Die IS-Chefs verlassen ihre Hochburg

Der Luftkrieg der Franzosen gegen die IS-Terrormiliz zeigt offenbar Wirkung. Hochrangige IS-Kader und ihre Familien sollen sich von Raqqa in Syrien ins irakische Mossul bewegen.

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Seit Sonntag fliegt Frankreich mit in Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten stationierten Kampfjets der Typen Rafale und Mirage 2000 intensive Luftangriffe auf Ziele der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien. Sie bombardierten Kommandozentralen und andere Einrichtungen des IS in Raqqa, der Hauptstadt der Jihadisten, und in Deir al-Sor. Glaubt man der mit der Opposition verbundenen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London, zeigen sie erste Wirkung. Deren Informanten berichten, mindestens 33 IS-Kämpfer seien getötet worden – die vielleicht sogar wichtigere Information: Hochrangige IS-Kader und ihre Familien würden sich von Raqqa nach Mossul bewegen. Die Grossstadt mit einst 2,5 Millionen Einwohnern ist die Hochburg des IS im Irak.

War die Bilanz der Luftangriffe bisher eher dürftig, gerät der IS derzeit an mehreren Fronten militärisch unter Druck. Russland feuerte – erstmals im Kampfeinsatz – von einem U-Boot im Mittelmeer Marschflugkörper ab, die teils auch Ziele bei Raqqa trafen. Langstreckenbomber flogen von Russland aus Angriffe, Moskau will weitere 37 Flugzeuge nach Syrien verlegen und vermutlich einen weiteren Stützpunkt dort aufbauen. Allerdings bombardiert die russische Luftwaffe weiterhin überwiegend Gruppen der bewaffneten Opposition, die gegen Machthaber Bashar al-Assad kämpfen, etwa in der Provinz Idlib. Ein mit den Syrien-Gesprächen vertrauter westlicher Diplomat sagte, noch gebe es keine Anzeichen, dass Russland die Strategie ändere und sich auf die Bekämpfung des IS konzentriere.

Offensive der Peschmerga

Paris und Moskau wollen aber ihre Einsätze zumindest abstimmen – es wird langsam voll am Himmel über Syrien und auch in den Küstengewässern. Russlands Präsident Wladimir Putin empfängt seinen französischen Kollegen François Hollande am 26. November in Moskau. Frankreich hat den Flugzeugträger Charles de Gaulle mit 24 Jets an Bord ins Mittelmeer vor Syrien in Marsch gesetzt, wo auch russische Kriegsschiffe kreuzen. Die zusätzlichen Jets würden Frankreich erlauben, die Anzahl seiner Einsätze über Wochen zu verdreifachen.

Zugleich haben Tausende Peschmerga-Kämpfer der kurdischen Regionalregierung im Irak – unterstützt durch Volksverteidigungseinheiten (PYD) aus Syrien und Kämpfern der jesidischen Minderheit – eine Grossoffensive gegen den IS entlang des Sinjar-Gebirges gestartet. Die USA unterstützen sie mit Erdkampfflugzeugen vom Typ A-10 Thunderbolt, die sich im Irak und Afghanistan als wirksame Waffe im Kampf gegen Guerilla-Einheiten erwiesen haben.

Die kurdischen Einheiten eroberten die Stadt Sinjar vom IS zurück und kontrollieren jetzt auch einen Dutzende Kilometer langen Abschnitt der strategisch wichtigen Überlandstrasse entlang des gleichnamigen Gebirgszuges, die Mossul und Raqqa verbindet. Damit sollen dem IS die Nachschubwege gekappt werden, allerdings gibt es in der wüstenähnlichen Region Hunderte Kilometer unbefestigter Strassen, auf welche die Terrormiliz ausweichen kann. Die Türkei und die USA wollen gemeinsam die nördliche Grenze Syriens schliessen. Aus türkischer Sicht ist die Operation der erste Schritt, um eine Sicherheitszone im Nachbarland einzurichten.

USA bombardieren Tankwagen

Während für die USA und andere westliche Staaten eher im Mittelpunkt stehen dürfte, dem IS die Bewegungsfreiheit zu nehmen und den Terror-Tourismus zu unterbinden, verfolgt die Türkei andere Ziele: In Ankara sieht man mit Sorge, wie kurdische Kämpfer immer grössere zusammenhängende Gebiete in Nordsyrien unter ihre Kontrolle gebracht haben. Die USA ihrerseits sind skeptisch, was die Einrichtung einer Sicherheitszone angeht. Zum einen wäre diese ohne eigene Bodentruppen kaum zu verteidigen – sowohl Ankara als auch Washington schliessen deren Entsendung aber aus. Zum anderen ist nach Russlands Eingreifen die ursprünglich von der Türkei verfolgte Idee einer Flugverbotszone hinfällig. Luftabwehr und Einrichtungen zur elektronischen Kampfführung, die Moskau in Syrien installiert hat, helfen der russischen Luftwaffe, den dortigen Luftraum zu kontrollieren.

Die USA verlegen sich deswegen darauf, wieder stärker gegen den Öl- und Benzinschmuggel durch den IS vorzugehen, eine der wichtigsten Einnahmequellen der Terrormiliz. Sie bombardierten in den vergangenen Tagen mehr als 100 Tankwagen sowie mobile Raffinerien im Grenzgebiet zur Türkei und nach Irak und übermittelten Frankreich Zielkoordinaten für weitere Angriffe. Bisher hatten die USA eine gewisse Zurückhaltung an den Tag gelegt. Um die Umwelt zu schonen und nicht die Infrastruktur eines künftigen syrischen Staates zu zerstören, attackierten sie Ölfelder und wichtige Fördereinrichtungen nur sporadisch. Auch hängen Millionen Menschen im Herrschaftsgebiet des IS gerade auch angesichts des nahenden Winters von Treibstoff aus diesen Quellen ab.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.11.2015, 19:57 Uhr

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