«Oh mein Gott, was tust du, Bub?»

Hannes Trinkl ist im Männerski für die Speed-Disziplinen zuständig. Der Weltmeister von 2001 sagt vor der Abfahrt in Garmisch, wieso in Kitzbühel spät abgebrochen wurde und er sich überlegt, aufzuhören.

Nach Stürzen wie jenem von Aksel Svindal auf der Streif fragt sich der Fis-Verantwortliche Hannes Trinkl: «Ist es richtig, was wir machen?» Foto: Foto-Net

Nach Stürzen wie jenem von Aksel Svindal auf der Streif fragt sich der Fis-Verantwortliche Hannes Trinkl: «Ist es richtig, was wir machen?» Foto: Foto-Net

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Wie haben Sie in den letzten Nächten geschlafen?
Nicht gut. Egal, wer stürzt, wer sich wehtut, es ist das, was wir nicht wollen. Heuer hatten wir extrem viele Stürze, sehr viele Verletzte, das ist nicht lustig. Wir stellen uns ­täglich die Frage: Ist es richtig, was wir machen?

War es richtig, in Kitzbühel nicht nach Svindals Sturz abzubrechen, ­sondern erst nach der Nummer 30?
Ich hatte nur zwei Minuten Zeit, um zu entscheiden. Es wurde etwas heller, und ich schaute auf die Startliste. Die Fahrer unter den ersten 30 kann ich einschätzen, die Jungen danach nicht. Der Italiener Mattia Casse etwa, der im Training sauschnell war, der hätte zu 100 Prozent attackiert. Drei Leute im Netz, das war für mich aber schon mehr als genug.

Die drei Gestürzten sind 33-, 34- und 35-jährig. Das Argument mit dem Alter ist fragwürdig.
Georg Streitberger hatte sich vorher verletzt und stürzte erst dann. Hannes Reichelt und Aksel Svindal haben sich beim Sturz wehgetan, ja. Aber da war die Sicht am schlechtesten. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass Routiniers eher einschätzen können, was geht und was nicht.

Wieso haben Sie nicht unterbrochen, wenn die Sicht so schlecht war?
Ich unterbreche, dann wird es hell, ich unterbreche zu spät, dann ist es dunkel. Es kann unheimlich schnell gehen.

30 Fahrer: Genau so viele braucht es, um ein Rennen zu werten. Wie gross ist der Druck der Veranstalter?
In Kitzbühel gab es null Druck. Als ich an der Hausbergkante stand, wäre mir das ohnehin wurscht gewesen. Ich habe nur geschaut, was man tun kann. Von der Sicht her war es dort schon wesentlich schlechter als am letzten Samstag. Und: In dieser Kurve durfte man noch nie einen Fehler machen.

Haben Reichelt und Svindal zu viel riskiert?
Natürlich riskierten sie, sie hatten ja auch die Chance, zu gewinnen. Ich hätte das genau gleich gemacht.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Stürze sahen?
Ich habe schon als Athlet nie hingeschaut. Natürlich sind das für die Fahrer am Start keine lustigen Momente, aber dann muss man halt die Stöcke in die Hände nehmen und sagen: «So: Und jetzt wirst du richtig auf dem Ski stehen, die Körperspannung hochhalten!» Man muss Körper und Geist drillen. Wenn ich am Start einen Helikopter hörte, versuchte ich immer, es zu verdrängen und mir zu sagen: «Da hat wohl einer etwas gemacht, was er nicht hätte tun sollen.»

Reichelt sagte, man solle wieder mehr auf die Sicherheit und weniger auf die Show achten.
Ich verstehe nicht, was er mit Show meint. Das hat gar nichts mit uns zu tun: Ich bin zuständig für Piste und Sicherheit.

Sie wurden 2014 engagiert, um die Strecken attraktiver zu machen. Was hat das mit Sicherheit zu tun?
Wenn man die Kurse eckiger setzt wie zuletzt, werden sie nicht sicherer, weil die Athleten brutal hohe Fliehkräfte ­haben und schneller ermüden. Ich will die Geschwindigkeit in den Griff kriegen, indem ich sie aus der Hocke zwinge, etwa mit Wellen. Und in der Luft werden sie auch nicht schneller, deshalb baue ich auch Sprünge ein.

