Farbattacke gegen legale Graffitikunst

Unbekannte haben in Zürich mehrere Auftragsarbeiten des Künstlerduos One Truth übersprayt. Ein Schlag gegen Auftragskunst oder persönlicher Racheakt?

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Es herrscht Aufregung in der Zürcher Graffitiszene, bereits ist vom Graffitikrieg die Rede. Auslöser ist eine Nacht-und-Nebel-Aktion vom letzten Wochenende. Damals haben Unbekannte sämtliche Bilder des Zürcher Künstlerkollektivs One Truth übersprayt, wie Radio Energy und «Blick» berichteten. Bei den beschädigten Bildern handelt es sich um Auftragsarbeiten etwa der Stadt oder von Privatpersonen, wofür das Sprayer-Duo Geld erhielt.

Das 70-Meter-Wandgemälde am Werkhof an der Bederstrasse in der Nähe des Einkaufszentrums Sihlcity ist durch breite, silberne Zickzacklinien verunstaltet. Ebenfalls verschmiert wurden die mehrere Meter hohen Figuren an einer Hausfassade an der Rötelstrasse in Wipkingen – vieles deutet darauf hin, dass bei der Aktion mit Farbe gefüllte Feuerlöscher zum Einsatz kamen. Auch das 20 Meter hohe Wandbild «Create and Destroy» an einem Hochhaus in Neuaffoltern wurde Opfer der Attacke, genauso wie jenes an der Fassade der Heilpädagogischen Schule an der Gotthelfstrasse in Wiedikon.

«Ein Armutszeugnis»

Bei der Stadtpolizei sind inzwischen mehrere Anzeigen wegen Sachbeschädigung eingegangen, wie Sprecher Christian Spaltenstein auf Anfrage erklärte. Die Schadenhöhe sei noch nicht bekannt, die Ermittlungen laufen. Involviert ist auch die Fachstelle Graffiti der Stadtpolizei.

«Das Ausmass der Zerstörung und das systematische Vorgehen der Täter sind für mich völlig neu», sagt Alex Pistoja, Mitbegründer des Schweizer Graffiti-Magazins «14k». Er beobachtet die Graffitiszene in der Schweiz und im Ausland seit vielen Jahren, doch eine derart «zerstörerische Geste» habe er bisher noch nirgends erlebt. «Es gibt in dieser Sache keinen Gewinner, nur kaputte Kunst». Der Fall gewinnt umso mehr an Bedeutung, da ein ungeschriebenes ­Szenegesetz vorschreibt, das Werk eines Graffitikünstlers niemals zu übersprayen. Der Akt gilt als Sakrileg. Eine Terrorlinie oder «Destroyline», wie sie in der Szene genannt wird, gilt als deutlicher Ausdruck der Verachtung gegenüber dem Künstler und dessen Werk.

Graffiti-Duo One Truth: Wie man mit Sprayen legal Geld verdient. Quelle: SRF Kulturplatz/Youtube

Die städtische Graffitibeauftragte Priska Rast spricht von einer «Zerstörung unbekannten Ausmasses» und dazu von einem «Riesenfrust». Sie hat selber solche Graffitikunst in Auftrag gegeben. «Es ist ein Armutszeugnis, dass man kein anderes Mittel hat, seine Meinung kundzutun, als mit Vandalismus.»

Auch die Stadt hat Strafanzeige gegen unbekannt erstattet. Ob die Kunstwerke gerettet werden können, ist noch offen. Gestern klärten Spezialisten vor Ort den Schaden ab. Zumindest beim Bild an der Gotthelfstrasse stehen die Chancen gut, weil es pikanterweise vorsorglich mit einem Graffitischutz überzogen worden ist. «Jetzt hoffen wir, dass sich dank diesem Schutzanstrich die Farbe der Vandalen wieder entfernen lässt», sagt Rast. Die Reparatur werde sicher mehrere Tausend Franken kosten.

Umstrittene Auftragskunst

Über die Motive der Vandalen kann die Graffitibeauftragte nur spekulieren. Möglicherweise sei es ein politisches Statement, das sich gegen die Kommerzialisierung von Graffiti richtet. Ob Street Art nur illegal sein darf oder eben auch kommerziell, ist eine alte Auseinandersetzung unter Künstlern. Kommerzielle Auftragsarbeiten gelten unter vielen Sprayern als Verrat an der im Untergrund geborenen Kultur.

