Hoffen auf einen schönen Sommer

Seit 2014 hat sich unter Vladimir Petkovic eine Gruppe gebildet, in der fünf Spieler eine besondere Rolle haben. Die Geschichte einer Nationalmannschaft.

Yann Sommer wünscht sich, dass das Nationalteam in Frankreich vorbehaltlos unterstützt wird. Foto: Reto Oeschger

Yann Sommer wünscht sich, dass das Nationalteam in Frankreich vorbehaltlos unterstützt wird. Foto: Reto Oeschger

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Am 17. Oktober 2013 gab Ottmar Hitzfeld bekannt, nach der WM in Brasilien höre er auf. Der Favorit für seine Nachfolge stand sofort fest: Marcel Koller, der Schweizer in Österreich. Koller blieb für viel Geld in Österreich, und das Spekulieren ging in der Schweiz los: Gross, Favre, Tami, Di Matteo, Yakin, Petkovic? Wer ersetzt Hitzfeld?

Drei blieben am Ende übrig, die Peter Stadelmann als Verantwortlicher für die Trainersuche präsentierte: Vladimir Petkovic, noch bei Lazio Rom; Roberto Di Matteo, nicht mehr bei Chelsea; und Pierluigi Tami, Trainer der U-21 und ­Favorit des damaligen Technischen ­Direktors Peter Knäbel. Am 23. Dezember 2013 fiel die Wahl auf Petkovic.

Zweieinhalb Jahre später fährt die Schweiz zum vierten Mal an eine EM. Die Bilanz bisher ist bescheiden. 1996: out nach der Vorrunde mit einem Punkt und einem Tor. 2004: out mit der gleichen Bilanz wie acht Jahre zuvor. 2008: out schon nach zwei Gruppenspielen.

Jetzt hat Petkovic eine Mannschaft ­zusammengestellt, die sich mehr ­zutraut, als das die Öffentlichkeit tut. Diese Skepsis hat Yann Sommer in diesen Tagen thematisiert, nicht gerne, aber in der Hoffnung, dagegen arbeiten zu können. Der Torhüter und Meinungsführer versteht wohl Kritik, wenn die Leistungen schlecht sind, sie dürfe auch hart sein. Aber ihm wird das Negative zu sehr ausgebreitet und die Suche nach Problemen zu stark forciert.

Den nächsten Schritt machen

«Ich freue mich auf die EM», sagt er. Und weil er das tut, möchte er ansteckend wirken, möchte er, dass das Nationalteam in Frankreich vorbehaltlos unterstützt wird. Vielleicht funktioniert es in der Schweiz eben andersherum: Die Mannschaft muss den ersten Schritt ­machen und mit ihren Auftritten überzeugen. Dann kann es vielleicht so sein wie 2006 in Deutschland, als Zehntausende dem Team nachreisten; oder wie 2014, als die Öffentlichkeit richtig Spass fand am leidenschaftlichen Kampf im Achtelfinal gegen Argentinien.

Der Achtelfinal ist jetzt das minimale Ziel einer Mannschaft, die sich selbst­bewusst gibt. Ein Spieler wie Valon ­Behrami sagt schon lange, dass ihm das nicht mehr genüge, sondern sie endlich den nächsten Schritt machen müssten.

Behrami gehört zu den Köpfen dieser Gruppe, zusammen mit Sommer, ­Stephan Lichtsteiner, Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri. Er ist, noch immer, der Chef der Albaner-Fraktion, teilweise lautstark und harsch in der internen ­Kritik. Ob jeder damit gut umgehen kann, ist die Frage. Die Mannschaft braucht Behrami, wenn er so gut spielt wie zum Beispiel an der WM gegen Ecuador.

Shaqiri, der Unberechenbare

Lichtsteiner ist als Captain der logische Nachfolger des ausgemusterten Gökhan Inler. Keiner verkörpert den Sieges­willen besser als er, der selbst nach fünf Meistertiteln in Serie mit Juventus davon kein wenig verloren hat. Der grosse ­Publikumsliebling ist er nicht. Er sieht das pragmatisch: «Ich werde nicht ­bezahlt, um beliebt zu sein, sondern ­dafür, meine Mannschaft zum Sieg zu führen.»