Wie schwierig ist die Gratwanderung zwischen Spektakel und Sicherheit?
Die gab es immer, schon vor 30 Jahren. Als sie angefangen haben, Autobahnen zu präparieren, wurde es fad. Die Fahrer waren unkonzentriert, es wurde gefährlich. Dann kamen wir nach Bormio, wo es immer brutal hart ist mit wenig Licht und unheimlichen Schlägen, und dort passierte am wenigsten.

Sie mochten ruppige Pisten. ­Schliessen Sie von sich auf andere?
Nein, ich weiss, dass die Jungs das nicht mehr mögen. Deshalb versuche ich, die Pisten so ruhig wie möglich zu machen – auch in Kitzbühel.

Beeinflussen Unfälle Ihre Arbeit?
Sicher. Was glauben Sie, wie ich geschwitzt habe, als ich hier nach Garmisch kam? Vor dem ersten Training waren alle hoch nervös, die Trainer, die Veranstalter und ich natürlich auch.

Bibbern Sie mit den Fahrern mit?
Ja. Ich stand während des Trainings am Donnerstag beim Seilbahnstadelsprung und hoffte, dass sich keiner tragen lässt oder in Rücklage gerät. Dann kam der eine Kanadier (Tyler Werry). Ich sah, wie er immer weiter nach hinten ging, und dachte nur: Oh mein Gott, was tust du, Bub? Geh nach vorne! Es war grauslig.

Viel Spass scheint Ihre Arbeit nicht zu machen.
Nein, wirklich nicht. Jeden Tag wartet eine neue Herausforderung, jeden Tag schwitze ich.

Was ist Ihre Motivation?
Ich hatte Erfolg in diesem Sport, ein schönes Leben, ich möchte etwas ­zurückgeben und ihn weiterentwickeln. Vielleicht war das eine Dummheit von mir.

Sie wollen nicht mehr?
Ich muss mir das überlegen. Momentan tue ich mich brutal schwer.

Wegen der Vorfälle in Kitzbühel?
Es ist immer schwierig, wenn sich jemand wehtut. Dann frage ich mich jedes Mal: Macht das Sinn?

Fühlen Sie sich mitschuldig?
Ja, wie der Trainer. Der fragt sich auch: Habe ich falsche Informationen geliefert? Selbst wenn keiner etwas dafür kann, man denkt trotzdem: Musste das passieren? Haben wir einen Fehler gemacht?

Was hat sich bezüglich Sicherheit seit Ihrem Rücktritt 2004 getan?
Gott sei Dank wurde es massiv besser. Mit den Gleitplanen, mit den Netzen. Und wir versuchen, die Kurssetzung anzupassen, etwa, wenn an einer Stelle die Gefahr besteht, dass die Piste bricht.

Was halten Sie vom Airbag?
Das ist ein super Anfang. Jetzt muss er weiterentwickelt werden, damit er auch den Nackenbereich schützt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2016, 23:31 Uhr

«Ich habe schon als Athlet nie hingeschaut», sagt Hannes Trinkl (47).

Garmisch

Rennen nicht in Gefahr

Die Temperaturen in Garmisch sind hoch. Tagsüber klettern sie bis weit in die Plusgrade. In der Nacht auf Freitag regnete es zudem – auch über der Kandahar-Piste. Nach der Besichtigung der Strecke am Morgen war die oberste Schicht der Unterlage derart beschädigt, dass das zweite Training abgesagt werden musste, um sie zu schonen. Die Organisatoren erwarteten aber eine klare Nacht und für heute gutes Wetter, weshalb das Rennen nicht in Gefahr sein soll. Das Schweizer Trio, das mit den Rängen 2, 3 und 5 in Kitzbühel überraschte, startet mit den Nummern 8 (Beat Feuz), 15 (Carlo Janka) und 23 (Marc Gisin).

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