«Es kann sein, dass Ziele in der Schweiz aufgeführt waren»

Experten glauben, dass die verschollenen Akten zur Geheimarmee P26 vernichtet wurden – aus innenpolitischen Gründen.

Wohnraum in einer unterirdischen Bunkeranlage der Geheimarmee P 26 in Gstaad. Foto: Keystone:

Wohnraum in einer unterirdischen Bunkeranlage der Geheimarmee P 26 in Gstaad. Foto: Keystone:

Philipp Loser@philipploser

Die Nutzer in den sozialen Medien reagierten auf die Enthüllung von Bernerzeitung.ch/Newsnetz, dass das VBS seit einem Jahr sensitive Akten zur geheimen Organisation P 26 vermisst, so wie immer: mit Jux und Tollerei.

Ob die Akten wohl in einem der verschwundenen Panzer zu suchen seien? Ob es im Verteidigungsdepartement (VBS) vielleicht ein schwarzes Loch gebe? Einen besonders schnittigen Schredder?

Von einer eher ernsteren Note ist die Reaktion des Historikers und ehemaligen Nationalrats Josef Lang. Er hat in seiner Zeit im Parlament mehrere Vorstösse geschrieben, um die Akten und Berichte rund um die P 26 öffentlich zu machen – immer ergebnislos. Lang stört es besonders, dass die verschwundenen Akten – es handelt sich um die Ermittlungsakten zum sogenannten Cornu-Bericht, der die internationalen Verstrickungen der P 26 aufzeigt – nicht im Bundesarchiv, sondern im VBS gelagert wurden. «Das ist wie die Fortsetzung der Geschichte der Geheimarmee. Schon damals gab es keine zivile Kontrolle über die P 26 – nur eine militärische.»

«Es kann gut sein, dass in diesen Akten auch mögliche Aktionen gegen Ziele im Inland aufgeführt waren – und das will man heute lieber nicht mehr wissen.» Josef Lang

Mit den Akten verhalte es sich gleich. Statt die Dokumente der Zivilgesellschaft – dem Bundesarchiv – zu übergeben, könne das Militär selber über seine Vergangenheit bestimmen. Lang geht davon aus, dass die Akten bewusst vernichtet worden sind. Entweder weil die darin enthaltenen Informationen Bündnispartnern aus dem Ausland nicht gefallen hätten oder aus innenpolitischen Gründen. «Es kann gut sein, dass in diesen Akten auch mögliche Aktionen gegen Ziele im Inland aufgeführt waren – und das will man heute lieber nicht mehr wissen.»

Titus Meier, Autor einer Dissertation zur P 26, die diesen Mai erscheint, vermutet ebenfalls, dass die Akten vernichtet worden seien. Es sei denkbar, dass die Unterlagen geschreddert wurden, weil man damals Informationen über ausländische Partnerdienste nach gängiger Praxis nicht archiviert habe, sagte Meier der «NZZ am Sonntag». Allerdings könne es auch sein, dass die Daten im Rahmen der Umstrukturierung des Militärdepartements zum VBS verloren gingen und man die Bedeutung der Unterlagen nicht erkannt habe.

Falls die Akten vernichtet wurden – dann wahrscheinlich bereits in den 90er-Jahren. «Und das ist unter keinem Titel vertretbar», sagt Autor Martin Matter, der ein Buch zum Thema geschrieben hat. «Eine sehr unglückliche Nachricht», sagt auch der ehemalige National­rat Jacques-Simon Eggly, der als einer von ganz wenigen Parlamentariern Bescheid über die P 26 wusste.

«Ein Sauladen»

Für die armeefreundliche Gruppe Giardino ist es nicht weiter erstaunlich, dass die heiklen Akten ausgerechnet im VBS verschwunden sind. «Das VBS ist ein Sauladen, in dem unhaltbare Zustände herrschen», sagt Willi Vollenweider, der Präsident der Gruppe.

Die ehemaligen Mitglieder der P 26 hoffen noch immer auf eine Rehabilitation ihres Einsatzes für die Heimat. 

Vollenweider, der sich schon länger für die Rehabilitierung der ehemaligen Mitglieder der P 26 einsetzt, denkt allerdings nicht, dass die verschwundenen Akten etwas an der Wahrnehmung der P 26 ändert. «Je nach Weltanschauung des Betrachters sind die ehemaligen Kämpfer der P 26 schon längst rehabilitiert». Die Hysterie nach der Enttarnung der Gruppe habe sich längstens gelegt, sagt Vollenweider.

«Unsere Kritik richtete sich nie gegen die einzelnen Mitglieder der P 26, sondern immer gegen den Bundesrat und die militärische Führung.» Carlo Schmid

Carlo Schmid, ehemaliger Ständerat der CVP aus dem Kanton Appenzell Innerrhoden, präsidierte die PUK zur P 26. Eine Rehabilitierung der ehemaligen Kämpfer sei gar nicht nötig – weil man ihnen nie einen Vorwurf gemacht habe. «Unsere Kritik richtete sich nie gegen die einzelnen Mitglieder der P 26, sondern immer gegen den Bundesrat und die militärische Führung.»

Die heute noch lebenden ehemaligen Mitglieder von P 26 sehen das anders. Und haben in den vergangenen Monaten viel dafür getan, dass die öffentliche Diskussion über die ehemalige Geheimarmee einen anderen Grundton annimmt. Grosse Hoffnungen setzen die ehemaligen Mitglieder auf die Dissertation von Titus Meier. Der Historiker hat auch einen Auftritt in einem eher unkritischen Dokumentarfilm über die Geschichte der Geheimarmee, die im Dezember im Westschweizer Fernsehen RTS gezeigt wurde. Der ehemalige Nationalrat Eggly ist äusserst erfreut über die «objektive Berichterstattung» des Films. Linke Kreise sehen das anders: Bei RTS sind mehrere Beschwerden hängig, weil der Film zu einseitig ausgefallen sei. Diese Debatte fand bisher ausschliesslich in der Westschweiz statt – doch das dürfte sich bald ändern. Laut unbestätigten Informationen soll der Dokumentarfilm bald in einer deutschen Version auf SRF ausgestrahlt werden.

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