Die Liebe zum Chef ist in der Schweiz erlaubt, aber ...

Das Beziehungsverbot, das den McDonald’s-Chef den Job kostete, wäre in der Schweiz nicht erlaubt. Es kann aber gefährlich werden, wenn die Liebe verheimlicht wird.

Liebe am Arbeitsplatz: Firmen tun sich schwer damit.

Liebe am Arbeitsplatz: Firmen tun sich schwer damit.

(Bild: Keystone GAETAN BALLY)

Jorgos Brouzos@jorgosbrouzos

Trotz Tinder und Co. bleibt der Arbeitsplatz eine wichtige Partnerbörse. Jeder vierte Deutschschweizer hatte laut einer repräsentativen Umfrage des Karrierenetzwerks Xing einmal eine Affäre im Büro, jeder siebte hat dort seine grosse Liebe gefunden. Man verbringt dort viel Zeit zusammen, erlebt stressige Situationen, die zusammenschweissen, und lernt sich so gut kennen. Doch die Beziehungen können für die Unternehmen rechtlich heikel werden.

US-Unternehmen sind daher dazu übergegangen, Liebesbeziehungen zwischen Chefs und Mitarbeitern zu verbieten. Das musste Steve Easterbrook spüren, der gestern seinen Posten als McDonald’s-Chef räumen musste. Er habe die Firmenvorschriften verletzt, in dem er ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin eingegangen sei, teilte das Unternehmen mit. Damit habe er ein «schlechtes Urteilsvermögen» bewiesen. Dies auch wenn die Affäre einvernehmlich war. In einer E-Mail an die Mitarbeiter des Fast-Food-Konzerns beschrieb Easterbrook sein Verhalten als «einen Fehler». «Angesichts der Werte des Unternehmens stimme ich mit dem Vorstand überein, dass es für mich an der Zeit ist, weiterzuziehen.»

Laut Mc Donald’s in der Schweiz gilt diesbezüglich für alle Ländergesellschaften ein Reglement. Liebes- oder sexuelle Beziehungen zwischen Mitarbeitenden, die eine Unterstellungsbeziehung haben, seien zu vermeiden oder die Beziehung sollte sonst den Vorgesetzten gemeldet werden, so eine Sprecherin. Das Ziel dieser Regelung sei es, Konflikte zwischen privaten- und Unternehmensinteressen zu vermeiden.

Andere Unternehmen handhaben dies ähnlich. Easterbrook ist daher nicht der erste Firmenchef, der deswegen seinen Job verliert. Im Juni 2018 stolperte Brian Krzanich, Chef des Chipkonzerns Intel, über eine einvernehmliche Affäre mit einer Mitarbeiterin. Auch bei Intel besteht eine interne Richtlinie, die das verbietet.

Beziehungsverbot unzulässig

In der Schweiz dürfte eine solche Regelung für Chefs oder Chefinnen einen schweren Stand haben. Laut Arbeitsrechtler Roger Rudolph, Professor an der Universität Zürich, gebe es dazu bis dato in der Schweiz so gut wie keine Rechtsprechung oder Literatur zur Liebe am Arbeitsplatz. Auch sei im Gesetz nichts zu diesem Thema zu finden. «Beziehungsverbote in Arbeitsverträgen oder Reglementen sind nach schweizerischem Arbeitsrecht unzulässig, weil sie zu stark in die Persönlichkeit der Arbeitnehmenden eingreifen», so Rudolph. In Deutschland habe ein Gericht diese Auffassung gestützt.

Ein Arbeitgeber könne aber Massnahmen ergreifen, wenn etwa zwischen den Beziehungspartnern im Betrieb ein Abhängigkeitsverhältnis bestehe, so Rudolph. Dazu gehören etwa die Umverteilung von Arbeiten, Kompetenzen oder die Versetzung einer Person. Dies, um das Risiko einer Interessenkollision zu vermeiden, also dass private und betriebliche Interessen sich in die Quere kommen. Ein Vorgesetzter könnte etwa versucht sein, seinen Partner zu bevorzugen. Doch es kann auch für den Untergebenen zu schwierigen Situationen kommen. Dies, wenn seine Erfolge intern Neid wecken und nur mit der Beziehung zum Vorgesetzten erklärt werden.

Obwohl viele Unternehmen entsprechende Regelungen kennen, tun sie sich mit solchen Situationen schwer. Vor kurzem machte der Finanzblog «Inside Paradeplatz» publik, dass der Schweiz-Chef des Versicherers Swiss Life eine Beziehung zu einer ihm direkt unterstellten Mitarbeiterin eingegangen war. Zwar wurde die Frau später versetzt. Doch offenbar sorgte die Beziehung intern immer noch für Bedenken. «Uns war klar, dass diese Situation keine reine Privatangelegenheit sein konnte», so eine Swiss-Life-Sprecherin. Und weiter: «Wir bedauern es sehr, dass diese Angelegenheit intern Gerüchte und heftige Diskussionen ausgelöst hat, die auch die Privatsphäre betrafen.» Dies habe nochmals gezeigt, wie anspruchsvoll der Umgang mit derlei Konstellationen sei. «Wir sind deshalb zusammen mit allen Beteiligten im Interesse von Swiss Life zum Schluss gekommen, dass die Partnerin unseres Schweiz-Chefs ihren beruflichen Weg jetzt ausserhalb des Unternehmens weiterverfolgen wird», so eine Sprecherin.

Heikle Beziehung nicht gemeldet

Auch bei Raiffeisen kam es in der Vergangenheit zu zwei Situationen, die Fragen aufwarfen. So setzte der frühere Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz seine heute getrennt von ihm lebende Frau Nadja Ceregato als Rechtschefin ein. Der mögliche Interessenkonflikt wurde damals durch die Medien kritisiert und löste sich erst auf, als Vincenz als Raiffeisen-Chef abtrat.

Vincenz’ Nachfolger Patrik Gisel verheimlichte eine Beziehung zur ehemaligen Raiffeisen-Verwaltungsrätin Laurence de la Serna. Sie hatte als Verwaltungsrätin eine Kontrollfunktion über Gisel und hätte bei Entscheiden über Gisels Verbleib an der Spitze oder Lohnfragen in den Ausstand treten müssen. Erst durch Medienberichte wurde die Beziehung Ende des letzten Jahres öffentlich. De la Serna war damals bereits nicht mehr im Verwaltungsrat von Raiffeisen. Gisel war davor schon für seine Rolle in der Ära Vincenz kritisiert worden. Doch die verheimlichte Beziehung setzte seiner Ägide ein Ende. Er zog die Konsequenzen und trat von seinem Posten als Raiffeisen-Chef zurück.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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