Die Knutschkugeln kommen

Sie heissen Microlino, Bicar und Snap – und bald gehts los. Mit diesen Stadtmobilen wollen Zürcher Unternehmer den Verkehr revolutionieren.

Bereits 8000 Reservationen: So wirbt der Küsnachter Unternehmer für den Microlino
Video: Microlino/Youtube

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Im milden Klima Kaliforniens setzen dort ansässige Start-ups wie Lime, Bird oder neuerdings auch Taxi-Revolutionär Uber aufs Zweirad, wenn sie sich auf die Zukunft der städtischen Mobilität konzentrieren. In Zürcher Entwicklungslabors setzt man hingegen auf drei oder mehr Räder. Und – aus Erfahrung mit städtischen Winterstürmen – auf eine geschlossene Fahrkabine.

Mit Erfolg: An einem kühlen Januarabend präsentierten der Küsnachter Erfinder der Micro Scooter und Kickboards, Wim Ouboter, und seine zwei Söhne im Zürcher Kaufleuten das Vorserien-Modell des Microlino, eines Stadtautos für zwei Personen. Drei Jahre hatte die Entwicklung gedauert. Anfang Juli 2018 bestand das kleine Gefährt die letzten Tests für die europäische Strassenzulassung. 8000 Reservationen für das Elektromobil im Retrodesign zeugen von der Anziehungskraft der Küsnachter Idee. Die Menschen haben sich darin verliebt, schon Monate bevor es überhaupt zu kaufen ist.

Die Küsnachter Knutschkugel

Die Produzenten des Microlino lehnen sich beim Design an die legendäre Isetta an, das Rollermobil der italienischen Firma Iso Rivolta aus den 50er-Jahren, auch «Knutschkugel » genannt. Das Gefährt erreicht eine Maximalgeschwindigkeit von 90 Kilometern pro Stunde und hat eine Reichweite von bis zu 120 Kilometern. Der Preis liegt zwischen 13'000 und 14'000 Franken. Der Microlino bietet zwei Passagieren Platz und weist 300 Liter Stauraum auf, was etwa dem Kofferraumvolumen eines Kleinwagens entspricht. In der ehemaligen Fabrik der Getränke AG Obermeilen richtet das Unternehmen derzeit ein «Brandcenter» ein, das gleichzeitig Lager, Ausstellungsfläche, Bar und Lounge wird.

Der geplante Produktionsstart beim italienischen Autobauer Tazzarini diesen Sommer haben Ouboters zwar verpasst, doch «wenn nicht im Dezember, dann spätestens im Januar 2019» gehe es los, sagte Oliver Ouboter kürzlich in der «Zürichsee-Zeitung».

Zwischen Töff und Auto

Etwas weniger weit, aber plötzlich schneller unterwegs als kürzlich angekündigt, sind Adrian Burri und Hans-Jörg Dennig, die mit ihrem Bicar den städtischen Verkehr revolutionieren möchten. Doch immerhin: Version 3.0 ihres dreirädrigen «Goldenen Eis» steht in den Hallen der Zürcher Schule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Rohform parat. Das Fahrzeug wird die Zulassungskriterien für den Strassenverkehr erfüllen, damit können sie den Prototyp nach der Prüfung des Bundesamts für Strassen erstmals auch draussen in der Stadt testen.

Der Bicar (zusammengesetzt aus Bike und Car) ist ein dreirädriger elektrischer Kabinenroller für eine Person, konzipiert von einem interdisziplinären Forschungsteam der Hochschule. Für eine mehrmonatige Pilotphase, die spätestens Ende 2019 starten soll, sind Unternehmen wie der Fahrzeughersteller Kyburz, Postauto oder Bosch Car Service mit im Boot, ebenso die Stadt Winterthur, wo die erste Flotte aller Wahrscheinlichkeit nach fahren wird. Für eine spätere Serienproduktion laufen Gespräche mit Firmen in der Schweiz, Italien und Polen, ein Unternehmen in Slowenien soll den kleinen Radnabenmotor für das Hinterrad des Bicar entwickeln.

Das Auto, das auf dem Trottoir stehen darf

Im Bicar aus Winterthur lenkt der Fahrer wie bei einem Motorrad, sitzt jedoch auf einem Sitz mit Nackenstützen, gesichert mit einem Dreipunktgurt wie im Auto. Dank der nach hinten offenen Kabine ist der Bicar allwettertauglich, bietet zudem Platz für zwei Einkaufstaschen an der Front und erreicht eine Geschwindigkeit von 45 km/h. Eine Batterieladung reicht für über 20 Kilometer, abgestellt braucht das Mini-Mobil gerade einmal ein Achtel der Abstellfläche eines Autos.

Der Bicar kann überall parkiert werden, wo für Fussgänger noch eine Trottoirbreite von 1,5 Metern bleibt, weil er weniger als 100 Kilogramm wiegt und so der gleichen Klasse angehört wie Motorfahrräder oder Elektrobikes. Der Lenker braucht lediglich den «Töffli»-Ausweis. Gedacht ist das Gefährt für die letzte Meile, also etwa um vom Bahnhof ans Ziel der Reise zu fahren. Bicar soll deshalb in erster Linie als Teil eines Sharing-Netzwerks zum Einsatz kommen.

Vom Agentenmobil zur Transportrevolution

Der Zumiker Frank Rinderknecht sieht sich anders als die Küsnachter und Winterthurer in erster Linie als Ideengeber für die Industrie. Jedes Jahr stellt der Automobilentwickler ein Konzeptauto am Genfer Auto-Salon vor. Tüftelte er vor zehn Jahren noch an Gefährten, die mit Tragflächen ausgestattet effektvoll auch übers Wasser gleiten konnten oder wie das Gefährt des Geheimagenten James Bond sogar abtauchten, so entwickelte Rinderknecht in den vergangenen Jahren vermehrt Konzepte für die vernetzte urbane Mobilität. Zuletzt die Studie Snap, ein elektrisches, selbstfahrendes Chassis, dessen Aufbauten abgekoppelt werden können. Dabei kann es sich um eine Fahrkabine für zwei Personen handeln oder eine Kühleinheit für den Transport von Frischwaren. Das «Snap» genannte Gefährt fand Nachahmer in Form von Konzepten der etablierten Hersteller, gemäss Rinderknecht laufen bereits Gespräche mit Investoren.

Snap und weg ist er

Der Snap und der Snap micro von Frank Rinderknecht sind das bisher ernsthafteste Konzept des Küsnachter Automobiltüftlers. Der Clou: Die teuren und dem Verschleiss ausgesetzten Komponenten befinden sich in einer Art Skateboard, das möglichst dauernd in Bewegung ist. Der Aufbau, der sogenannte Pod, der als Fahrkabine, als Kühlcontainer oder alternativ als Sauna-, Arzt- oder Partypod ausgelegt ist, kann am Bestimmungsort verbleiben, auch längere Zeit – als Teil einer vernetzten Stadt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2018, 11:29 Uhr

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