«Stimmung wie an einer Kläranlageneröffnung»

Die Schweiz besiegt in Basel Europameister Portugal – und das Stadion schweigt eisern. Wieso?

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Philippe Zweifel@delabass

Die Schweiz bezwingt Europameister Portugal. Nicht per Penaltyschiessen, nicht mit einem mageren 1:0. Sondern 2:0. Beide Tore waren Extraklasse, Seferovics Assist gar noch berauschender. Auf den Rängen gabs kein Halten mehr, die Leute lagen sich in den Armen, Raketen flogen in den Basler Nachthimmel.

Schön wärs!

Während des ganzen Spiels lag eine gespenstige Stille über dem Stadion. Als ob die Nati einmal mehr ihr Potenzial nicht hätte ausspielen können. Nein, als ob man zu Hause gegen die Färöer 0:3 hinten läge. Zwar flackerte mal kurz «Wer nöd gumpt, isch kein Schwiizer» auf, aber gegumpt wurde nicht. Und das wars dann auch schon mit Fangesängen. Dabei wurde das Repertoire an der EM doch mit «O Embolo, Embolo» erweitert. Der hat gestern sogar ein Tor geschossen!

Natürlich sind wir Schweizer nicht die grössten Stimmungsbomben auf dem Planeten. Und natürlich sind Natifans wegen ihrer soziodemografischen Zusammensetzung nicht so lautstark wie Clubfans. Sie weisen mehr Kinder auf – und deren Väter dürfen sich in ihrer Anwesenheit die Midlife-Crisis nicht wie in der Super League mit grenzwertigen Sprüchen von der Seele schreien.

Auch die oft lautstarken Secondos feiern lieber in den Clubkurven. Von den vermummten Petardenwerfern ganz zu schweigen. Gut, die brauchts nicht unbedingt. Aber Krach ist Krach, und davon gab es gestern keinen. Die Natifans machen sonst keinen schlechten Job – aber wo waren ihre Kuhglocken, wenn man sie braucht? Schweizerfähnchen mit Crédit-Suisse-Logo schwenken macht keinen Lärm. Irgendwann lüpfte es sogar TV-Kommentator Sascha Ruefer den Deckel: «Eine Stimmung wie an einer Kläranlageneröffnung.»

Vielleicht hat Boris Becker recht, wenn er sagt, dass zu viel Fussball laufe. Vielleicht sind die Fans nach der Euro übersättigt. Vielleicht lag es daran, dass es Dienstagabend war. Vielleicht fand das Publikum: Portugal hat die Euro nur mit Glück gewonnen, und wenn man diese Pfeifen nicht schlägt, ist Hopfen und Malz verloren. Vielleicht liegt ja auch der nationale Zusammenhalt im Argen, aber das würde jetzt zu weit führen.

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