Gerbers Reise ans Ende der Welt

Der 41-jährige Flyers-Goalie hat viel erlebt und denkt doch immer nur ans nächste Spiel. Was die Zukunft bringt, weiss er nicht. Ihm ist nicht bange.

«Gelegenheit, Vollgas zu geben»: Martin Gerber vor seinem 1056. Profispiel. Foto: Freshfocus

«Gelegenheit, Vollgas zu geben»: Martin Gerber vor seinem 1056. Profispiel. Foto: Freshfocus

Philipp Muschg@tagesanzeiger

Wenn Martin Gerber heute um viertel vor acht von seinem Tor aus zum Mittelkreis blickt, ist das der Moment, auf den der 41-Jährige eine Woche lang hinge­arbeitet hat. Es ist der Moment, ab dem es für Kloten darum geht, die jüngste ­Siegesserie auf vier Spiele auszudehnen. Und es ist einer dieser Momente, denen Gerber sein gesamtes Berufsleben ­gewidmet hat. «Gelegenheit, Vollgas zu geben», nennt er diese zwei Stunden, in denen seine Arbeit im Lichte der Öffentlichkeit steht.

In 1055 Spielen hatte er dieses Extrem­erlebnis, seit 24 Jahren prägt es sein Leben. Er suchte es in der beschaulichen Emmentaler Heimat, in Schweden, in der glamourösen NHL und im exotischen Russland. Langnau, Karlstad, Anaheim, Raleigh, Ottawa, Mytischtschi, Oklahoma City, Växjö: Auch die unvollständige Liste seiner sportlichen Heimstätten zeugt davon, wie weit Gerber ­dafür zu gehen bereit war.

Aus einer anderen Zeit

Die Anfänge dieser Passion liegen in ­Signau. Beim bernischen Erstligisten bildete er den zielstrebigen Charakter aus, der seine Karriere möglich machte. Man schrieb das Jahr 1992: Teenager Gerber galt nicht als grosses Talent; Klotens Meisterdynastie war Zukunftsmusik; der heutige ZSC-Goalie Schlegel war noch nicht geboren. Wer es damals weit bringen wollte, brauchte Eigeninitiative. Eine professionelle Torhüterbetreuung existierte nicht, einen festen Goalietrainer erlebte Gerber erst 2001 bei Färjestad. «Früher kam dreimal pro Saison einer, mit dem man dann drei Tage gearbeitet hat.»

Auch sonst erkennt er Unterschiede zum jungen Gerber. «Ich hatte damals mehr Ticks. Ich beschäftigte mich viel mehr damit, wann ich esse, was ich esse, wann und wie lange ich schlafe, dass beim Warm-up der Ablauf immer genau gleich ist.» Wenn etwas nicht lief wie ­gewünscht, «hat mich das gestresst».

Nachtschichten vor dem TV

Natürlich sind für ihn Rhythmus und Routinen auch heute wichtig, vor allem am Matchtag. Aber wenn er merke, dass er zu früh aufs Spiel fokussiere, könne er jetzt viel besser an andere Sachen denken, sich mit leichten Arbeiten im Haus ablenken. Was sich allerdings nicht ­geändert hat, ist die Anspannung danach. Bis das ­Adrenalin eines Spiels aus dem Körper ist, vergehen Stunden, in denen an Schlaf nicht zu denken ist. «Meist kommt dann der TV zum Einsatz», lautet Gerbers Spätprogramm.

Wie lange dieser Wechsel zwischen Spannung und Entspannung noch sein Leben prägt, ist offen. Sein Vertrag läuft aus, Gerber fühlt sich gesund und würde gerne noch eine Saison anhängen, ­Gespräche diesbezüglich gab es indes länger keine mehr, ein konkretes Angebot fehlt. «Jetzt gilt alle Konzentration dem Kampf ums Playoff», benutzt der Routinier den gleichen Satz wie Sportchef und Trainer Sean Simpson. Doch allzu besorgt wirkt er nicht. Der Torhütermarkt bietet kaum Alternativen, «und ausser in der Schweiz habe ich mich nie vor Juli entschieden, wie es weitergeht».

Konkrete Pläne hat er nicht. Fest steht nur, dass er eines Tages in sein umgebautes Bauernhaus in Langnau zurückkehren will. Und dass er noch so oft wie möglich Vollgas gibt, bis dieser Tag kommt.

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