Esst Frösche und Blutsuppe!

1816 grassiert im Zürcher Oberland der Hunger. Das Volk isst Gras und Wurzeln, Spekulanten bunkern Getreide, Räuber gehen um.

In der Ausstellung im Ritterhaus Bubikon ab morgen zu sehen: Frauenskelett, an dessen Knochen der Hunger von 1816 nachweisbare Spuren hinterliess. Foto: Thomas Egli

In der Ausstellung im Ritterhaus Bubikon ab morgen zu sehen: Frauenskelett, an dessen Knochen der Hunger von 1816 nachweisbare Spuren hinterliess. Foto: Thomas Egli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was für ein miserables Wetter! Das Jahr 1816 ist im Züribiet eine Katastrophe. Im Februar friert der Zürichsee zu. Bis in den Mai, im Oberland gar bis Ende Juni, schneit es. Im August ist es nachmittags oft weniger als zehn Grad warm, die Glatt tritt über die Ufer. Bis September vergehen Wochen ohne Sonnenschein. Und im November zieht auch im Flachland der Winter ein. Das Volk darbt, friert, hungert, Nahrung ist knapp.

«Endlich erhielt man kaum mehr ­etwas um bares Geld», schreibt der Zürcher Oberländer Schriftsteller Jakob Stutz in seinen Lebenserinnerungen; er ist zur Zeit des grossen Hungers 15-jährig. Diebe und Räuber gehen um, «Ich fürchtete mich endlich vor meinem ­eigenen Schatten». Und: «Die Menschen wehklagten und welkten dahin in Hunger und Krankheit. Scharenweise strömten die Bettler herbei; ihre blassen, erdfalben, aufgedunsenen Gesichter, die zusammengesunkenen Gestalten, die angeschwollenen Füsse, der matte Gang, o, wie war dies ein Bild des Jammers und entsetzlicher Not!»

200 Jahre danach gedenkt das Zürcher Oberland heuer des «Jahres ohne Sommer»; diese Gegend war zusammen mit der Ostschweiz besonders geschlagen. Im Mittelpunkt der Veranstaltungen steht das Ritterhaus Bubikon. Dort startet morgen die Ausstellung «Schneesommer und Heisshunger». Zu sehen ist etwa das Skelett einer damals 17-jährigen Wäscherin, in deren Knochen sich die Entbehrung nachweisen lässt. Sogenannte Haltelinien zeigen, dass zwischenzeitlich ihr Wachstum stoppte.

Der Tambora-Ausbruch

Ursachen für die Krise gibt es mehrere. Zunächst das desaströse Wetter. Es ist auch in Amerika feststellbar und geht auf den Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora 1815 zurück; durch eine chemische Reaktion in der Atmosphäre kühlt es weltweit drastisch ab.

Dazu kommen im Züribiet menschengemachte Probleme. Die Gesellschaft ist zu jener Zeit in erhöhtem Masse verletzlich. Ab 1814 bricht die Handspinnerei zusammen, zwei Jahre später stellt eine Kommission zur Lage der Betroffenen fest: «Diese Industrie ist gänzlich in ­Abgang gekommen. Diese Leute haben nicht das mindeste Grundeigentum und sind für den Ackerbau untauglich.»

Im Oberland – dies eine weitere Ur­sache des Hungers – ist die Bevölkerung stark gewachsen, während die landwirtschaftliche Produktion seit langem stagniert. Feudalabgaben haben die Bauern über Jahrhunderte stark belastet. Darum haben sie nicht viel in bessere Anbau­methoden investiert. Wozu auch? So steigt nur die Belastung mit Abgaben.

80 Prozent des Einkommens für Lebensmittel

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist die Armut grundsätzlich gegeben. Vor allem unter den landlosen Heimarbeitern und Taglöhnern. Ein Viertel der Menschen gehört zur Unterschicht, die bis zu 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgibt. Steigen die Preise leicht, implodiert das Haushaltsbudget.

Die Preise steigen im Oberland nicht nur leicht, sondern heftig, wie der Historiker Kaspar Kägi in seiner Lizenziats­arbeit an der Uni Zürich zeigt. Ab dem Frühling 1816 erhöhen sich die Preise innert eines Jahres bei der Gerste um 120 Prozent und beim Hafer um 140 Prozent. Essen wird für manche Leute zum ­Luxus. «Viele meiner Schulkameraden erkannte ich nun gar nicht mehr, so sehr waren sie durch den Hunger entstellt», schreibt Chronist Stutz.

Der Nahrungswucherer – «Kind der Hölle» nennt ihn Stutz – wittert in der Katastrophe die Chance. Spekulanten bunkern Getreide und verkaufen nur, wenn der Gewinn optimal scheint. Die Leute, die kein Geld haben, mahlen erfrorene Feldbohnen, brühen Kartoffelschalen auf, essen Brennnesseln, Löwenzahn, Kräuter, Gräser, Wurzeln, ­Hagebutten, Mehl- und Vogelbeeren.

Die Naturforschende Gesellschaft ­Zürich empfiehlt Hunde, Katzen und Frösche zum Verzehr. Tierblut aus dem Schlachthaus ergebe, verfeinert mit ­Kalzium, Salpeter und Gewürzen, eine nahrhafte Suppe.

Klassiker Rumfordsuppe

Vergleichsweise eine appetitliche Sache: die Rumfordsuppe, ein Armenküchen-Klassiker jener Zeit, dessen Name auf einen Grafen Rumford zurückgeht. Die graubraune Pampe besteht aus Graupen, Getreidekörnern, die stundenlang gekocht und mit altem Brot gestreckt werden. In Bäretswil etwa werden in ­wenigen Monaten über 52'000 Portionen Rumfordsuppe ausgegeben.

