunnel von dieser Länge mit nur einer Röhre. Wenn die Vorlage vom 28. Februar abgelehnt wird, dann haben wir wirklich einen Scherbenhaufen, sicherheitstechnisch, aber auch wirtschaftlich.

Was die wirtschaftlichen Folgen angeht, wird viel übertrieben im Tessin. Wenn die Neat den Betrieb aufnimmt, wird der Kanton auch während der Sanierung über drei Bahntunnel mit Uri verbunden sein.
Mich überzeugt das Konzept mit den Verladeanlagen nicht. Es wird betriebstechnisch Probleme geben, wenn zusätzlich zum regulären Schienenverkehr noch eine grosse Menge verladener Fahrzeuge transportiert werden muss. Hinzu kommt: Der Leventina nützt die Neat wegen der geografischen Lage sowieso nichts. Betriebe wie die Käserei von Airolo, die Industrie im Tal oder die beiden Autobahnraststätten stünden vor dem Aus. Und die Erfahrung zeigt: Wenn Arbeitsplätze aus Randregionen erst einmal verschwunden sind, kommen sie nicht mehr wieder.

Falls das Volk Nein sagt – bräuchte das Tessin Überbrückungshilfe?
So etwas wird niemals mehrheitsfähig sein. Wir haben diese Erfahrung gemacht, als vor 20 Jahren die Monteforno-Stahlwerke in Bodio schlossen. Da hiess es: Wir dürfen doch nicht in die freie Wirtschaft eingreifen. Andernfalls schüfe man Präzedenzfälle.

Hätte das Tessin bei einem Nein zumindest einen Bundesrat zugute?
Was unsere Vertretung in Bern betrifft, sollten wir nicht zu viel klagen. Im Bundesrat braucht es in erster Linie gute Leute. Wichtiger für uns Tessiner wäre, dass wir in der Bundesverwaltung eine stärkere Vertretung hätten. Ein paar gute Chefbeamte wiegen einen Bundesrat locker auf.

Nehmen Ihnen die ökologischen Linken Ihr Engagement übel?
Ich denke nicht – und vor allem sind auch die Gewerkschaften ökologisch orientiert. Auch ich bin Befürworter der Alpeninitiative, das möchte ich betonen. Doch kilometerlange Staus vor dem Gotthard sind nicht ökologisch. Mit getrennten Röhren werden wir den Verkehr flüssiger machen. Und natürlich ist die Verlagerung des Schwerverkehrs auf die Schiene zu fördern. Verladeanlagen sind gut, aber es braucht einen Langstreckenbetrieb von Busto Arsizio nach Basel. Das ist die Zukunft. Beim Gotthard-Strassentunnel müssen wir glaubhaft darlegen, dass es keine Kapazitätserweiterung gibt. Dann bedroht die zweite Röhre diese Zukunft in keiner Weise.

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