SVP-Frau sagt nicht Nein, Martullo schreit, Sommaruga siegt

Eine Frauenquote schien in der Schweiz unmöglich. Und am Donnerstag? Da war plötzlich alles anders.

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Bundesrätin Simonetta Sommaruga ist ein beherrschter Mensch. Selten nur hat man das Gefühl, da geschehe etwas mit ihrem Körper, ihrem Gesicht, das nicht genau so beabsichtigt war. Am Donnerstagabend, kurz vor 18 Uhr, riss Sommaruga die Augen auf, liess den Kopf nach hinten fallen, schaute beseelt und ungläubig zur Decke des Nationalratssaal.

Geschafft.

Es war nur ein Moment, keine zwei Sekunden, und es war eine Zusammenfassung. Fünf Jahre Kopfschütteln. Fünf Jahre Unverständnis. Fünf Jahre Angriff.

Im Dezember des Jahres 2013 wurde ein ähnlicher Vorschlag für eine Frauenquote – 40 Prozent in Verwaltungsräten von börsenkotierten Unternehmen – im gleichen Saal noch grandios versenkt. Quoten seien der falsche Weg, um Frauen zu fördern, argumentierten die Gegner. Es könne ein Nachteil sein, als «Quotenfrau» zu gelten, und ist es nicht paternalistisch, frauenfeindlich sogar, wenn der Staat die Frauen so unterstützen müsse?

Ein Furz aus Skandinavien

So waren die Argumente damals. Und so blieben sie bis heute. Im «Erfolgsmodell» Schweiz hält sich der Staat grundsätzlich raus aus der Wirtschaft. Die Frauenquote: ein Furz aus Skandinavien.

So gesehen lief es jeder politischen Vernunft zuwider, als Sommaruga im November 2014 einen neuen Anlauf nahm. Die Ablehnung ihrer Idee: gegen 100 Prozent. «Hochkant» werde diese Quote im Parlament abgelehnt, hiess es bei der FDP. Die CVP twitterte entschlossen dagegen. «Hinter der Vorlage steht nur die Partei der Bundespräsidentin», schrieb die «Weltwoche» und bei Economie­suisse gab es nur ein Wort, dafür mit ­Ausrufezeichen: Bevormundung! Der Rechtsrutsch bei den Wahlen 2015 beendete die Diskussion endgültig. Eine Frauenquote würde es mit diesem Parlament niemals geben. Das war Gewissheit.

Wer glaubt an Zufälle?

Bis zum Donnerstag. Bis zu jenem Augenblick, als Sommaruga zur Decke schaut. 95:94 lautet das Ergebnis. Differenz: eine Stimme. Entscheid: pro Quote.

Natürlich ist es ein Zufallsergebnis. Wer hätte ahnen können, dass Quotengegner Roger Köppel alle Abstimmungen dieses Nachmittags schwänzen würde? Oder dass einige freisinnige Skeptiker kurz vorher den Saal verlassen?

Andererseits: Wer glaubt schon an Zufälle? Hat Sommaruga nicht einfach einen gut dosierten Vorschlag vorgelegt? Zeigte der Schillingreport zum Zustand der Spitzen der Schweizer Wirtschaft nicht gerade kürzlich, dass der Frauenanteil wieder sinkt? Dass die CVP binnen weniger Jahre von der Quotengegnerin zur Anhängerin wurde – kann das wirklich Zufall sein?

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Kaum. Der Entscheid pro Quote ist ein hartes Stück Arbeit. Geleistet haben es Frauen aus allen Parteien. Manche hinter den Kulissen, manche im Scheinwerferlicht. Manche blieben über Jahre dran, andere nahmen im entscheidenden Moment einen hohen Preis in Kauf.

Zum Beispiel Alice Glauser. Eine 63-jährige Bäuerin aus der Region Yverdon, die seit zwei Jahren im Nationalrat sitzt, aber mit ihrer ruhigen Art beinahe verschwindet in den Reihen der SVP.

An diesem Donnerstagabend kurz vor 18 Uhr hingegen sticht sie hervor. Bei der Quotenabstimmung drückt sie auf Enthaltung. Als Einzige ihrer Fraktion. Ein weisser Fleck in einem roten Meer.

«Ich muss die Fraktion bitten, ihre Diskussionen draussen zu führen!»Dominique de Buman, Ratspräsident

Und schon schwillt ein Geschrei an in den Reihen der SVP. «Hee, Hee!», tönt Magdalena Martullo. «Alice!», ruft Thomas Hurter. Céline Amaudruz springt auf, stürmt nach vorn und beginnt auf Glauser einzureden, gestikuliert immer heftiger. Es wird so laut, dass Ratspräsident Dominique de Buman einschreitet. «Ich muss die Fraktionen bitten, ihre Diskussionen draussen zu führen!»

Alice Glauser bleibt still. Sie mustert ihre Unterlagen. Die Hand, mit der sie zuvor für Enthaltung stimmte, verbirgt sie unter ihrem Pult. Nach der Abstimmung muss sie sich in einem Nebenraum vor Fraktionsmitgliedern erklären. Die Rufe hört man durch die Tür hindurch.