Die Obrigkeit reagiert mancherorts träge. Die notfallmässige Kornbeschaffung im Ausland etwa dauert zu lang, man hat spät bestellt, die Transportwege sind lang. Der erste Reis aus Sar­dinien trifft erst im Januar 1817 ein. Die staatlich betriebene Arbeitsbeschaffung hat ebenfalls ihre Tücken. Unternehmer und Kaufleute werden angeschrieben. Manche von ihnen stellen tatsächlich Bedürftige an. Allerdings zu grausam ­tiefen Löhnen.

Gerold Koch muss «bättlen»

Der Kleine Rat, so Historiker Kägi, hat spät und zögerlich gehandelt. Dafür wird, als sich die Einbrüche, Diebstähle und Klagen über dreiste Bettler häufen, im November 1816 das Landjägerkorps aufgestockt. Des Weitern appelliert der Rat an die Leidenden, «eine so schwere Prüfung mit ergebener Gelassenheit und christlichem Sinne zu bestehen».

Manche der hablichen Leute zeigen Herz, sie spenden. Wer als Armer eine «Liebesgabe» will, muss oft in der Kirche vorsprechen und sich vor der Gemeinde fromme Sprüche anhören. Manche Leute sind ihrer Lage zum Trotz dafür zu stolz. Andere gehen nicht hin, weil sie keine anständigen Kleider haben. Oder weil sie zu schwach sind für den Weg. Auch verwirken sie ihr Aktivbürgerrecht, wenn sie Almosen annehmen.

Bettler sind ganz von der Hilfe aus­geschlossen: «Der Müssiggänger, der Liederliche, der Bettler muss in diesen für ihn wahrhaft wohltätigen Zeiten sich ­anstrengen lernen, oder ohne Gnade verhungern», heisst es. An manchen ­Orten entstehen neue Armenhäuser, in die Bettler eingewiesen werden. Gerold Koch aus Schwamendingen, in Zürich aufgegriffen, gibt zu Protokoll: «Da ich krank bin, so kann ich nichts verdienen, und suche mich mit dem Bättlen zu erhalten.»

Anders als anderswo in Europa kommt es 1816 und 1817 – die Not hat sich in das Folgejahr fortgepflanzt – in der Schweiz nicht zu Hungerunruhen. Obwohl endzeitlich getriebene Aufrührer unterwegs sind. Bange sind die Behörden, als die deutsch-baltische Aristokratin Juliane von Krüdener in Zürich auftaucht. Die europaweit bekannte apokalyptische Missionarin nennt den Hunger in Flugblättern eine göttliche Strafe, geisselt die Reichen und Mächtigen, erzählt von einem wahrhaft christlichen Reich, das bald kommen wird. Von Krüdener wird rechtzeitig ausgewiesen.

Kinder, matt wie Greise

1817 geht die Zahl der Geburten in den Hungergebieten markant zurück. Manche Leute wollen in der Not keine Kinder zeugen; auch setzt bei vielen Frauen, weil der Körper schwächelt, die Monatsblutung aus. Anderen Leuten verweigern die Behörden das Heiraten, weil die Bedürftigkeit der Familie absehbar ist. In der Hungerperiode sterben in den besonders geplagten Gebieten des Zürcher Oberlands 25 Prozent mehr Menschen als üblich; auch das ist belegt.

Bei Jakob Stutz wird die Not anschaulich. Noch ein Bild von 1816: «Da war jede Lebensfrische bei diesen Kindern verwischt, und in den schönen Frühlingstagen hörte man keines derselben weder singen noch jauchzen; da sassen sie hie und da, still und matt wie Greise, an der Sonne und schauten mit trüben, erloschen Blicken in die Welt hinaus.»

Quellen: Jakob Stutz, «Siebenmal sieben Jahre aus meinem Leben», 1853 bis 1855 erschienen. – Lizenziatsarbeit Kaspar Kägi, «Die Hungerkrise von 1816/17 im Kanton Zürich». – Daniel Krämer, «Menschen grasten nun mit dem Vieh. Die letzte grosse Hungerkrise der Schweiz 1816/17», Dissertation, Schwabe-Verlag.

Erstellt: 31.05.2016, 00:30 Uhr

Die Gedenkanlässe

Ritterhaus Bubikon im Zentrum

Das Hungerjahr 1816 wird im Zürcher Oberland heuer aufwendig erinnert. Ein Verein hat mit den Gemeinden und Schulen viele Unternehmungen angestossen; an allen möglichen Orten gibt es Konzerte, Diskussionsrunden über den Hunger damals und heute oder auch wissenschaftliche Vorträge. Im Zentrum der Aktivität steht das Ritterhaus Bubikon. Dort startet morgen Mittwoch die Ausstellung «Schneesommer und Heisshunger». Am 24. Juni feiert am selben Ort das Musiktheater «Wie die Freud hat auch das Leid sein End» Premiere. Ebenfalls im Ritterhaus gibt es jeden Mittwoch im Juni ein «Mittwochsgespräch» mit Gästen.

Zwei Veranstaltungen von vielen aus der Region: Am 23. Juni führen Primarschüle­rinnen und -schüler in der Mehrzweckhalle Wernetshausen ein Theaterstück zu 1816 auf. Und am 11. Juli erklingt in der reformierten Kirche Dürnten Orgelmusik aus der Zeit der Hungersnot. (tow)

www.zuerioberland-1816.ch

Artikel zum Thema

Als die Schweizer Gras assen

Der gewaltige Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora am 10. April 1815 kühlte weltweit das Klima ab. Das darauffolgende «Jahr ohne Sommer» brachte Hunger und Verarmung – auch in der Schweiz. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Bernerzeitung.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Service

Schnelle Info für zwischendurch

Lesen Sie die Nachrichten aus der Region in Echtzeit.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...