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Die Zukunft wird auf irgendwann verschoben

In Kuba beginnt die Zeit nach Castro, aber noch nicht die Zukunft. Die Greise der Revolution harren aus.

Der neue Präsident, Miguel Diaz-Canel (l.), ist selbst schon ergraut – aber von Greisen umgeben. Foto: Laif
Der neue Präsident, Miguel Diaz-Canel (l.), ist selbst schon ergraut – aber von Greisen umgeben. Foto: Laif

Alle paar Jahre holt jemand einen neuen, letzten Sargnagel für Kuba hervor. Der Tod der Sowjetunion, Fidels Rückzug ins Krankenbett, Obamas Charmeoffensive, Venezuelas Absturz, und jetzt Raúls Rücktritt: Stets hiess es, das sei jetzt der Anfang vom Ende des «Castrismo» in Kuba. Fehlanzeige. Seit gestern weiss die Welt – es bleibt noch etwas Zeit, dem kubanischen Sozialismus beim Sterben zuzusehen. Die Greise der Revolution haben es einmal mehr geschafft, die Zukunft auf irgendwann zu verschieben.

Der 86-jährige Raúl Castro wollte mit gutem Beispiel vorangehen. Er signalisierte in den letzten Jahren, dass es Zeit ist für die Alten, zu gehen und Jüngeren Platz zu machen. Sie sollten die ungelösten Probleme und aufgeschobenen Reformen übernehmen, welche der General und seine Gerontokratie nicht lösen und umsetzen wollten. Raúl zimmerte dafür eine Altersguillotine: Zwei Amtszeiten von je fünf Jahren in der Regierung, dann ist Schluss.

Und nun das: Nur Raúl und mit ihm ein anderer Alt-Revolutionär haben sich an die Vorgabe gehalten und sind aus der Regierung zurückgetreten. Die anderen runzligen Urgesteine in ihren olivgrünen Uniformen bleiben in der Regierung. Diese altersschwachen, aber immer noch scharfen Wachhunde sind Kubas Grossmeister der Zeitverzögerung. Sie werden dafür sorgen, dass der von Raúl ausgewählte, neue Staatschef Miguel Díaz-Canel auf keine falschen Ideen kommt – oder diese zumindest nicht umsetzt.

Machtkämpfe im Hintergrund

Das bisschen Geschiebe in Kubas Führungsetage zeigt: Raúl hat die absolute Macht im Land verloren. Es ist so etwas wie die späte Rache eines pyramidalen Systems, das Fidel und Raúl selbst erschaffen haben. Oben die Castros, unten ein Heer von halsstarrigen Revolutionären, steifen Militärs und selbstherrlichen Parteibonzen. Sie alle wollen nur eins: ihre Pfründen und Privilegien verteidigen, die Macht und Kontrolle nicht verlieren.

Nach aussen wird nach wie vor Einheit demonstriert. Die 600 Mitglieder des Scheinparlaments haben die neuen Regierungsmitglieder wie üblich mit 99,83 bis 100 Prozent Zustimmung abgenickt. Zwei Tage lang wurde applaudiert und betont, das ganze Land stehe wie ein Mann hinter der Revolution. Die Wahrheit, die vom Staat und seinen Medien verschwiegen wird, aber ist eine ganz andere. Der Zersetzungsprozess, der im Land und Volk seit vielen Jahren fortschreitet, hat nun auch in der Nomenklatura begonnen. Die Machtkämpfe im Hintergrund sind gewaltig zwischen jenen Kräften, die mit Reformen das Land voranbringen möchten, und jenen, die nichts verändern wollen.

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Zwei Brüder, ein Herrscher

In Kuba endet die Ära Castro: Raúl tritt als Staatschef ab. Er stand bis zum Schluss im Schatten seines grossen Bruders Fidel. (Abo+)

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Die Blockierer und Bremser haben in den letzten zwei Jahren wieder die Oberhand bekommen. Die Gründe: der Besuch Obamas, die neue Schicht von Neureichen, die dank Raúls zaghaften wirtschaftlichen Reformen die lahme Staatswirtschaft alt aussehen lassen, der Tourismus und das Internet, die wachsende Unzufriedenheit im Volk, das immer mehr von der Welt weiss, was es früher nur ahnte: All das hat die Starrköpfe und Angsthasen in den Führungsetagen erschreckt und gleichzeitig gestärkt. Sie haben das fast Unmögliche geschafft: Raúls Minireformkurs im Zeitlupentempo zu verlangsamen.

Dringende Reformen verschoben

Raúl Castro geht geschlagen – und bleibt geschwächt an der Spitze der Partei. Seine härtesten Widersacher haben angeblich bereits den Rachefeldzug begonnen gegen einige der Seinen, die er in einflussreiche Positionen geschoben hat. Das neuste Gerücht: Raúls Sohn, Alejandro, eine der mächtigsten Figuren im Hintergrund, stecke bereits im «Plan Pyjama». Bedeutet in Kuba: Der Mann wurde von allen seinen Posten entfernt und kaltgestellt. Wenn das stimmt, heisst das nicht Gutes für die Stabilität in Kubas Machtgebälk.

Pessimisten malen schwarz. Mit dieser neuen halben Regierung mit einem Staatschef umzingelt von starren Greisen werde sich nichts bewegen. Tatsächlich ist die Gefahr gross, dass Kubas viele Herren der Macht sich gegenseitig blockieren könnten und so die dringend anstehenden Reformen weiter vor sich herschieben. Die Optimisten hoffen, dass Raúl im Halbruhestand und seine Alten nun dem neuen Staatspräsidenten erlauben, die Altlasten abzutragen, die sie wegen ihres «historischen Kompromisses» mit Fidel und der Revolution nicht antasten wollten.

Dass in Kuba das Ende des Sozialismus naht, ist ein alter Running Gag. Er bleibt uns wohl noch ein Weilchen erhalten.

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