Am nächsten Morgen hat sich die Aufregung etwas gelegt. «Wir sind nicht hier, um uns immer einig zu sein», sagt sie, «Aber ja, Martullo war wütend.» Dann ­kichert sie. An ihrem Entscheid hält sie aber fest. «Zu dieser Quote konnte ich einfach nicht Nein sagen. Sie ist so sanft! Wir müssen jetzt diesen Schritt machen.»

Glauser: «Ich bin eine Feministin»

Die Frage nach dem Warum führt zu Glausers Lebensgeschichte. Aufgewachsen ist sie in einer Grossfamilie. Fünf ­Buben, vier Mädchen. Alle seien immer gleichberechtigt gewesen. «Beim Lernen, beim Arbeiten, beim Feiern.» Als sie ­später ihren Mann heiratete und Bäuerin wurde, dachte sie, es ginge so weiter. «Ein Irrtum. Obwohl wir den Hof gemeinsam betreiben, gehört er meinem Mann. Wir Bäuerinnen sind auch beim Lohn und den Sozialversicherungen benachteiligt. Im Grunde sind wir Bäuerinnen Schwarzarbeiter. Diese Erfahrung hat mich geprägt. Deshalb setze ich mich für die Frauen ein. Ich bin eine Feministin.»

Auf der anderen Seite des Ratssaals stimmt kurz vor 18 Uhr auch Irène Kälin für die Quote. Am Mittwoch der letzten Woche befand sich die grüne National­rätin noch im Geburtszimmer. Sie bringt einen Sohn zur Welt. Eine Woche lang bleibt Kälin bei Kind und Mann. An diesem Donnerstag aber kehrt sie ins Bundeshaus zurück und pendelt den ganzen Tag hin und her. Zwischen Nationalratssaal und ihrer Berner Wohnung. Eine halbe Stunde hier, eine gute Stunde dort. Hier stimmen, dort stillen.

Jede Stimme zählt

«Alles gut», sagt Kälin. Keine Beschwerden. Keine Probleme. Der Papa hütet. Geht schon. Muss ja. Aber doch, ein ­Dilemma gebe es schon, sagt Kälin. «Eigentlich bin ich der Überzeugung, dass Frauen den Mutterschaftsurlaub konsequent einhalten sollten. Nur so wird sichtbar, wie viel die Frauen leisten und wie schwierig die Vereinbarkeit von Beruf oder Politik und Familie heute noch ist. Aber heute mache ich eine Ausnahme. Wir brauchen jede Stimme.»

Kälin war nicht immer eine Anhängerin der Idee. Niemand wolle eine Quotenfrau sein, sagt sie. «Irgendwann habe ich aber begriffen, dass bei uns Grünen mit unseren streng paritätischen Listen jede Frau eine Quotenfrau und jeder Mann ein Quotenmann ist. Es ist ein System, das funktioniert.» Und was hält sie von der jetzt beschlossenen Quote? Eine kleine Revolution für die Schweiz? Oder ein Witz? Kälin: «Für dieses Parlament ist es ein sehr grosser Schritt. Für die Frauen in der Schweiz leider nur ein kleiner.»

Als Christa Markwalder um 18 Uhr das Resultat sieht, huscht ihr die Erleichterung übers Gesicht. Wenn Simonetta Sommaruga die Mutter dieser Quoten­lösung ist, dann ist Christa Markwalder die Gotte. Die Berner FDP-Nationalrätin brachte die Idee ein, die Regelung mit einem Verfalldatum zu versehen. Nach zehn Jahren würde die Quote ausser Kraft gesetzt. Besonders bei Liberalen kommt das gut an. Im Frühling 2017 überzeugt Markwalder die FDP-Frauen, ein halbes Jahr später holt sie mit anderen FDP-Stimmen eine Mehrheit in der nationalrätlichen Rechtskommission. Ein wichtiger Vorentscheid für den Sieg vom Donnerstag – auch wenn das Verfalldatum in der aktuellen Lösung nicht mehr dabei ist.

«Erklären und informieren, immer wieder von neuem.»Kathrin Bertschy, GLP-Nationalrätin

Warum sie sich als Freisinnige so für die Quote engagiert? «Wir sehen einfach kaum Fortschritte beim Frauenanteil in den Chefetagen», sagt sie. «Geht es in dem Tempo weiter, dauert es bis etwa 2150, bis wir eine gleichmässige Vertretung haben. Das dauert mir zu lange.»

«Ich wusste nicht, ob es ein Ja oder ein Nein gibt. Ich wusste nur, dass es auf ein oder zwei Stimmen ankommt», sagt Kathrin Bertschy. Seit mehreren Jahren arbeitet die GLP-Nationalrätin mit der Frauenorganisation Alliance F hinter den Kulissen für mehr Akzeptanz für die Quote. Das sei Knochenarbeit, sagt Bertschy. «Erklären und informieren, immer wieder von neuem.» In den letzten ­Tagen hätten die Frauen im Parlament zuweilen auch ein bisschen List und Druck eingesetzt. «Anders geht es nicht in einem bürgerlich dominierten Parlament mit 70 Prozent Männeranteil.»

Von der Quote erwartet Bertschy keine Wunder. Wichtiger findet sie das Sig­nal. «Dieses Parlament anerkennt: Frauen werden beim Aufstieg in der Arbeitswelt diskriminiert. Es gibt ein strukturelles Problem, gegen das man ­etwas unternehmen muss.» Und das sei doch schon ein recht grosser Erfolg.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2018, 10:17 Uhr

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