Xhaka ist hinter Lichtsteiner und Behrami der dritte Captain. Sinn macht auch das, nachdem er im letzten halben Jahr bei Borussia Mönchengladbach mit der Binde am Arm spürbar gewachsen ist. Im Nationalteam dagegen hat er sich schwergetan, die gleiche Dominanz auszustrahlen. Das hat mit der Position auf dem Platz und im Team zu tun gehabt, die zentrale Rolle im Mittelfeld war für Inler reserviert. Ohne Inler kann er da spielen, wo er sich am wohlsten fühlt, wo er, wie Basels Altmeister Marco Streller schwärmerisch sagt, «Weltklasse» ist. Eines geht bei Xhaka leicht vergessen: «Ich bin noch immer 23, erst 23.»

Shaqiri hat im ersten Jahr bei Stoke City nochmals an Muskeln zugelegt, weil er das braucht, um in der Premier League bestehen zu können. Seine ­Bilanz mit 31 Einsätzen und drei Toren in drei Wettbewerben liest sich bescheiden. Das ändert aber nichts an seiner Bedeutung für die Schweiz. Keiner ist für das Kreative wichtiger als er, der jederzeit Unberechenbare. Und keiner ist wichtiger für eine Offensive, der seit dem ­Abgang von Alex Frei weiterhin ein verlässlicher Torjäger fehlt.

Bleibt noch eine Anmerkung von Streller: «Die Schweiz ist eine ­Wettkampfmannschaft.» Es ist seine ­Formel der Hoffnung auf einen schönen Sommer.

2008-2014
Der Hype um die Jugend

Unter Ottmar Hitzfeld erlebte Alex Frei einen Umbruch mit, der von der unerschrockenen Garde geprägt war.

Die Schweizer Nationalmannschaft mit Benaglio, Xhaka, Behrami, Rodriguez, Djourou (oben von links), Inler, Lichtsteiner, Stocker, Drmic, von Bergen und Shaqiri (unten) beim Fussball-Testspiel Schweiz gegen Kroatien in St. Gallen, 5. März 2014. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Alex Frei lag im Spital von Biel, die EM im eigenen Land hatte für ihn nach 42 Minuten mit einem Innenbandabriss im linken Knie geendet. Einer der ersten Besucher, die nach der Operation bei ihm vorbeischauten, war Ottmar Hitzfeld, ab August 2008 der neue Coach der Nationalmannschaft. Frei, der Captain, nahm das als klares Signal wahr. Köbi Kuhn war für ihn schon nicht irgendein Trainer ­gewesen, «Herr Kuhn» hatte ihn von der U-18 über die U-21 bis zu den Grossen schon begleitet. Und mit Herrn Kuhn ist er heute noch per Sie, das ist für Frei ein Zeichen seines tiefen Respekts ihm gegenüber.

Nun also tauchte Hitzfeld in Biel auf, und Frei tat es gut, dass der neue Chef sich um ihn sorgte. Hitzfeld kam als Meistertrainer aus der Bundesliga und war zweifacher Champions-League-Sieger, allein dank seines Renommees genoss er Respekt. Er musste keinen diktatorischen Ton anschlagen, «jeder wusste, woran er bei Ottmar ist». Mit Hitzfeld ist Frei heute per Du. Das Ansehen des Deutschen verstärkte sich dadurch, dass er den Austausch mit den Spielern pflegte, intensiv tat er das mit Teamleadern wie Frei, der einer der wichtigsten Ansprechpartner wurde. Die Entscheidungsgewalt lag stets bei Hitzfeld, aber er holte oft Rat ein, um sich eine fundierte Meinung zu bilden.

Frei wurde im März 2001 unter Enzo Trossero Nationalspieler. Unter Kuhn stieg er zum Captain auf. Und in der Ära Hitzfeld erlebte er einen nächsten ­Umbruch, als die neue Generation der Unerschrockenen einfuhr – die Generation der Xhakas und Shaqiris. Das ­geschah anders als zu der Zeit, in der Frei ein aufstrebendes Talent war. «Damals», sagt er, «als Cabanas, Grichting, Magnin und ich das erste Aufgebot bekamen, ­waren wir ängstlicher als Granit oder Xherdan. Sie kamen zu uns und zeigten gleich ihre Unbekümmertheit.» Es entstand ein Hype, wie ihn Frei selber, trotz drei Toren im ersten Länderspiel gegen Luxemburg, nicht erlebt hatte.

