Und dann kommt der Puma

Händels Oratorium «Belshazzar» wird im Zürcher Opernhaus zum multimedialen Experiment – und zur Warnung an die Mächtigen dieser Welt.

Die babylonische Dekadenz macht Spass – den Ausstatterinnen ebenso wie den Sängern. Foto: Herwig Prammer

Die babylonische Dekadenz macht Spass – den Ausstatterinnen ebenso wie den Sängern. Foto: Herwig Prammer

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Und plötzlich verschwimmen die Grenzen zwischen Musiktheater und Aktualität: Am Opernhaus war man in den Endproben zu Händels «Belshazzar», als sich im syrischen Barisha der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi in die Luft sprengte. Als das Pentagon dann die grobkörnigen Bilder der Aktion veröffentlichte, war das Foto des toten Belshazzar schon bereit für die Premiere, für die Grossleinwand auf der Bühne. Im blutigen Unterhemd liegt der tyrannische Kronprinz Babylons da, niemand hat ihm die Augen geschlossen. Ein erniedrigendes Bild. Man meint den persischen Sieger Cyrus sagen zu hören, Belshazzar habe gewimmert vor seinem Tod.

Aber nein, in diesem Fall hat er gesungen. Und gefeiert, gesoffen, gequält. Babylon ist in der Dekadenz versumpft in diesem 1745 in London uraufgeführten Oratorium, das eigentlich nicht gedacht war für eine szenische Umsetzung, sich aber bestens eignet dafür. Die Kostümbildnerin Christina Schmitt hatte sichtlich Spass daran, den zügellosen Babyloniern Glitzerstoffe und Pelzumhänge, Rastafrisuren und tribale Masken zu verpassen. Und auch der Luzerner Tenor Mauro Peter als Belshazzar geht aufs Ganze: Seine Stimme verrät die Lust am Exzess, seine Gestik jene an der Macht.

Mauro Peter geht als Belshazzar aufs Ganze. Foto: Herwig Prammer

Dass seine Uniform mit den vielen Orden sehr an jene erinnert, die der (nach seiner Erschiessung ebenfalls fotografierte) libysche Herrscher Muammar al-Ghadhafi gern trug, ist zweifellos kein Zufall. Sowieso ist gar nichts Zufall in dieser Inszenierung, die am Anfang zeitgeistig chic wirkt und im Lauf der knapp drei Stunden immer brisanter, härter, schärfer wird. Sebastian Baumgarten hat sie entworfen, und er hat dabei einmal mehr nicht gespart mit historischen Andeutungen und Verweisen, mit Zitaten und Montagen, mit theoretischem Über- und multimedialem Unterbau.

Die Geschichte geschieht nicht, sie wird gespielt

Dabei kommt es ihm gelegen, dass Daniel, der Seher und Anführer der in Babylon gefangenen Juden, lange auch als Autor des biblischen Buchs Daniel galt. In Baumgartens Sicht ist dieser Daniel nun ein Regisseur, der einen Film über den Sturz Belshazzars dreht. Die Geschichte geschieht also nicht, sie wird gespielt: ein nicht ganz ungefährlicher Kniff, der dem Stück einiges von seiner Wucht nehmen könnte. Ein nicht wirklich nötiger Kniff auch: Während die Filmeinlagen in Baumgartens Zürcher Inszenierung von Kurt Weills «Mahagonny» den Witz des Stücks schärften, wuselt hier halt jemand mit der Livekamera herum. Es ginge auch ohne.

Aber immerhin, es stört nicht. Denn Baumgarten verliert sich nicht in seinen Ideen und Bildern. Er weiss, was er erzählen will und wie er es tun kann. Auf Barbara Steiners Bühne stellt er den zügellosen Babyloniern hoch disziplinierte persische Angreifer in schwarzem Kunstleder gegenüber: agile Agenten des Guten, das auch nicht über alle Zweifel erhaben ist. Und dann sind da die gefangenen Juden, die Pullis mit Porträts von Karl Marx oder Anna Seghers, von Albert Einstein oder Anne Frank, von Lauren Bacall oder Fritz Lang tragen: als Vertreter einer Geschichte, an die man die Welt derzeit tatsächlich wieder erinnern muss.

Das wirkt umso eindringlicher, als Baumgarten starke Verbündete hat. Den Dirigenten Laurence Cummings vor allem, der mit dem Orchestra La Scintilla eine hoch emotionale, hoch konzentrierte Aufführung gestaltet. Auch den von Janko Kastelic vorbereiteten Chor kann man nur rühmen, für seine klangliche Differenziertheit, für sein gutes Gedächtnis, für seine szenische und musikalische Präsenz.

Es gibt wohl kein schöneres Stück über politische und religiöse Sturheit.

Und schliesslich ist da Georg Friedrich Händel selbst, dessen Musik weit mehr als nur prächtig ist. Schon das erste Rezitativ, das jede Herrschaft als vergänglich beschreibt, müsste man dringend den Mächtigen dieser Welt vortragen. Oder auch das grandiose Duett zwischen Belshazzar und seiner Mutter Nitocris: «Erinnere dich», singen beide – und berufen sich dabei auf ganz unterschiedliche Wahrheiten. Es gibt wohl kein schöneres Stück über politische und religiöse Sturheit.

Erst recht nicht, wenn es so gesungen wird wie hier. Mauro Peter und Layla Claire schenken sich nichts, lassen sich anstacheln vom Orchester und steigern sich gegenseitig hoch zum intensivsten musikalischen Moment des Abends. Den stillsten dagegen liefert die Altistin Tuva Semmingsen als Daniel, deren nicht besonders grosse Stimme in der Schlüsselszene der Prophezeiung wie von innen heraus zu leuchten beginnt.

Den virtuosesten Auftritt schliesslich hat der polnische Countertenor Jakub Józef Orlinski als persischer Prinz Cyrus: Seine Koloraturen, sein athletischer Sprung von der (Berliner) Mauer, sein irrer Eroberungszug auf einem riesigen Puma werden am Ende mit frenetischem Jubel belohnt.

Die Opernhaus-Werkstätten haben sich wieder einmal selbst übertroffen: Jakub Józef Orlinski als Cyrus erobert Babylon auf einem Puma. Foto: Herwig Prammer

Man stimmt ein, und schluckt gleichzeitig leer. Denn dieser Cyrus hat doch sehr irritiert reagiert auf den Chor, der nach seinem Sieg Gott als König ausgerufen hat: Hätte nicht er diesen Titel verdient? Den Lobgesang danach muss er ablesen. Und im Hintergrund flimmern Bilder von Kriegen, Hurrikanen und sinkenden Eisbergen über die Leinwand.

So ist Babylon zwar untergegangen. Aber was danach kommt, hat mit dem in barocken Werken obligatorischen Happy End auch nicht viel zu tun.

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