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Die 21-Jährige, die sich mit der Regierung anlegt

Die junge Innerrhoderin Adriana Hörler wirft dem Landammann vor 5000 Leuten eine einseitige Informationspolitik vor.

Auf dem «Stuhl», dem Rednerpult, der Innerrhoder Landsgemeinde kritisierte die Studentin Adriana Hörler am Sonntag die Regierung.
Auf dem «Stuhl», dem Rednerpult, der Innerrhoder Landsgemeinde kritisierte die Studentin Adriana Hörler am Sonntag die Regierung.
PD

Mit weichen Knien steigt sie auf den «Stuhl», tritt ans Rednerpult und blickt auf die versammelte Gemeinde im Ring, 5000 von der Sonne beschienene Köpfe. Dann fährt sie dem «hochgeachteten Herrn Landamann» und den «hochgeachteten Regierungsräten» an den Karren: Sie hätten mit ihrer einseitigen Information zum umstrittenen Spitalprojekt die freie Willensbildung beeinflussen wollen, warf sie ihnen vor. «Damit übersteigen Sie meiner Ansicht nach ihre Kompetenzen als neutrale Behörde bei weitem.» Sie stand im geblümten Kleid vor der Gemeinde, klein und zierlich, und sprach mit fester Stimme. Ihr Votum schloss sie mit den Worten: «So geht doch das Prinzip der Demokratie verloren!»

Las dem Landammann die Leviten: Adriana Hörler. Bild: zvg
Las dem Landammann die Leviten: Adriana Hörler. Bild: zvg

Wer traut sich?

Unter Applaus stieg sie das Treppchen wieder hinunter – was den Versammelten prompt einen Rüffel des Landammanns einbrachte. Es sei nicht angebracht, nach einzelnen Voten zu klatschen, wies er sie zurecht. Aber die junge Frau, die 21-jährige Adriana Hörler, bis zu diesem Moment politisch unauffällig, hatte ihnen aus dem Herzen gesprochen. Als die Vorlage am Sonntag an der Innerrhoder Landsgemeinde diskutiert wurde, war im Ring wiederholt ein Geraune zu hören; so manche hatten den Eindruck, der Landammann pariere nur kritische Voten, die Wohlwollenden lasse er unentgegnet, selbst wenn sie nicht stimmig waren. Insbesondere die ältere Generation hätte sich nie getraut, den hochgeachteten Herrn Landammann zu kritisieren oder auch nur eine Aussage von ihm zu hinterfragen.

Adriana Hörler schon. Und sie wusste, wovon sie sprach. Sie studiert im 4. Semester Jus an der Universität Bern und weil auch sie schon vor der Landsgemeinde den Eindruck bekam, die Behörden nähmen mehr Einfluss auf die Willensbildung als sie dürften, sprach sie ihre Dozentin darauf an. Nach dem Gespräch stand für sie fest: «Das Volk muss das wissen», wie sie dem «Regionaljournal Ostschweiz» sagte.

Willkür würde Landsgemeinde gefährden

«Adriana hat etwas in Bewegung gesetzt», sagt ihr Vater Bruno Hörler, auch er Jurist, nicht ohne Stolz. Sie sei keine, welche die Aufmerksamkeit suche. «Aber wenn ihr etwas wichtig ist, dann steht sie hin.» Und wichtig war es am Sonntag – letztlich ging es um nichts weniger als um die Landsgemeinde, diese urdemokratische Institution, die nur in den Zwergenstaaten Glarus und Innerrhoden mit 40'000, respektive 16'000 Einwohnern noch Bestand hat. Die Landsgemeinde hat Schwächen: Nicht alle, die möchten, können hin, und das Stimmrechtsgeheimnis wird in keiner Weise gewahrt. Wenn sie nun auch noch zu einer von Willkür geprägten Veranstaltung verkomme, so befürchtet die «Appenzeller Zeitung», geriete sie vollends ins Wanken.

Hörlers Einschreiten wird nicht ohne Folgen bleiben: Grossräte wollen im Parlament Vorstösse einreichen, um die Führung der Landsgemeinde stärker zu regeln. Und Adriana Hörler selber prüft eine Einzelinitiative. Man wird von ihr hören.

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