Die Hierarchie verschob sich automatisch, auch Alex Freis Wahrnehmung in der Öffentlichkeit veränderte sich. Bis 2009 galt er noch als anerkannter Stürmer im Ausland, er bekam Jubel für seine Tore für Borussia Dortmund. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz zum FC Basel wurde er greifbarer – und als Vertreter eines höchst erfolgreichen Clubs nicht sonderlich beliebt in der Restschweiz.

84-mal spielte Frei für die Schweiz, ­42-mal traf er, das ist Rekord. 2006 ­erlebte er an der WM seine schönste ­Partie gegen Togo mit 50'000 Schweizern in Dortmund; im Oktober 2010 musste er in der EM-Qualifikation beim 4:1 gegen ­Wales den bittersten Moment verdauen, als er – ausgerechnet daheim in Basel – ausgepfiffen wurde. Im Frühjahr 2011 trat er aus dem Nationalteam zurück, heute ist er U-15-Trainer beim FC Basel. Zu seiner Arbeit als Ausbildner gehört immer auch wieder ein Hinweis an die Junioren, speziell an jene mit zwei Pässen, die ­vielleicht einmal vor der Frage stehen, für welche Nationalmannschaft sie spielen sollen: «Ich sage dann: Egal, für wen ihr spielt, tut es mit Stolz und Über­zeugung.» (pmb.)

2001-2008
Spass mit Köbi

Er hiess Herr Kuhn und war doch so populär, dass er als Köbi durchging. Seine Zeit war eine ganz besondere.

Ein Team mit Freiräumen: Murat Yakin, Haas, Frei, Müller, Huggel, Chapuisat (oben), Wicky, Hakan Yakin, Stiel, Vogel und Spycher. Foto: Keystone

Während des Höhenfluges unter Roy Hodgson 1993 tauchte die Nationalmannschaft als Dritte in der neu geschaffenen Fifa-Weltrangliste auf. Nach Hodgson folgte unter Jorge, Fringer und Gress der kontinuierliche Absturz auf Platz 83. Köbi Kuhn folgte auf Enzo Trossero, der über Nacht davonlief. «Der Richtige», titelte die «SonntagsZeitung» nach Kuhns Beförderung vom U-21- zum Nationalcoach. Der Richtige? Der «Blick» verhöhnte ihn Jahre später einmal als «Wurst», weil es gerade nicht so gut lief.

Die Ära von Kuhn umfasste 73 Spiele. Umfasste die EM 2004, die WM 2006 und die EM 2008; die Spuck-Affäre Frei, als die gesamte Delegation versagte; das legendäre Elfmeterschiessen im Achtelfinal gegen die Ukraine, als Kuhn es fertigbrachte, mit Alex Frei seinen besten Schützen in der 117. Minute auszuwechseln; das schnelle Scheitern an der Heim-EM im Regenspiel gegen die Türkei. Umfasste ein paar Verirrungen und unvergessliche Abende, die Nacht von Istanbul, als die Schweizer nach der WM-Barrage von den Türken attackiert wurden, und die Trennung von Captain Johann Vogel.

«Ich genoss diese Zeit mit Köbi mega», sagt Jörg Stiel. Köbi, mega – so redet ein jugendlich gebliebener 48-Jähriger, der zu seinem Trainer stets eine fast freundschaftliche Beziehung gepflegt hat.

Kuhns Anfangszeiten waren stürmisch gewesen. Er machte Stiel zum Captain, obschon der nur drei Länderspiele bestritten hatte. Ciriaco Sforza und Stéphane Chapuisat, immerhin Champions-League-Siegern, teilte er via Zeitung mit, künftig auf sie zu verzichten. In der Zeit machte er vieles nicht auf die richtige Art, aber er machte viel, um einer Mannschaft auch wegen interner Grabenkämpfe die Solidarität zurückzugeben.

Damals sagte Stiel: «Moment einmal. Wovon reden wir denn? Von ‹Problemli›, von diesem ganzen Quatsch? Reden wir doch über die guten Seiten dieser Mannschaft, über das Potenzial der Spieler, über Köbi, der ein ganz anderer Trainer ist als Trossero ...»

