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Eine Stadt dreht durch

2020 ist noch jung, trotzdem: Gut möglich, dass der gestrige «Tatort» aus München der beste des Jahres ist.

Philippe Zweifel
Im neusten Münchner «Tatort» kam der ganze Polizeiapparat zum Einsatz. Foto: Das Erste
Im neusten Münchner «Tatort» kam der ganze Polizeiapparat zum Einsatz. Foto: Das Erste

Manchmal mampfen die «Tatort»-Kommissare eine Currywurst, wenn sie nicht mehr weiterwissen, oder gönnen sich ein Bierchen, nachdem sie irgendeinen Kleinunternehmer geschnappt haben, der seine Frau umgebracht hat, weil ihm die Sekretärin besser gefiel. Mit solch klischierter Polizeiarbeit hatte der neue «Tatort» nichts zu tun. Bereits die erste Szene machte klar: Das wird ein besonderer Film. Zuerst hörte man nur verängstigte Schreie, dann waren Menschen zu sehen, die in einem Stadtbus zwischen den Sitzen kauerten. Im Gang eine Leiche, offenbar der Kontrolleur, der erschossen wurde. Von wem?

Die Passagiere machten komplett unterschiedliche Aussagen, niemand war sich sicher, ob ein zweiter Täter im Bus war. Diese Frage wurde erst recht wichtig, als ein Einsatzkommando später den Täter erschoss und ein Funkgerät sicherstellte. Handelte es sich um einen koordinierten Angriff? Um Terroristen gar? Die Einsatzzentrale beschloss den «Lockdown». Verkehr und U-Bahn gestoppt, die Innenstadt abgeriegelt.

Krimi und Terror-Analyse

Hätte es in letzter Zeit einen echten Terroranschlag gegeben, wäre dieser ultrarealistische «Tatort» kaum ausgestrahlt worden. Der Film namens «Unklare Lage» nimmt klar Bezug auf ein Münchner Trauma. Vor vier Jahren erschoss ein rechtsradikaler Teenager im Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen und dann sich selbst. Der Fall hat sich nicht nur wegen der Toten in den Köpfen der Münchner eingebrannt. Die Panik, dass ein weiterer Täter umging, ergriff die Stadt während Stunden. «Wissen Sie noch, wie die Leute damals abgingen? Wie plötzlich jeder irgendeinen Typen mit ner Knarre gesehen hat?», sagt ein Verdächtiger im Film. «Überall Chaos, und jeder verdammte Idiot hat seine eigene Theorie gepostet.»

Diese Dynamik zeigte der schnell geschnittene «Tatort» hervorragend. TV-Moderatoren, die im CNN-Stil rund um die Uhr berichten, Gaffer mit Handys am Filmen, Verschwörungstheorien und Hinweise auf den sozialen Medien. «Wir haben mehr als 2000 angebliche Tätersichtungen», so der Einsatzleiter. Der ungewöhnliche «Tatort» war so nicht nur Krimi, sondern fiktionale Doku und Analyse der Ereignisse von 2016. Stimmig, dass da neben den Kommissaren Batic und Leitmayer der ganze Polizeiapparat im Mittelpunkt stand – vom Führungsstab über den Bombenentschärfer hin zu den Bereitschaftspolizisten. Als das Chaos blutig endete, hatte keiner von ihnen Zeit, geschweige denn Lust auf ein Bierchen.

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