Erdogans Tanz mit dem Ungeheuer

Mit seiner falschen Toleranz gegenüber Islamisten hat der türkische Staatschef sein Land ins Unglück gestürzt.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hat zugelassen, dass die Türkei zum sicheren Hinterland für Hunderte islamistische Terrorzellen wurde. Foto: Lefteris Pitarakis (AP)

Präsident Recep Tayyip Erdogan hat zugelassen, dass die Türkei zum sicheren Hinterland für Hunderte islamistische Terrorzellen wurde. Foto: Lefteris Pitarakis (AP)

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Der Fastenmonat Ramadan ist für die Muslime die Zeit der inneren Einkehr. Durch Askese hoffen die Gläubigen, den Klang Gottes zu erhören. Sie preisen den Frieden, lesen den Koran, und nach dem Sonnenuntergang feiern sie das Leben, indem sie die leeren Mägen mit allerlei orientalischen Speisen füllen. So weit die Theorie und die Historie.

Für die Terroristen des Islamischen Staates, die offensichtlich hinter dem Anschlag auf den Istanbuler Flughafen stecken, gibt es auch im Ramadan keine Enthaltsamkeit, keine Pause. Vermutlich wird der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan auch nach diesem Massaker, dem vierten in diesem Jahr in der Metropole am Bosporus, aus dem heiligen Buch der Muslime zitieren. Dort heisst es: «Wenn jemand einen Menschen tötet, der keinen anderen getötet, auch sonst kein Unheil auf Erden gestiftet hat, so ists, als töte er die Menschen allesamt.»

Doch solche Zitate, die von Muslimen reflexartig nach jedem Blutbad der Fanatiker verbreitet werden, wirken wie Hohn. Der Islam hat ein Gewaltproblem. Der Koran wird von Terroristen als Lizenz zum Töten missbraucht. Die Muslime sind die häufigsten Opfer der IS-Gewaltorgie. Deshalb müssen vor allem sie eine robuste Antwort finden gegen diese Gefahr. Nur die Opferrolle zu zelebrieren und den Westen zu verteufeln – das verfängt nicht mehr.

Das Kalkül geht nicht auf

Verstörend und besorgniserregend ist, dass einflussreiche Politiker wie Erdogan jahrelang das IS-Ungeheuer ignoriert haben. Noch schlimmer: Mit fast missionarischem Eifer hat der Autokrat in Ankara den Sturz des syrischen Diktators Bashar al-Assad vorangetrieben und dabei zugelassen, dass die Türkei zum sicheren Hinterland für Hunderte islamistische Terrorzellen wurde. Der Flughafen von Istanbul diente den «Gotteskriegern» als Drehscheibe für Reisen nach Syrien oder in den Westen. Der türkische Geheimdienst soll den IS sogar mit Waffen beliefert haben. Wer diese falsche Politik anprangerte, wurde vom zornigen Staatschef als Vaterlandsverräter verunglimpft und von der willfährigen türkischen Justiz eingesperrt.

Erdogans Kalkül war es, mithilfe von Islamisten den Giftgas-Präsidenten in Damaskus zu stürzen, die syrischen Kurden in die Enge zu treiben und die Türkei als neo-osmanische Grossmacht in der sunnitischen Welt zu etablieren. Diese Strategie ist gescheitert. Erdogan hat ohne Not den Friedensprozess mit den türkischen Kurden auf Eis gelegt, die Armee führt seit einem Jahr Krieg im Südosten des Landes. Der Konflikt treibt immer mehr Kurden in die Hände von Terroristen. Mit dem Abschuss des russischen Militärjets, der für ein paar Sekunden in den heiligen türkischen Himmel eingedrungen war, manövrierte sich die Türkei völlig ins Abseits.

Diese Entwicklung war kaum voraussehbar, als Erdogan 2003 mit seiner konservativen AKP-Partei an die Macht kam. In seinem Buch «Strategische Tiefe» hatte der spätere Aussenminister und Regierungschef Ahmet Davutoglu für eine «Null-Probleme-Politik» mit den Nachbarn plädiert. Das funktionierte, solange die Türkei ihren Einfluss realistisch einschätzte, durch Pipelines und visafreie Reisen die Beziehungen zu Moskau, Bagdad und Teheran verbesserte und eine Entspannungspolitik gegenüber den Kurden verfolgte. Noch 2008 waren die Assads ganz nette Nachbarn: Erdogan und seine Frau Emine verbrachten damals im türkischen Touristenparadies Bodrum ein paar Ferientage zusammen mit dem Herrscherpaar aus Damaskus.

Eine gefährliche Mission

Als Ende 2010 der Arabische Frühling begann, machte die Türkei eine Kehrtwende. Erdogan witterte nun die grosse Chance, in die Fusstapfen der osmanischen Sultane zu treten. Als in Kairo der Muslimbruder Mohammed Mursi die Macht übernahm, versprach die Türkei sofort zwei Milliarden Dollar finanzielle Hilfe. Auch in anderen arabischen Staaten unterstützte Ankara verschiedene islamistische Gruppierungen. Die Sorgen der prowestlichen Zivilgesellschaft von Tunis über Kairo bis Damaskus wurden von der türkischen Regierung nicht ernst genommen. Im Westen glaubte man aber, Erdogan werde im arabischen Raum für das laizistische Staatsmodell Atatürks werben. Diese Erwartung erwies sich als Trugschluss.

Erdogan und seine Getreuen wurden lange als «islamische Calvinisten» gelobt. Doch seit den arabischen Aufständen wird klar, dass sie eine Mission haben: Sie wollen nicht nur die Türkei in eine islamische Autokratie verwandeln. Von Bosnien bis Bagdad bauen Erdogans «Entwicklungshelfer» neue Moscheen, finanzieren religiöse Nichtregierungsorganisationen und verherrlichen das Osmanische Reich als Ordnungsmacht.

«Die ganze Welt wartet auf unsere Führung. Weshalb sind wir uns dessen nicht bewusst?», sagte kürzlich Parlamentspräsident Ismail Kahraman vor Parteifreunden, die zum Fastenbrechen zusammengekommen waren. Angesichts dieser Töne klingt es wenig glaubwürdig, wenn der neue Premierminister Binali Yildirim betont, das Ziel der türkischen Nachbarschaftspolitik sei, «die Zahl unserer Freunde zu vergrössern und die Zahl unserer Feinde zu verkleinern».

Erstellt: 29.06.2016, 22:08 Uhr

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