Die Mannschaft begann zusammenzuwachsen, Kuhn entdeckte Feusisberg als neues Quartier, und bis heute hat Stiel den 11. Oktober 2003 nicht vergessen, als sich die Schweiz mit dem 2:0 gegen ­Irland zum zweiten Mal für eine EM qualifizierte und 30'000 Zuschauer in Basel für Kuhn «Happy Birthday» sangen. Es war eine unbeschwerte Zeit unter einem Trainer, der seinen Spielern abseits des Platzes Freiräume gewährte («Ich bin kein Zerberus») und auf dem Platz den Dank dafür erwartete. «Die Leute erkannten uns in Köbi wieder», sagt Stiel, «in diesem ­Ur-Schweizer und sehr angenehmen Menschen.»

Nur der Erfolg an WM und EM war bescheiden. Hakan Yakin rief Kuhn im Juni 2008 zum Abschied nach, ihm habe zuletzt die Rückendeckung von ihm gefehlt. Kuhn nahm ihn nach dem letzten Spiel gegen Portugal auf dem Platz demonstrativ in die Arme und ging in Rente. (ths.)

1996-2001
Das Problem namens Jorge

Stéphane Henchoz erlebte unter Jorge, Fringer, Gress und Trossero den Rückfall in erfolglose Zeiten.

Nicht immer ein Vergnügen: Sforza, Wolf, Chapuisat, Walker, Murat Yakin, Henchoz (oben), Ohrel, Kunz, Wicky, Lehmann und Fournier (unten). Foto: Keystone

Der Junge aus dem freiburgischen Billens mit den roten Bäckchen konnte drängen, wie er wollte, spielen, wie er wollte, zuerst hiess es: hinten anstehen. Stéphane Henchoz war 1993 der Neuling, der Geiger und Herr vor sich hatte. Und wenn alles normal lief, verteidigte Hottiger rechts, Quentin links, «im Tor stand Pascolo, das Mittelfeld bildeten Ohrel, Bregy, Sforza und Sutter, vorne hatten wir Chapuisat und Knup». Henchoz hat die Namen präsent, und wenn er erzählt, schwärmt er. Von Chapuisat («er traf für Dortmund regelmässig, nicht alle paar Monate»). Von Knup («er schoss seine Tore auch regelmässig in der Bundesliga»). Und von Geiger, ­seinem Lehrmeister («ich konnte mich ganz auf meinen Job konzentrieren»).

An der EM 1996 bildete Henchoz zusammen mit Vega das Abwehrzentrum, zwei Haudegen hatten sich gefunden. Aber vom Glanz, den die Mannschaft von 1994 noch verströmt hatte, waren die Schweizer ab 1996 weit entfernt. ­Artur Jorge, der kauzige Portugiese, übernahm von Roy Hodgson. «Ich weiss nicht, ob er bei seiner Anstellung fünf Spielernamen hätte aufschreiben können», sagt Henchoz, «ich sage nicht, dass er als Trainer keine Ahnung hatte. Aber es war ein ­Problem, dass er über den Schweizer Fussball so gut wie nichts wusste.»

Das Experiment mit Jorge scheiterte grandios: 1 Sieg, 2 Remis, 4 Niederlagen. Rolf Fringer war der Nächste, aber der Start in seine Ära war gleichzeitig seine schwerste Hypothek. Die Schweiz reiste nach Aserbeidschan, um die WM-Qualifikation 1998 zu eröffnen. Und blamierte sich beim 0:1. Für Henchoz war es Teil der Auswirkungen aus der Zeit unter Jorge – «er war nur ein paar Monate da, aber die Konsequenzen waren weit­reichend».

Die Schweizer wechselten den Trainer wieder, Gilbert Gress für Rolf Fringer, Enzo Trossero für Gress, Köbi Kuhn für Trossero. Mit jedem Neuen änderte die Ausrichtung wieder. Und Spieler ­kamen, Spieler gingen, Henchoz bekam mehrmals einen neuen Partner in der ­Innenverteidigung. Eine Aufstellung wie jene des 94er-Teams bringt er auf die Schnelle nicht hin. «In dieser Zeit war es weniger ein Vergnügen in der Nationalmannschaft», sagt er. Bezeichnend ist, dass ihm spontan zwei Negativerlebnisse einfallen – jenes 0:1 in Aserbeidschan Ende August 1996 und das 0:5 in Norwegen im September 1997, auch das eine WM-Qualifikationspartie.

Es gab atmosphärische Störungen im Team, wobei Henchoz das nicht herausstreichen mag. Und wie war das mit der Grüppchenbildung? «Es war normal, dass die Welschen beim Essen zusammensassen und die Deutschsprachigen auch.» ­Immerhin gab es zum Ende ein Hoch: die EM in Portugal, bei der er zwei Einsätze bekam. 2005 endete die Laufbahn als Nationalspieler nach 72 Partien und mit einem Makel: «Ein bisschen bereue ich es schon, dass es mir nie zu einer WM-Teilnahme gereicht hat.» (pmb.)

