Der verrückteste SRF-Experte

Lutz Pfannenstiel überlebte: Koma, Kerker, Drill. Unter anderem.

Ein Mann mit viel Erfahrung: Lutz Pfannenstiel (Mitte) im WM-Studio von SRF. (Bild SRF)

Ein Mann mit viel Erfahrung: Lutz Pfannenstiel (Mitte) im WM-Studio von SRF. (Bild SRF)

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Man merkt es ihm nicht an. Lange Haare, Bärtchen, glucksendes Bayrisch. Er könnte ein Trainer in der Warteschlaufe sein. Oder ein Ex-Spieler, der nach Karriere-Ende Anschluss sucht. Was sich im Leutschenbach halt so versammelt während einer WM. Doch Lutz Pfannenstiel ist ein Fussball-Experte der anderen Art.

Rückblende: Der Anfang ist sehr korrekt, sehr deutsch. Lutz Pfannenstiel, geboren 1973 in einem Dorf namens Zwiesel, ist ein talentierter Nachwuchsgoalie. Er spielt für Deutschlands U-17, wird vom FC Bayern eingeladen, schwitzt im Torwarttraining neben Oliver Kahn. Die Bayern wollen ihn im Amateurteam aufbauen. Aber Pfannenstiel will lieber gleich Profi werden. Er bekommt die Gelegenheit – in Malaysia. Zum ersten Mal tippt er die Telefonnummer eines Agenten, als fülle er einen Lottoschein aus. Vielleicht bringts ja Glück. In Malaysia wird er von einem Chauffeur zum Stadion gekarrt, sein erstes Spiel läuft schon, in der zweiten Halbzeit wird er eingewechselt. Zehntausend Zuschauer sind da, der Deutsche wird ausgerufen als «der ehemalige Torwart von Bayern München». Pfannenstiel ist im Spitzenfussball angekommen, auf seine Weise.

Mal gegen Beckham gespielt

Starrsinn, Lust auf Abenteuer und die Hoffnung, irgendwann noch bei einem Topclub unterzukommen – diese Kombination treibt Pfannenstiel in immer exzentrischere Umlaufbahnen des Weltfussballs. Er altert, wird herumgereicht. Beinahe wechselt er zum FC Aarau, entscheidet sich dann aber für Südafrika. In Finnland wird er während eines Matches von einem Insektenschwarm umsurrt, muss in die Kabine flüchten. «Draussen hörten wir das Brummen», schreibt Pfannenstiel in seiner Biografie «Unhaltbar» (2009, Rowohlt). In Albanien trifft er auf besonders hitzige Fans, nach einem absurden Penaltypfiff für die Heimmannschaft stellt er den Schiedsrichter zur Rede. Dieser antwortet: «Glaubt ihr, ich lasse mir von 3000 Zuschauern hier die Fresse polieren?»

In England spielt er mal gegen David Beckham, mal rammt ihn ein Stürmer, worauf Pfannenstiel kurz ins Koma fällt (keine Folgeschäden). In China verspricht der Club von Guangzhou ein üppiges Gehalt, Pfannenstiel reist mal wieder voller Hoffnung hin. Dort wird er in eine Art Militärcamp gesteckt: Frühmorgens schlägt einer mit dem Kochlöffel auf ein Blech, danach gibts Drillübungen und frittierte Vogelküken. Pfannenstiel flieht nach Singapur, wo er in einen Wettskandal hineingerät, er beteuert seine Unschuld, aber das nützt nichts: hundert Tage Knast.

Irgendwann dämmert es Pfannenstil, dass es so nicht weitergehen kann. Er sucht nach solideren Jobs, wird Scout bei Hoffenheim und Experte beim deutschen Fernsehen. An dieser WM ist er auch im SRF-Studio zu sehen, wenn asiatische oder afrikanische Teams spielen. Der Weitgereiste kennt viele Spieler und Trainer persönlich. Kurzer Anruf bei Pfannenstiel: Was kommt als nächstes? «Ich bin sehr glücklich mit diesen Jobs», erklärt Pfannenstiel erst. Dann: «Im Fussball gehts ja schnell. Man kann die Zukunft nur schwer planen.» Erst kürzlich habe er ein gutes Angebot aus Saudiarabien bekommen.

Pfannenstiel ist nächsten Sonntag, 24. Juni, ab 17 Uhr auf SRF zwei im Einsatz.

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