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Ein Parlament für alle

Globalisierte Wirtschaft – nationale Politik: Es braucht eine Versammlung des internationalen dritten Standes.

MeinungMilo Rau
Ballhausschwur, 20. Juni 1789: Die Vertreter des dritten Standes wollen nicht auseinandergehen, bevor Frankreich eine Verfassung besitzt. Foto: Getty Images
Ballhausschwur, 20. Juni 1789: Die Vertreter des dritten Standes wollen nicht auseinandergehen, bevor Frankreich eine Verfassung besitzt. Foto: Getty Images

Am 17. Juli 1790 betrat ein Mann namens Anacharsis Cloots die Pariser Nationalversammlung in Begleitung von 36 Bürgern, die er als «Deputation des Menschengeschlechts» in exotische Kostüme gekleidet hatte. Sie sollten bezeugen, dass die Welt der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte für die französische Nation – die knapp ein Jahr zuvor erfolgt war – Gefolge leisten werde.

Soweit unterrichtet uns die Geschichtsschreibung über jenen 17. Juli, als erstmals die Idee eines Weltparlaments aufkam. Cloots’ Gedankengang war simpel: Warum sollten die Menschen- und Bürgerrechte nur für Frankreich gelten? Und nicht für die ganze Welt? Warum also sollte es nicht ein Weltparlament geben, in dem alle Menschen, alle Interessengruppen, egal, welchen Standes und welcher Hautfarbe, als Deputierte vertreten wären?

«In der Tradition der 1789 gegründeten Pariser Nationalversammlung soll so endlich der globale ‹dritte Stand› zu Wort kommen.»

Das Überraschende an all dem ist: Cloots’ im Grund keineswegs radikaler Einfall wurde bis heute nicht umgesetzt. Natürlich gab es alle möglichen Deklarationen für internationale Menschen- oder Minderheitenrechte, aber nie eine reale politische Vertretung für alle Weltbürger. Während die nationalen Wirtschaften und damit die jeweils partikularen politischen Entscheidungen sich seit der Französischen Revolution globalisiert haben, blieb die Politik strikt national.

Warum also, dachten wir uns, Cloots’ Idee nicht endlich umsetzen? Zusammen mit vielen anderen Aktivisten und Intellektuellen arbeiten wir seit einigen Monaten an der Realisierung dieses demokratischen Menschheitstraums. Und wie immer, wenn man eine Sache in die Hand nimmt: Ende 2017 wird unsere ­«Generalversammlung» in Berlin, der ökonomischen und realpolitischen Hauptstadt der EU, 120 Abgeordnete aus der ganzen Welt versammeln.

«Als ausländischer Spion angeklagt, starb Cloots am 24. März 1794 unter der Guillotine. Wieder hatte die Machtpolitik der Nationen gesiegt.»

In der Tradition der 1789 gegründeten Pariser Nationalversammlung soll so endlich der globale «dritte Stand» zu Wort kommen. Jene geschätzten 95 Prozent der Menschen, die in den nationalen Parlamenten nicht vertreten, von ihren Entscheidungen aber betroffen sind: Geflüchtete, Arbeitsmigranten, Grenzgänger, die Nachgeborenen, Kriegsopfer, Textil- und Minenarbeiter, die Kleinbauern, die Wirtschafts- und Klimaflüchtlinge oder die Opfer des sich anbahnenden Ökozids – die Liste liesse sich ins Unendliche fortsetzen. Jeder sei hiermit aufgerufen, sich uns anzuschliessen.

Und das Weltparlament von Cloots? Cloots, ein Berliner, der sich «der Preusse» nannte, wurde als «Sprecher des Menschengeschlechts» vorerst sehr populär. Sein Preussentum wurde ihm jedoch zum Verhängnis, als das konservative Preussen das revolutionäre Frankreich angriff. Als ausländischer Spion angeklagt, starb Cloots am 24. März 1794 unter der Guillotine. Wieder einmal hatte die Machtpolitik der Nationen über den Internationalismus gesiegt.

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