1996-2001
Der Aufstieg mit Hodgson

Alain Sutter erlebte die Zeit der «Wölfe» und den Absturz unter Jorge. Und dazwischen den Erfolg mit Roy Hodgson.

Eine grossartige Mannschaft: Sforza, Herr, Chapuisat, Knup, Sutter (oben), Ohrel, Bregy, Geiger, Pascolo, Quentin und Hottiger (unten). Foto: Keystone

Es war die Zeit von Paul Wolfisberg und seinen «Wölfen», von Egli, In-Albon, Lüdi und Heinz Hermann. Die Zeit der enttäuschten Hoffnungen in den Qualifikationen. Es war Mitte der 80er-Jahre. Und der Anfang der Karriere eines Mannes, der den Wandel von Verlierern zu Siegern erlebte: von Alain Sutter.

17 war er, als er sein erstes Aufgebot erhielt und schnell die Hierarchien kennen lernte. Er sah wohl, dass es eine Liste für die Massagen gab. Aber bei ihm hiess es: «Du musst dich nicht massieren lassen. Du bist erst 17.» Dafür sah Sutter, wie Georges Bregy gleich dreimal am Tag auf dem Schragen lag.

Auf Wolfisberg folgte Daniel Jeandupeux, auf einen «Blick»- ein Tagi-Liebling. Die Resultate wurden nicht besser. 1989 übernahm der deutsche Vorzeigekämpfer Uli Stielike. Mit ihm fehlte nur ein Sieg zur Teilnahme an der Europameisterschaft 1992, «in der Zeit konnten wir uns erstmals vorstellen, dass wir uns qualifizieren», sagt Sutter.

Danach tauschte Stielike seinen Job mit Xamax-Trainer Roy Hodgson. Der Engländer war kaum im Amt, als er vor der Entlassung stand. Er konnte sich nur dank eines 2:1 gegen Frankreich im Mai halten. Danach begründete er die ­Erfolgsgeschichte mit der ersten WM-Teilnahme nach 28 Jahren und der ersten EM-Teilnahme überhaupt.

Hodgson war der Schleifer, von dem die Spieler «unglaublich viel» (Sutter) lernen konnten: wie sie wann wo stehen müssen, wer wann was machen muss. Er gab die defensive Organisation vor und liess den Kreativen in der Offensive ihre Freiheiten. Hodgson habe Spieler wie Chapuisat oder ihn nie «abgewürgt», sagt Sutter. Heute redet er von einer glücklichen Fügung, von einer Kombination, die es für den Erfolg immer brauche: hier eine Generation von talentierten Spielern, die ins Ausland drängten; da ein Trainer, der sein Handwerk ­beherrschte.

Zu der Zeit waren Sforza, Türkyilmaz und Subiat die Spieler mit fremden ­Wurzeln. Sutter nahm das aber gar nicht wahr, es gab nur die Gruppen mit Deutschschweizern, Welschen und Tessinern, «wie sie normal sind für die Schweiz». Er wäre gerne an einem anderen Tisch gesessen, aber weil er sprachlich «eine Pfeife» war, sass er halt bei denen, die er verstand. Und das waren nun einmal die Deutschschweizer.

Unmittelbar nach der erfolgreichen EM-Qualifikation zog es Hodgson zu ­Inter Mailand. Er drängte zwar darauf, die Schweiz trotzdem auch in England betreuen zu können, der Verband ­jedoch wollte das nicht und verpflichtete Artur Jorge als neuen Coach. «Ich weiss nicht, ob er ein Glücksfall war für die Schweiz», sagt Sutter heute. Und er sagt das ohne jeden Groll. Von Anfang an spürte er damals, dass der Portugiese nicht auf ihn setzte, «weder als Spieler noch als Typ». Darum überraschte es ihn auch gar nicht, dass er, ebenso wie ­Torjäger Adrian Knup, nicht für die EM in England aufgeboten wurde.

«Das war es dann», sagt Sutter. Nach 62 Einsätzen endete seine Zeit als Nationalspieler. (ths.)

Erstellt: 06.06.2016, 12:25 Uhr

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