«Es geht darum, Bester zu sein, nicht Erster»

Autoimporteurin Amag investiert in die neue Mobilität. Marketingdirektor Philipp Wetzel erklärt die Beweggründe.

«Eines Tages müssen Sie beim Tanken vielleicht nicht mal mehr aussteigen»: Philipp Wetzel. Foto: Simon Iannelli

«Eines Tages müssen Sie beim Tanken vielleicht nicht mal mehr aussteigen»: Philipp Wetzel. Foto: Simon Iannelli

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Die Autobranche ist um Umbruch. Fürchten Sie sich vor der Zukunft?
Im Gegenteil, ich freue mich darauf. Wenn man die Zukunft mitgestaltet, verliert sie ihren Schrecken.

Der Gestaltungsspielraum, wie gross ist der? Bei der Amag sind Sie davon abhängig, was der VW-Konzern liefert – und der hinkt bei den E-Autos hinterher.
Es stimmt, wir bauen selber keine Autos und hatten bisher nur wenige Elektroautos im Programm. Aber die Volkswagen AG arbeitet mit Hochdruck an ihrer E-Offensive – noch in diesem Jahr startet der Audi e-tron Q6 mit über 600 Kilometern Reichweite. Es geht ja nicht darum, der Erste zu sein, sondern der Beste. Ausserdem wandelt sich die Mobilität nicht nur in puncto Antriebe, es geht auch immer mehr in Richtung Sharing-Economy und Intermodalität. In Zukunft werden wir digitale Planer nutzen, die uns sagen, wann und mit welchen privaten, öffentlichen oder geteilten Verkehrsmitteln wir am schnellsten von A nach B kommen.

Gemäss der Auto-Studie 2018 von Tamedia ist derzeit aber nur etwa ein Viertel der Schweizer Autofahrer an Carsharing interessiert. Das eigene Fahrzeug wird als Teil der Privatsphäre angesehen und daher ungern geteilt.
Das deckt sich mit unseren Erkenntnissen. Wir haben in Befragungen aber auch festgestellt, dass Personen, die eine elektrische Antriebsart wünschen, überdurchschnittlich offen dafür sind. Zudem werden sich die verschiedenen Carsharingmodelle vermischen – wir sehen das bereits im klassischen Rental-Car-Business und auch im Flottengeschäft. Entscheidend ist, dass sich im Mobility-on-Demand-Segment eine integrierte Lösung mit einheitlichem Zahlungssystem herausbildet.

Wie kommen Sie da ins Spiel?
Nebst unserem Engagement bei Europcar investieren wir in Carsharingplattformen wie Sharoo und Catch a Car. Ohne genau zu wissen, wie sich diese Start-ups noch entwickeln werden, wollen wir an vorderster Front dabei sein, um zu lernen und verschiedene Dinge auszuprobieren. Denselben Ansatz verfolgen wir in den Bereichen Connec­tivity, Mobility Services und Automated Driving, wo wir ebenfalls an Start-ups beteiligt sind.

Weil Volkswagen bei den Zukunftstechnologien zu wenig Gas gibt?
Nein, wir sehen das als Ergänzung. Beispielsweise investieren wir in die deutsche Firma Kopernikus, die eine Hardware entwickelt, mit der sich bestehende Autos nachträglich selbstfahrend machen lassen. Immer mehr Neuwagen haben schon ab Werk einen hohen Autonomiegrad, aber bedenken Sie, dass Autos in der Schweiz durchschnittlich acht Jahre alt sind. Im Bereich Connectivity lancieren wir diesen Sommer zudem ein Retrofitsystem, das Telemetriedaten herausliest.

Wozu?
Zum Beispiel, damit das Auto Ihrer Garage direkt meldet, wenn neue Bremsen bestellt werden müssen, oder für vergünstigte Versicherungsprämien, wenn sich bei Ihnen eine besonders ökonomische Fahrweise ermitteln lässt. Eines Tages müssen Sie beim Tanken vielleicht nicht mal mehr aussteigen, weil Ihr Auto weiss, wo Sie wie viel Sprit nachfüllen liessen, und die Kosten direkt von Ihrer Kreditkarte abbucht. Es geht also um Sicherheit, Komfort und Geldersparnis.

Klingt eher nach der totalen Überwachung!
Die Daten werden einsehbar sein und gehören grundsätzlich dem Kunden. Wie heute schon mit dem Smartphone entscheidet er selbst, was mit ihnen geschieht. Wir arbeiten hier mit der Swisscom, einem ausgewiesenen Partner im Umgang mit Daten. Und so ungewöhnlich das sein mag in einer Branche, in der jeder für sich arbeitet: Wir würden uns freuen, wenn beim Aufbau dieses Ökosystems auch andere Importeure an Bord wären.

Entfernen Sie sich nicht allzu weit von Ihrem Kerngeschäft?
Wir sind seit 70 Jahren die erste Schweizer Adresse für die VW AG und werden es auch in Zukunft sein. Aber wir sind ein unabhängiges Unternehmen und haben keine Berührungsängste mit den neuen Entwicklungen. Wir stellen uns auf den Standpunkt: Wenn wir es nicht machen, macht es ein anderer. Die Disruption findet sowieso statt. Man muss bereit sein, seine eigenen Geschäfts­modelle zu hinterfragen, wenn man möglichst unbeschadet aus dem Wandel herauskommen will.

Gerade beim autonomen Fahren sind Sie auch vom Gesetzgeber abhängig. Steht die Schweiz auf der Bremse oder auf dem Gaspedal?
Die Schweiz will den Entwicklungen nicht hinterherhinken, aber es macht auch keinen Sinn, der EU vorauszueilen, solange die Technologien nicht ausgereift sind. Wie ich vom Astra höre, wird es bald eine Gesetzeslockerung in Sachen autonomes Fahren auf der Autobahn geben. Wir werden die Kontrolle über das Auto halten müssen, dürfen aber das Lenkrad loslassen.

Der neuerliche Unfall mit einem selbstfahrenden Uber-Auto dürfte das Interesse der Bevölkerung aber geschmälert haben.
Wir kennen die Umstände dieses Unfalls nicht. Aber man darf auch nicht ausser Acht lassen, dass heute 90 Prozent aller Unfälle menschenverursacht sind. Alle Hersteller befinden sich noch in der Testphase. Bis effektiv vollautonome Fahrzeuge auf dem Markt sind, dauert es noch einige Jahre. Ich bin überzeugt, die Kunden werden die Vorzüge dann zu schätzen wissen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2018, 19:23 Uhr

Zur Person

Philipp Wetzel ist Leiter Marketing & Business Development und Chief Digital Officer der Amag-Gruppe. Er ist Mitglied der Kon­zerngeschäftsleitung und verantwortet die konzernübergreifenden digitalen und New-Mobility-Strategien. Zuvor war der Marketingfachmann Wetzel unter anderem bei Carlsberg Brauereien als General Manager für die Fussball-Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und in Österreich zuständig. (Red)

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