Ein Szenekenner, der nicht namentlich genannt werden möchte, ortet hinter den Attacken dagegen eine interne persönliche Abrechnung. Solche seien in der teilweise als gewaltbereit geltenden Sprayerszene nicht unüblich. Er ordnet die Attacken gar einer ganz bestimmten, in Zürich präsenten Grafitticrew zu.

One Truth Graffiti, Auftrag Live Painting (UBS Bahnhofstrasse Zürich). Quelle: One Truth Graffiti/Youtube

Dass der Anschlag vom letzten Wochenende weitere Konsequenzen innerhalb der Szene haben wird, glaubt der Szenekenner indes nicht. Vielmehr vermutet er einen «einmaligen und gezielten Schlag» gegen die legalen Sprayer.

Die geschädigte Gruppe One Truth selber war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Anfang Jahr hatte das Brüderpaar im TA auf die Frage, ob die illegale Sprayerszene über so viel Kommerz nicht die Nase rümpfe, geantwortet: «Wahrscheinlich schon. Aber wir haben uns entschieden, legal und im Auftrag zu sprayen.» Wie viel solche Auftragsarbeit kostet, wollten sie nicht verraten.

Graffitischutzkonzept am Ende?

Philipp Meier, Szenebeobachter und ehemaliger Kurator des Cabarets Voltaire, zeigt sich wenig erstaunt über den Vorfall. «Mich verwundert nur, dass es nicht schon früher passiert ist.» Meier vermutet hinter der Aktion eine gezielte Attacke gegen die Auftragskunst als behördliche Form von Graffitischutz. Tatsächlich sind legal geschaffene Sprayereien eine Form von Prävention, um Fassaden vor «wilden Graffiti» zu schützen. Meier wirft die Frage auf, ob die jüngsten Attacken gegen die Kunstwerke das Ende dieser Form des behördlichen Graffitischutzes einläuten.

«Die Strategie, dass bezahlte Sprayer unbezahlte Sprayer vom Sprayen abhalten sollen, halten viele in der Szene für absurd», sagt Meier. Manche seien zudem der Meinung, dass Street Art etwas Vorübergehendes, Dynamisches sei, etwas, das auch mal wieder verschwinden und nicht wie etwa die Werke von One Truth praktisch für ewig an der Fassade prangen soll.

Für die Graffitibeauftragte Priska Rast ist klar: «Wenn wir uns von solchen Vandalenakten einschüchtern lassen, dann haben wir verloren.» Es werde deshalb auch weiterhin Auftragssprayereien geben.

Bereits im letzten August ist es am Bellevue zu einem Vandalenakt gegen ein Auftragsgraffiti gekommen. Damals hatten Künstler im Auftrag der Stadt ganz legal die Bauwände an der Quaibrücke mit Graffiti verziert. Unbekannte verunstalteten darauf ein Werk des ­Zürcher Sprayers Redl mit einer gezielt gezogenen roten Terrorlinie. Dieser meinte daraufhin, die Verantwortlichen der Stadt hätten den Konflikt ein Stück weit hinaufbeschworen, weil sie zu ­offensiv kommuniziert hätten, dass sie mit den Auftragsarbeiten Schmierereien verhindern wollten.

Auch sonst sorgten kontroverse Aktionen von Sprayern immer wieder für Schlagzeilen. Seien es jene des Sprayers Puber, der derzeit in Wien in U-Haft sitzt, die Dauerverunstaltung der Gottfried-Honegger-Wandreliefs im Bahnhof Stettbach oder der mehr als zehn Meter hohe Schriftzug, den die Crew 2047 vor einigen Jahren an einem Haus im Kreis 5 anbrachte – einer der ersten Fälle, als in Zürich farbgefüllte Feuerlöscher zum Einsatz kamen.

Sprayer im Visier der Polizei

Stadt- und Kantonspolizei weisen allerdings darauf hin, dass immer wieder Sprayer erwischt werden. So hat die Stadtpolizei allein seit Anfang Jahr bereits 20 Verfahren gegen Sprayer eingeleitet. Im Vorjahr wurde gegen 71 Personen im Zusammenhang mit dem Anbringen von Graffiti rapportiert. Bei der Kantonspolizei wurde letztes Jahr gegen rund 200 Tatverdächtige Sprayer ermittelt. In den Vorjahren waren es jeweils ähnlich viele, wie es auf Anfrage heisst.

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