Die anderen dürfen, Lara Gut muss

Vor der Ski-WM dreht sich bei den Schweizern alles um Lara Gut. Sie soll gleich im ersten Rennen für Ruhe im Team sorgen. Die Erwartungen an sie sind riesig.

In Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, in der Kombination – am besten soll Lara Gut gleich überall zuschlagen.

In Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, in der Kombination – am besten soll Lara Gut gleich überall zuschlagen.

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Irgendwann wird heute Abend das letzte Tanzbein geschwungen sein im Kulm Park in St. Moritz. Werden die Lichter gelöscht, ist die pompöse Eröffnungsfeier dieser WM zu Ende. Und die Blicke richten sich auf den Sport, in erster Linie auf die Stars der Ski-Szene. Darunter Lara Gut.

Wobei «darunter» nicht annähernd beschreibt, was Lara Gut für diese WM aus Schweizer Sicht ist: Sie ist die grosse Hoffnungsträgerin. Nein, sie ist noch mehr. Von ihr könnte abhängen, ob diese WM enttäuschend wird, ob sie gut wird – oder gar grandios. Es gibt keinen Experten, keinen Vertreter des Schweizer Verbandes, der ihren Namen nicht nennt.

Wenn Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann davon spricht, dass die Schweiz in neun von elf Wettbewerben reelle bis sehr gute Medaillenchancen habe, dann sagt das auch viel über die ­Bedeutung von Lara Gut aus. In drei dieser neun Disziplinen kommt nur die Tessinerin ernsthaft infrage für einen Podestplatz.

Wunderdinge werden erwartet

Die Erwartungen an sie sind gross. In Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, in der Kombination – am besten soll sie gleich überall zuschlagen. Wichtig wäre vor allem, so der Tenor, dass sie bereits morgen im ersten Rennen eine ­Medaille holt und für einen positiven Auftakt aus Schweizer Sicht sorgt, im Super-G, ihrer Paradedisziplin. Dann würde schon etwas Ruhe einkehren bei den Schweizern, sicherlich kein Desaster drohen wie 2005 in Bormio, als sie ohne Medaille abreisten.

Gut gelaunt spricht Lara Gut am Sonntag vor den Medien. Foto: Gian Ehrenzeller/ Keystone

Es lastet viel Druck auf Lara Gut. Zwar sagte sie am Sonntag, es wäre noch ganz anders, hätte sie nicht diesen Sturz vor einer Woche im Super-G von Cortina d’Ampezzo gehabt, der sie unmittelbar vor dem Höhepunkt zwang, sich zu schonen, anstatt zu trainieren. Sie weiss aber, dass von ihr auch so Wunderdinge erwartet werden. Einmal mehr.

Seit sie 2008, mit 17 Jahren, in ihrem fünften Weltcuprennen als Dritte ins Abfahrtsziel von St. Moritz stürzte, ist das so, wurde ihr endgültiger Durchbruch sehnlichst erwartet. Als sie im letzten Winter dann den Gesamtweltcup gewann, sagte daher manch einer: «Endlich!» Und vergass dabei, dass Gut erst 24-jährig war. Viele stehen in diesem Alter noch ganz am Anfang ihrer Karriere.

Nun ist Gut 25, noch immer jung für eine Skifahrerin. Aber: Sie ist deutlich gereift. Sie hat im vergangenen Winter gelernt, was sie braucht, damit sie sich ganz auf das Wesentliche, aufs Ski­fahren, konzentrieren kann. Wie sie ihre Zeit einteilen muss, dass sie nur noch gezielt Termine wahrnehmen sollte, wie sie mit Druck umgehen muss, schliesslich war das Alltag für sie. Rennen für Rennen drehte sich alles um das Duell gegen Lindsey Vonn. Rennen für Rennen versuchte sie, diese Gedanken auszublenden. Meist mit Erfolg.

Grosser Druck

Deshalb sind die Erwartungen an sie zwar riesig, aber nicht ­vermessen. Es ist unbestritten, dass sie diesen gerecht werden kann. Aus Sicht der Öffentlichkeit muss sie diesen gerecht werden, alles andere wäre eine Enttäuschung. Und das ist der Unterschied von ihr zu anderen Athleten von Swiss-Ski. Sie muss, andere dürfen. Wieso eigentlich?

Denn mit Wendy Holdener hat sie eine Teamkollegin, die im Slalom nur einmal in diesem Winter nicht auf dem Podest stand. Die auch in der Kombination zu den Favoritinnen gehört. Die bereit scheint für den Coup, und sich auch selber der Aufgabe gewachsen sieht.

Und es gibt Beat Feuz, der mit seinen Anlagen, seinem ihm ­eigenen Gefühl für Körper, Ski und Unterlage in der Abfahrt und/oder im Super-G reüssieren müsste – zumal der Emmentaler hier beim Weltcupfinal im Vorjahr in beiden Disziplinen triumphierte.

«Ich stehe überhaupt nicht alleine da.»Lara Gut

Da ist Carlo Janka, der bereits seine fünfte WM bestreitet und immer gut ist für ein Spitzenresultat, gerade auch an Grossanlässen. Es gibt Daniel Yule, dem nur noch ganz wenig fehlt zu seinem ersten Podestplatz im Slalom. Oder Patrick Küng, der vor zwei Jahren bewiesen hat, dass er am Tag X bereit sein kann, als er in Beaver Creek ­Abfahrtsweltmeister wurde.

Lara Gut sagt deshalb zu Recht: «Ich stehe überhaupt nicht alleine da.» Aber sie steht eben vor allen anderen. Das zeigte der gestrige Tag in St. Moritz eindrücklich. In einem Saal im Teamhotel hielt sie ihre Pressekonferenz. Bald erwies sich der Raum als deutlich zu klein, mussten die beweglichen Wände beiseitegeschoben werden, standen sich dennoch Fotografen und Journalisten auf den Füssen herum, um das beste Bild zu machen, um ihre Stimme gut zu hören.

Ruhe bei den Männern dank Gut

Als sie sich 13 Minuten später aufmachte zu den Fernsehinterviews, liefen nebenan die anderen Schweizerinnen ein. Kaum ein ausländischer Journalist war da noch zugegen. Später bei den Männern war das Bild ähnlich.

Lara Gut überstrahlt derzeit alle. Mit ihren Triumphen schaffte sie in der jüngsten Vergangenheit gar das Kunststück, dass Misserfolge im Männerteam nicht mehr wie einst zu grosser Nervosität führten. Lara Gut sorgte für Ruhe über die Geschlechtergrenze hinweg.

Genau das erhoffen sich die Verantwortlichen von Swiss-Ski auch morgen, wenn sie zum Super-G startet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2017, 22:52 Uhr

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